Erfolgreiche Bilanz des Parteienhandels

Die Prognosen von wahlstreet.de im Vergleich mit den Zahlen der Umfrageinstitute und den tatsächlichen Stimmentanteilen.

Auf der Online-Wahlbörse wahlstreet.de konnten die Nutzer mit virtuellen Aktien der Parteien handeln, eine Rendite verdienen und zu einer Prognose der Ergebnisse der Bundestagswahl beitragen. Dabei konnte es die Börse sogar mit den großen Instituten aufnehmen. Eine Bilanz von Patrick Riordan.

Die Frage wie politische Wahlen ausgehen werden, ist so alt wie die Wahlen selbst. Das seit den 1930er Jahren am weitesten verbreitete Vorgehen ist die Berechnung von Prognosen auf Basis von Bevölkerungsumfragen. Einige große Meinungsforschungsinstitute stellen in diesen Umfragen regelmäßig die so genannte „Sonntagsfrage“, welche im Durchschnitt über alle Wahlberechtigten ein aktuelles Bild der politischen Stimmung im Land ergeben soll. Gefragt wird hierbei danach, welche Partei man wählen würde, wäre am kommenden Sonntag Bundestagswahl. Die gängige Praxis, die Ergebnisse der Sonntagsfragen zu gewichten, um hieraus ein „realistischeres“ Stimmungsbild zu generieren, ist jedoch kritisierbar. Eine relativ neue Alternative zur Prognose von Wahlergebnissen stellen Wahlbörsen wie wahlstreet.de dar.

Warum Prognosemärkte funktionieren

Bei Wahlbörsen handelt es sich um virtuelle Märkte, auf denen mit Aktien von Parteien gehandelt werden kann. Die dahinter stehende Idee ist folgende: Zum Zeitpunkt der Auszahlung – nach der Wahl – entspricht der Wert der Aktien dem Stimmenanteil der Partei. So lange der Kurs einer Partei also noch unter dem von den Nutzern erwarteten Stimmenanteil liegt, lohnt es sich, in diese Partei zu investieren. Da alle Börsenteilnehmer ihren Gewinn durch ihr Handeln maximieren wollen, werden sie alle ihnen verfügbaren Informationen in ihre Entscheidungen einfließen lassen. Da dies alle Teilnehmer am Markt tun, sorgt der Markt – der ökonomischen Theorie zufolge – für eine optimale Zusammenfassung der Informationen.

Wegen der zu jedem Zeitpunkt bestmöglichen Zusammenführung wichtiger Informationen, müssten die Kurse kurz vor der Wahl das Ergebnis sehr gut vorhersagen. Gegenüber den Umfragen haben die Wahlbörsen entscheidende Vorteile: Die Durchführung einer Wahlbörse verursacht deutlich weniger Kosten als regelmäßige telefonische Befragungen und die Ergebnisse sind aus wissenschaftlicher Sicht besser nachvollziehbar, da anders als bei den Umfrageinstituten keine nachträglichen Gewichtungen der Daten vorgenommen werden.

Wahlbörse schlägt Institute!

Nach der Wahl besteht nun die Möglichkeit Bilanz zu ziehen und die Prognose der Institute mit den Ergebnissen von wahlstreet.de zu vergleichen. Es zeigt sich, dass die Wahlbörse die Ergebnisse der Bundestagswahl im Durchschnitt besser prognostiziert hat (siehe Bild). Die Abweichung der Ergebnisse von wahlstreet.de von den tatsächlichen Stimmenanteilen liegt bei lediglich knapp einem Prozentpunkt, während die Institute um fast den doppelten Betrag daneben liegen.

Die insgesamt 724 Teilnehmer bei wahlstreet.de haben offensichtlich die richtigen Informationen im Markt zusammengetragen. Ein relativ erstaunliches Ergebnis ist, dass wichtige Ereignisse wie die Landtagswahlen oder das TV-Duell auf die Anteile der Parteien keine großen Auswirkungen haben. Projektleiter Christian Ganser vom Institut für Soziologie der LMU München vermutet, dass dies auf eine eher langfristige Anlagestrategie der meisten User zurückzuführen sein könnte.

Ein sehr erfolgreiches Projekt

Der Erfolg gibt dem Projekt also durchaus recht, was die beiden Koordinatoren von wahlstreet.de, Christian Ganser und Jochen Groß, erfreuen dürfte. Sie werden die Daten der Wahlbörse nun genauer analysieren, um tiefere Einsichten in die Wirkungen von solchen Prognosemärkten zu erhalten.

Es wird sich zeigen, ob das alternative Konzept der Wahlbörse den etablierten Prognosen der großen Umfrageinstitute auf Dauer die Stirn bieten kann. Wer diese Forschung unterstützen möchte, sollte einfach bei einer Wahlbörse mitmachen – zu fast jeder Wahl werden von verschiedenen Institutionen Prognosemärkte angeboten. Neben dem lobenswerten Engagement im Dienst der Wissenschaft kann das Spekulieren und Handeln vor allem auch richtig Spaß machen!


Die Bildrechte liegen bei Jochen Groß.


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