Arbeitsagentur abschaffen!

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Georg Vobruba: Mit der Vollbeschäftigung ist es aus
Georg Vobruba leitet das Institut für Soziologie an der Universität Leipzig und hat die Vortragsreihe „Phantomschmerz Vollbeschäftigung“ mit initiiert. Zum Abschluss der Serie "Neue Arbeit braucht das Land" kommentiert er im Interview mit /e-politik.de/ Alternativen für die Zeit nach der Vollbeschäftigung. Sein Fazit: Die Politiker können kaum neue Arbeitsplätze schaffen. Ein Interview von Maria Lang

/e-politik.de/: In Deutschland gibt es zurzeit mehr als fünf Millionen Arbeitslose. Wundert Sie das?

Georg Vobruba: Nein, aus zwei Gründen nicht. Erstens weil der aktuelle Anstieg saisonal bedingt ist. Zweitens haben wir uns an Arbeitslosenzahlen zwischen vier und fünf Millionen gewöhnt. Insofern brauche ich mich nicht zu wundern.

/e-politik.de/: Vollbeschäftigung gibt es schon seit Mitte der 70er Jahre nicht mehr und wird Ihrer Meinung nach nie wieder erreicht. Warum hält die Politik trotzdem an diesem Ziel fest?

Vobruba: Informierte Politiker wissen, dass es mit der Vollbeschäftigung aus ist. Aber Wissen ist das eine. Es laut zu sagen, ist etwas anderes. Wer zuerst sagt: Leute das geht doch nie wieder, gerät sofort unter den Verdacht bösen Willens zu sein. Das kann sich ein Politiker nicht leisten. Und so arbeiten sie alle an der Aufrechterhaltung einer schädlichen Fiktion. Zudem gibt es am politischen Horizont offensichtlich noch keine Alternative zur Vollbeschäftigung. Immerhin gibt es Anzeichen dafür, dass das Vollbeschäftigungsziel immer niedriger gehängt wird.

/e-politik.de/: Welche?

Vobruba: Mitte der 90er wurde die Kohl-Regierung in ihren öffentlichen Verlautbarungen bezüglich der Beschäftigungssituation immer bescheidener. Kohl hat sogar von einem schädlichen Vollbeschäftigungsziel gesprochen. Das war bemerkenswert aufgeklärt. Die rot-grünen Regierung hat dann die Vollbeschäftigungsrhetorik wieder hochgefahren. Möglicherweise müssen sozialdemokratische Parteien auf diesem Gebiet noch unvorsichtiger und unrealistischer sein als konservative.

/e-politik.de/: Was erwarten Sie diesbezüglich von der Regierung Merkel?

Vobruba: Deutlich mehr Coolheit. Bei Müntefering bin ich mir nicht sicher, mit ihm geht"s manchmal ein bisschen durch. Jedenfalls erwarte ich von ihm kein so versessenes Bestehen auf Vollbeschäftigung wie bei manchen anderen. Aber Frau Merkel wird das Vollbeschäftigungsthema dämpfen. Sie hat sich bisher auch standhaft gewehrt, irgendwelche Beschäftigungsziele zu quantifizieren. Das ist völlig richtig.

/e-politik.de/: Als Alternative zur Vollbeschäftigungsgesellschaft schlagen Sie die Aktionärsgesellschaft vor. Das heißt, wenn Erwerbstätigkeit nicht mehr genügend Einkommen bringt, verdienen die Menschen ihr Geld mit Kapitalanlagen. Ist das realistisch?

Vobruba: Diese Idee der Shareholder Society hat ihren Ursprung in einem Teil der amerikanischen Linken Szene, so eine modernisierte Marxisten-Fraktion. Diese Überlegung findet man auch bei Vorschlägen für einen Investivlohn. Die Idee ist: Lasst doch einen Teil des Lohns als Investition im Betrieb und werdet Mitbesitzer. Das ist schon in den 60er Jahren diskutiert worden. Aber die Gewerkschaften haben aufs falsche Pferd gesetzt, nämlich nur auf Lohn, weil sie immer so heimlich gedacht haben: Man muss verhindern, dass die Arbeiter Eigentum an Produktionsmittel in großem Stil erwerben, weil sie das korrumpiert.

/e-politik.de/: Vielleicht würde es sie aber auch stark machen