SPD kaufen und Große Koalition halten!

Seit Mitte Juli 2009 läuft mit wahlstreet.de eine Wahlbörse der Ludwig-Maximilians-Universität München. Auf drei virtuellen Märkten kann mit Aktien für Parteien, Kanzlerkandidaten und Koalitionen gehandelt werden. Für /e-politik.de/ sprach Patrick Riordan mit Dr. Christian Ganser, einem der Betreuer des Projekts.

Auf Wahlbörsen wie wahlstreet.de können die Teilnehmer mit Aktien von Parteien oder Kandidaten handeln, wobei erwartet wird, dass die Kurse eine gute Prognose der Wahlergebnisse darstellen. Wieso soll das funktionieren?

Da es bei unserer Börse um echtes Geld geht, haben die Teilnehmer einen hohen Anreiz, ihren Gewinn zu maximieren. Um dies zu tun, werden sie alle ihnen verfügbaren Informationen sammeln, die so in dem Markt aggregiert werden. So enthält der Markt auch Informationen aus dem persönlichen Umfeld der Handelnden, nicht nur aus den Medien. Der Preis, den die User im Durchschnitt für eine Aktie der betreffenden Partei zu zahlen bereit sind, ist damit ein guter Indikator des Stimmanteils. Hinzu kommt, dass Verhaltensabsichten, wie sie beispielsweise in den Ergebnissen der  Sonntagsfragen wiedergegeben werden, und tatsächliches Verhalten auseinander fallen können. Dieses Problem haben wir mit unseren Märkten nicht.

Aktuell hat wahlstreet.de 697 Teilnehmer. Wie setzen sich die Nutzer zusammen?

Bei einer etwa zur Mitte der Laufzeit durchgeführten Online-Umfrage unter den Nutzern, an der 249 Personen teilnahmen, ergab sich folgendes Bild: Drei Viertel der Nutzer sind männlich und es herrscht ein überdurchschnittlich hohes Bildungsniveau. Aus diversen Studien weiß man, dass dies immer noch am ehesten dem durchschnittlichen Internet-Nutzer entspricht.

Es handelt sich also um eine ziemlich selektive Stichprobe. Beeinträchtigt das die Ergebnisse?

Nein. Da die Nutzer einen echten Gewinn erzielen wollen, werden auch ungleich verteilte Informationen durch den Markt optimal erfasst. Um diese These zu prüfen, wurde im Rahmen des Projekts zusätzlich eine Telefonumfrage bei einer Zufallsauswahl der deutschen Bevölkerung durchgeführt. Hier wurde einerseits nach den Wahlabsichten, aber auch nach den Wahlerwartungen gefragt.

Gab es auf den Märkten Kurssprünge bestimmter Aktien nach wichtigen  Ereignissen wie den Landtagswahlen oder dem TV-Duell zwischen Merkel und Steinmeier?

Börse: Wie auf der Börse bestimmen auch bei wahlstreet.de Angebot und Nachfrage den Preis einer Aktie, anhand dessen man den Stimmenanteil prognostizieren kann

Sprünge gab es keine. Erkennbar ist seit dem Beginn von wahlstreet.de eher ein leichter, aber kontinuierlicher Abwärtstrend für die Union und ein leichter Anstieg des Kurses der SPD-Aktie. Trotzdem liegen CDU und CSU deutlich vorne.

Warum haben sich solche viel beachteten Ereignisse nicht auf die Märkte ausgewirkt?

Darüber kann man momentan nur spekulieren. Einen Hinweis geben aber die Ergebnisse unseres Online-Surveys. 70 Prozent der Befragten gaben hier an, einen bestimmten Wahlausgang zu erwarten und ihr Portfolio entsprechend zusammengestellt zu haben. Die meisten verfolgen offenbar eine eher langfristig orientierte Strategie. Zu dieser Interpretation passt auch der Befund, dass nur knapp 20 Prozent der Befragten angaben, sich vor dem Handeln auf wahlstreet.de über politisches Tagesgeschehen zu informieren.

Beim Vergleich der derzeitigen Kurse mit den aktuellen Umfrageergebnissen der Wahlforschungsinstitute stellt man nur geringe Abweichungen fest. Wofür braucht es also eine Wahlbörse?

Aus wissenschaftlicher Sicht ist Nachvollziehbarkeit der Ergebnisse wichtig. Die großen Institute veröffentlichen „nur“ gewichtete Ergebnisse, während bei wahlstreet.de ungewichtete Rohdaten vorliegen. Die Unterschiede scheinen gering, aber es gilt zu bedenken, dass oftmals nur kleine Differenzen im Stimmanteil große Auswirkungen für die folgende Legislaturperiode haben können, zum Beispiel, wenn es darum geht, welche Parteien die Regierung bilden. Insofern können auch geringen Unterschiede in Prognosen bedeutsam sein. Außerdem sind Wahlbörsen deutlich billiger als Umfragen.

Wer wird nach der Bundestagswahl regieren?

Nach unserer derzeitigen Prognose Angela Merkel in einer großen Koalition.

Wäre es schlimm für das Projekt, wenn sich diese Prognose nach der Wahl als unzutreffend erweist?

Nur bedingt, weil unser Ziel nicht nur die beste Prognose ist. Wir erhoffen uns auch vertiefte Kenntnisse über die Funktionsweisen von solchen Prognosemärkten und über das Verhalten der Händler. Dabei ist auch die Frage nach möglichen Gründen für eine falsche Prognose äußerst interessant.


Die Bildrechte liegen bei Mike Peel (Reichstag) und Dontworry (Börse) und unterliegen Creative Commons.


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