Die Völker von Seattle am Ende?

Nie zogen mehr Globalisierungskritiker gemeinsam auf die Straße als zum G8-Gipfel in Genua. Dennoch scheiden sich die Geister daran, welches Stadium diese Bewegung in Genua nun erreicht hat. Die einen halten sie für den Kulminationspunkt bzw. den endgültigen Durchbruch einer internationalen Protestbewegung; andere sahen in Genua erste Verfallserscheinungen.

Zu Letzteren gehört Lucio Caracciolo, renommierter Journalist, Politikwissenschaftler und Herausgeber von liMes – Italienische Zeitschrift für Geopolitik. Die Zeitschrift machte in ihrer letzten Ausgabe mit dem Titel „I Popoli di Seattle“ auf. Philipp Nowack sprach in Genua mit Lucio Caracciolo über den Zustand der Bewegung, die erstmals zur WTO-Konferenz in Seattle im Dezember 1999 öffentlichkeitswirksam in Erscheinung trat.


Hintergrund: Im folgenden Interview spricht Lucio Caracciolo von der Tute Bianche. Dies ist eine eher lose organisierte Bewegung, die sich für eine Migrationsfreiheit einsetzt, die den nötigen Gegenpol zur Liberalisierung der Finanzmärkte bilden müsse. National traten die Tute Bianche erstmals durch ihren Kampf gegen angeblich menschenunwürdige Abschiebegefängnisse in Erscheinung. International wurden sie durch ihren Protest beim IWF- und Weltbankgipfel in Prag vor einem Jahr bekannt. Äußeres Kennzeichen sind – wie schon der Name sagt – weiße Overalls. Darunter tragen sie Schaumstoffpolsterungen, um sich u.a. gegenüber Schlagstockeinsätzen der Polizei zu schützen. Zwar lehnen sie Gewalt ab, führen entsprechend auch keine Angriffswaffen mit sich, doch sehen ihre Aktionsformen vor, gegebenenfalls auch Polizeiabsperrungen zu überwinden. In ihrer Definition fällt das unter den Begriff des Zivilen Ungehorsam.

e-politik.de: Aus welchen Gruppen besteht das Volk von Seattle?

Caracciolo: Es sind eine ganze Menge von Organisationen, die politisch und kulturell ziemlich differenziert sind. Ich glaube, das sogenannte Volk von Seattle ist eigentlich fertig. Es entsteht in Genua eine neue Konstellation und es beginnt auch eine neue Phase der Bewegung. Es ist vielleicht das Ende eines Anfangs. Ich glaube, die ganzen Ereignisse, die sich hier in Genua abgespielt haben, haben auch die Differenzierungen und Kämpfe innerhalb der Bewegung widergespiegelt.

e-politik.de: Sie meinen, dass sich die Gewaltbereiten von den nicht-Gewaltbereiten trennen?

Caracciolo: Natürlich, aber es gibt auch kulturelle und politische Unterschiede, die tiefer sind. Ich meine Kommunisten und Katholiken; ich meine auch sogenannte Linke und moderate Rechte, zumindest hier in Italien. Es gibt auch nationale „Völker“. Was Italien angeht, gibt es eine Menge Unterschiede. Es gibt auch keine Leader. Es ist eine Bewegung ohne Führer.

e-politik.de: Sie meinen, es wird sich jetzt auseinanderdividieren?

Caracciolo: Ich glaube schon. Das fand auch in Genua statt und ich glaube, in der nächsten Zukunft werden wir eine Desintegration dieser ersten Bewegung sehen und vielleicht auch den Beginn einer Reintegration in die verschiedenen bestehenden Bewegungen.

e-politik.de: Welche Anzeichen haben Sie in Genua gesehen, dass es zu dieser Desintegration kommt?

Caracciolo: Erstens, dass es keine echte Führung gab; Agnoletto (Sprecher des Genoa Social Forum; die Redaktion) ist einfach zu schwach und Luca Casarini auch (Sprecher der Tute Bianche; die Redaktion). Und ich habe auch gesehen, dass innerhalb der Bewegung viele Streits stattgefunden haben. Es gab auch keine echte Strategie. Eine solche Bewegung kann nicht Bestand haben. Das ist meines Erachtens unmöglich.

e-politik.de: Sie sagen, es wird vielleicht eine Reintegration in bestehende Gruppen geben. Kann es jemals wieder zu einer einheitlichen Bewegung kommen, zumal es offensichtlich schwer ist, sich von Gewaltbereiten zu trennen. Man muss ja jederzeit mit einer Infiltration der Friedlichen durch Gewaltbereite rechnen.

Caracciolo: Ich kann nur für Italien sprechen. Ich glaube, besonders einige katholische Organisationen werden sicher ihre Organisation weiterführen, werden thematische Bewegungen darstellen. Eine große Bewegung allerdings wie im Jahre 68 ist meines Erachtens nicht mehr möglich, weil die Unterschiede zu stark sind.

e-politik.de: Können sie einige italienische Bewegungen kurz charakterisieren?

Caracciolo: Meines Erachtens ist die seriöse Bewegung die, die aus dem katholischen Flügel besteht, besonders Organisationen wie Rete Liliput oder der italienische Flügel von Jubilee 2000 (deutsch: Erlassjahr 2000, setzt sich für Entschuldung der Dritten Welt ein, d. Red.). Tute Bianche ist eigentlich keine Organisation sondern eine Ansammlung von Leuten aus den sogenannten Centri Sociali (selbstverwaltete Sozialzentren in mehreren italienischen Städten im Stile von Kommunen, d. Red.) besonders aus dem Süden und dem Nordosten. Aber es ist keine anerkannte Organisation. Ya Basta sind die italienischen Zappatisten und insofern keine Neuigkeit.

e-politik.de: Kann es sein, dass die drastischen Absperrungsmassnahmen dazu beigetragen haben, dass man noch einmal so geschlossen aufgetreten ist? Die Festung Genua hat ja Symbolwirkung.

Caracciolo: Die ganze Veranstaltung, innen wie außen, war sehr symbolisch. Es gab keine konkrete wirkliche Angelegenheit. Sie war ein Theater, das für uns Medien veranstaltet wurde. Natürlich, die Institutionen werden immer bleiben. Aber eine Bewegung, die sich nur zu solchen Anlässen versammelt, ist kaum eine politische Bewegung. Eine solche Veranstaltung kann auch sehr leicht instrumentalisiert werden von Leuten aus dem „Black Block“.

e-politik.de: Was wird aus einer Gruppe wie den Tute Bianche werden?

Caracciolo: Die Tute Bianche sind hier einfach gescheitert. Sie wollten eine öffentlichkeitswirksame Aktion an der Roten Zone starten. Das hat nicht geklappt. Sie haben keine besondere Medienwirkung erzielt.

e-politik.de: Welche Aktionen wären in Genua Erfolg versprechend gewesen?

Caracciolo: Man hätte vielleicht keine solchen Massendemos veranstalten sollen, sondern spezifische Veranstaltungen zu spezifischen Themen. Es gibt eigentlich sehr wichtige Themen, die sie behandeln. Aber man hätte die Themen besser fokussieren müssen. Nehmen wir z.B. Kyoto: Hier hätte man wesentlich tiefer gehen können.

e-politik.de: Eines der Ergebnisse des Gipfels ist, dass die Gipfel künftig „verschlankt“ werden sollen. Kann das allein die Gipfel substantieller machen?

Caracciolo: Die Verschlankung kann helfen, aber ich verstehe den Sinn einer solchen Veranstaltung nicht mehr. Die Ergebnisse sind sehr mager. Eine Welt ohne G8 ist immer noch dieselbe Welt. Es handelt sich hier nicht um die Weltregierung, wie auch manche der Bewegung fälschlicherweise glauben. Es sind acht mehr oder weniger demokratische Führer, die kaum ihre eigenen Länder führen können. Ich hoffe auch nicht, dass es eine solche Weltregierung jemals gibt.

e-politik.de: Welche Ergebnisse haben die Demonstranten erreicht.?

Caracciolo: Dass vielleicht ein paar afrikanische Staatschefs eingeladen wurden, was die ganze Veranstaltung nicht wesentlich geändert hat. Es war auch in diesem Sinn Theater.


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