Politsprech mit grauen Strähnchen

Engagierter Diskurs über den Diskurs: Erhard EpllerWas steckt hinter dem Gebrauch bestimmter Begriffe in politischen Debatten? Danach fragt Erhard Eppler in Der Politik aufs Maul geschaut – Kleines Wörterbuch zum öffentlichen Sprachgebrauch. Um Antworten ist er nicht verlegen. Leider hinken Begriffsauswahl und Meinungsbild der Zeit hinterher. Von Lennart Faix

Das ist doch…Fidel Castro? Nein! Erhard Eppler heißt der ergraute Bärtige, der da auf dem Buchdeckel beschwörend über die Mikrophone seines Rednerpultes hinwegblickt; die Stirn in Falten, die Fäuste geballt. Er hat Der Politik aufs Maul geschaut – so der Titel seines neuen Buches.

Bestimmte „Kampfbegriffe“ und „geflügelte Wörter“ macht sich jeder Politiker zu Eigen. Er prägt sie auf Ansprachen, wiederholt sie in Interviews und erörtert sie in Talkshows. „Doch welche Absichten und Ansichten stecken hinter dem Gebrauch solcher Wörter?“, fragt der Klappentext des Buches. Autor Erhard Eppler war jahrelang Bundestagsabgeordneter der SPD, zudem ist er Germanist und Lehrer – wer also könnte geeigneter sein für die Beantwortung dieser Frage?

Das ABC des Erhard E.

Das Maul der Politik, betrachtet durch Epplers Brille, wird erklärt anhand knapp fünfzig ausgewählter Begriffe. Verkürzt dargestellt sähe das ungefähr so aus:

  • Leistungsträger (m; -s, -): Bezeichnet reiche Personen innerhalb der Steuersenkungsdebatte. L. zahlen Steuern (siehe auch: Elite). Entgegen sozialdemokratischem Empfinden bezeichnet L. nicht: Rentnerin, die Ehemann versorgt, sofern Rente nicht versteuert (siehe auch: Gerechtigkeit).

Gesellschaftliche Leistung am reinen Einkommenssteuervolumen festzumachen zementiere eine „Erfolgs-“ und keine „Leistungsgesellschaft“, so Eppler. Die „Verzocker von Millionen“, würden durch diesen Begriff geadelt, der schrumpfende Mittelstand hingegen beleidigt. Mehr Sympathien hegt Eppler für eine andere Spezies:

  • Gutmensch (m; -en; -en): Populäres Schimpfwort; aufdringlicher Wohltäter, der sich im Glanz seiner guten Taten sonnt.

Hier beklagt der Autor einen zunehmend inflationären Gebrauch und damit eine akute Verunglimpfungsgefahr bei jedweder Hilfsbereitschaft. Diese führe alsbald zu einem unerträglichen Zusammenleben. Lange war Eppler Vorsitzender der SPD-Grundwertekommission und Präsident des Evangelischen Kirchentages. Selbstverständlich nutzt er sein Buch auch, um für mehr Nächstenliebe in einer kalten Welt zu streiten. Zu einfach ist allerdings seine Aufteilung der Gesellschaft: hier die Abzocker, die Modernisierer und dort die Benachteiligten und dummen Ehrlichen.

Neues Buch in alten Denkmustern

  • Fortschritt (m; -s, unz.) 1. früher: „Industrialisierung, wachsender Wohlstand, weniger Plackerei, mehr Bildung, weniger Gängelung, weniger Obrigkeitsstaat, freiheitliche Verfassung“ (je nach politischer Gesinnung für bestimmte Schichten beanspruchbar) 2. heute: oft gleichgesetzt mit wirtschaftlichem Wachstum: F. ist messbar, erfahrbar, erreichbar. Auch: „Fortschrittsglaube“: menschliche Geschichte als unaufhaltsamer Weg zu leistungsfähigerer Wissenschaft und perfekter Technik (siehe auch: Ideologie).

Eben letzter Aspekt werde heutzutage überbetont. Die „Trickle-Down“-Theorie geißelt Eppler als Fortschritts-Utopie und beklagt hierbei auch einen publizistischen Konformismus – wohl mit ihm selbst als der Ausnahme.

  • Wertkonservatismus (m; -, -unz.): Verteidigt Werte gegenüber (Macht-)Strukturen.

Ein solcher „wird sich immer wieder mit Progressiven verbünden“, prophezeit Eppler, bevor er sich dessen Gegenspieler vorknöpft:

  • Strukturkonservatismus (m; -, unz.): Ideologisches Gebräu aus Liberalismus der Jahrhundertwende, Sozialdarwinismus und Technokratie (wobei hier Übergänge ohnehin fließend) – (siehe auch: Links-Rechts).

Wäre Erhard Eppler ein Duden, die analytische Durchdringung des politischen Diskurses wäre ein für allemal geklärt: Im Wesentlichen brüllen fortschrittsgläubige, eher liberale aber irgendwie auch rechtsgerichtete Aufschwungs- und Steuersenkungslügner den kleinen Mann, den gesunden Menschenverstand und die eher links gerichtete Gerechtigkeit nieder – so einfach ist das. Zwar benutzt auch Eppler zuweilen die Wörter „zwar“ und „aber“. Aber mit fortschreitender Lektüre scheinen seine Ansichten und Argumentationen wohl auch inhaltlich Sympathisierenden zunehmend berechenbar und schließlich so einseitig wie die vorliegende Rezension.

Menschenfreund aus der Vorzeit

Einige Punkte seien zu Epplers Verteidigung erwähnt: Er schreibt kurzweilig und zuweilen unterhaltsam. Er ist ein gebildeter Mann, der stets eine passende Anekdote zu erzählen weiß. Er ist ein ebenso erfahrener wie engagierter Politiker, der eben nicht aus kühler Distanz zum Geschehen schreibt und genau deswegen authentisch ist. Man nimmt ihm seine ehrliche Sorge um das Wohl der Gesellschaft ab. Und selbstverständlich ist Kapitalismuskritik nicht allein deshalb unangebracht, weil es sie schon lange gibt.

Dennoch zeigt schon der Blick auf das Inhaltsverzeichnis: Moral, Gerechtigkeit und Wahrheit; Bildung, Neid und Vertrauen – das alles sind Begriffe, die schon lange vor Epplers politischer Karriere bis zur Unkenntlichkeit abgenutzt waren. Für eine seriöse Analyse sind weder die kurz gehaltenen Abschnitte noch der Plauderton des Autors geeignet. Castro-Doppelgänger? Wer will, mag Parallelen erkennenNur selten greift Eppler einen Begriff auf, der tatsächlich konkrete Erinnerungen an bundespolitische Debatten hervorruft. Doch selbst der Bierdeckel („unscheinbares Utensil mit steiler politischer Karriere“) ist nun schon einige Jahre alt. Die wahren Keulen aktueller Debatten und die neuen Modewörter des öffentlichen Meinungswettbewerbs vermisst man hingegen: Migrationshintergrund oder Brückentechnologie, Vernetzte Sicherheit oder Hartz IV – sie alle finden keine Erwähnung. Und so drängt sich am Ende doch noch ein Vergleich mit Fidel Castro auf: Noch lange nicht tot, aber irgendwie auch schon Vergangenheit.

Eppler, Erhard
Der Politik aufs Maul geschaut – Kleines Wörterbuch zum öffentlichen Sprachgebrauch
(2009) Dietz-Verlag, 2009
139 Seiten, IS BN 987-3-8012-0397-9, 14,80 Euro

Die Bildrechte liegen beim Dietz-Verlag (Cover) und bei Prefeitura de Olinda (Fidel Castro, Creative-Commons-Lizenz).


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