Diplomaten des Heiligen Stuhls

Vom Vatikan oder dem Heiligen Stuhl ist in der internationalen Politik nicht viel bekannt. Und wenn doch ist das Bild fragmentarisch oder gar voreingenommen. Ralph Rotte schließt mit seinem Werk eine Lücke in der Außen- und Friedenspolitik des ältesten religiösen und politischen Akteurs. Von Jodok Troy

Entweder ist das Wissen um die Macht dieser ältesten religiösen Institution die sich seit jeher mit Politik beschäftigt unvollständig oder mit Vorurteilen bedacht. Wahrscheinlich liegt es auch daran, dass einer solchen Institution keine Macht im alltäglichen Sinne zugeschrieben wird. Der Aachener Politologe Ralph Rotte illustriert in seiner Einführung Die Außen- und Friedenspolitik des Heiligen Stuhls, dass diese ein beträchtliches friedenspolitisches Potential aufweist.

Vatikan und Heiliger Stuhl

Die ersten Probleme in der Beschäftigung mit diesem Studienobjekt ergeben sich bereits bei der völkerrechtlichen sowie politikwissenschaftlichen Definition des Vatikan und des Heiligen Stuhls. Hier bietet Rotte eine gute Übersicht mit reichlich Literaturverweisen zum weiter lesen: Der Heilige Stuhl und der Vatikanstaat werden als zwei (getrennte) Einheiten mit Völkerrechtssubjektivität angesehen. Die Verbindung besteht in der Personalunion des Papstes der gleichzeitig Oberhaupt der römisch katholischen Kirche wie auch Staatsoberhaupt des weltlichen Vatikanstaates ist. Der Vatikanstaat ist hingegen die Vorraussetzung der Völkerrechtspersönlichkeit des Heiligen Stuhls: Ohne (territorialen) Vatikanstaat keine Regierung (Heiliger Stuhl/Papst).

Dennoch, auch der Vatikanstaat ist eine abhängige Institution und wird lediglich als administratives Organ des Heiligen Stuhls interpretiert. Die Außenpolitik des Vatikanstaates wird daher auch vom Heiligen Stuhl bzw. von dessen Staatssekretariat gepflegt (so sind auch Diplomaten von anderen Staaten beim Heiligen Stuhl und nicht beim Vatikanstaat akkreditiert). Der Heilige Stuhl in der internationalen Politik ist daher in der Tat ein Akteur „sui generis“. Die älteste religiöse und politische Institution gibt der sozialwissenschaftlichen Analyse daher einige Probleme auf. Es kommt daher auch nicht von ungefähr, dass sich der Heilige Stuhl mit neueren Entwicklungen in der internationalen Politik wie Devolution, nicht-staatlichen Akteuren wie NGOs oder der EU nicht schwer tut, weil sie durch die eigene Geschichte gut bekannt sind.

Die „Macht“ der Kirche

Rotte bietet einen Überblick über die Außenpolitik des Heiligen Stuhls seit seinen Anfängen. Dabei werden historische Hintergründe, außenpolitisches Entscheidungssystem, Motive und Praxis der Außenpolitik ebenso wie besondere bi- und multilaterale Beziehungen des Heiligen Stuhles zu ausgewählten Staaten (Russland, USA Israel, China) und internationalen Organisationen (UNO, EU) beleuchtet. Für viele Leser sicherlich am interessantesten sind die umfangreichen Kapitel über den Heiligen Stuhl im 20. Jahrhundert, dessen Engagement in Konflikten nach 1989 (Golfkriege, Nahostkonflikt, Balkan, Bürgerkriege in Afrika und Südamerika) sowie seine generelle friedenspolitische Konzeption.

Auch wirkt Rotte – durch konsequente Aufdeckung – gängigen Vorurteilen wie dubiosen Einflussnahmen (z.B. durch Opus Dei) und finanzpolitischen Gebarungen entgegen. Die „realpolische“ Macht des Heiligen Stuhls liegt sicherlich in seiner „soft power“, d.h. in geschlossenen Stellungsnahmen, Kontinuität, Grundsätzlichkeit, moralische Autorität sowie – insbesondere durch seinen relativ großen diplomatischen Apparat – in seiner Informiertheit. Aus dem Mangel an „hard power“ lässt sich auch – zu einem gewissen Teil – „das Schweigen des Papstes“ am Holocaust wider besseren Wissens erklären: das Vertrauen auf die Effektivität einer „stillen Diplomatie“.

„Zum ewigen Frieden mit Gott“

Ralph RotteDie Bedeutung des Heiligen Stuhls in der internationalen Politik ist auch und vor allem auf seine Friedenspolitik zurück zu führen. Hiermit ist jedoch kein naiver Pazifismus gemeint, sondern etwa die Betonung der Wichtigkeit multilateraler Politik, die sich auch im Engagement des Heiligen Stuhls um die Vereinten Nationen und pragmatische Abstriche wie die Anerkennung der Notwendigkeit bewaffneter Konfliktlösung ausdrückt. Verallgemeinernd bringt Rotte die Friedensvision- und Politik des Heiligen Stuhls auf die Formel „Zum ewigen Frieden mit Gott“. Damit ist das Eintreten des Heiligen Stuhls für die Prinzipien des demokratischen Friedens im Sinne von Immanuel Kant gemeint: das Setzen auf Demokratie, internationale Organisationen und Freihandel wird als Vorraussetzung für eine friedliche Welt gesehen.

Jedoch hat sich gerade der Heilige Stuhl insbesondere beim Aspekt des Freihandels als Kritiker hervorgetan, der mehr auf eine soziale Marktwirtschaft als auf einen reinen liberalen Freihandel drängt. Insgesamt tritt der Heilige Stuhl somit für einen positiven Friedensbegriff ein. Betont wird das Konzept eines liberalen Friedens im Sinne Kants, ergänzt um ethisch-moralische Komponenten wie das Solidaritäts- und Subsidiaritätsprinzip. Hierbei befindet sich der Heilige Stuhl immer auf einer Gratwanderung zwischen hohen moralischen Ansprüchen und der politischen Realität. Dabei besteht aber immer auch die Gefahr „soft power“ durch die Abstraktheit der Konzepte einzubüßen.

Ralph Rotte ist es mit dem vorliegenden Werk gelungen eine Lücke in der akademischen Forschung zur Außen- und Friedenspolitik zu schließen. Das Buch wird seinem deklarierten Charakter als „Einführung“ gerecht und geht stellenweise sogar darüber hinaus. Insbesondere der Aufbau der Kapitel mit prägnanten Zusammenfassungen am Ende jedes Kapitels macht das Buch zu einem idealen Nachschlagewerk für alle an Außen- und Friedenspolitik interessierten Leser. Allein die Einteilung des Literaturverzeichnisses nach Publikationstypen (Monographien, Aufsätze usw.) ist etwas unglücklich, weil dadurch das Nachschlagen der Literatur erheblich verkompliziert wird.

Rotte, Ralph
Die Außen- und Sicherheitspolitik des Heiligen Stuhls: Eine Einführung
VS Verlag für Sozialwissenschaften 2007, 318 Seiten
Preis: 24,90 Euro
ISBN 9783531149981


Die Bildrechte liegen beim VS Verlag (Cover) und Ralph Rotte (Portrait).


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