Keine Arbeit, keine Moral

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Stefan Liebig: „Arbeit formt Moral“
Wer lange ohne Job ist, glaubt kaum an die Verwirklichung sozialer Gerechtigkeit und weiß auch nicht, was soziale Gerechtigkeit sein könnte. Das postuliert Stefan Liebig, Soziologe an der Universität Trier. Er hat diese Thesen wissenschaftlich belegt, seine Schlussfolgerungen sind aber widersprüchlich. Von Maria Lang

Wenn Stefan Liebig über seine Forschungsarbeit spricht, dürfte sich so mancher Arbeitslose angegriffen fühlen. Denn Liebig bescheinigt Arbeitslosen eine eingeschränkte moralische Urteilsfähigkeit. Er sagt, Massenarbeitslosigkeit taugt dazu, die Gesellschaft tief zu spalten. Und er warnt, eine hohe Rate an Langzeitarbeitslosen hat Folgen für den "Moralhaushalt" einer Gesellschaft.

Natürlich will der Soziologe Liebig Arbeitslose mit seiner Forschung nicht stigmatisieren. Er betreibt "empirische Gerechtigkeitsforschung", um das Phänomen Langzeitarbeitslosigkeit als "schädlich zu entlarven", sagt er. Dazu analysiert Liebig vier gesellschaftliche Bereiche: die politischen Institutionen, die Einstellungen der Menschen, ihr Verhalten und den öffentlichen Diskurs.

Entscheidend sind die Chancen

Was ein Mensch für gerecht hält, entscheidet sich in den frühen Lebensjahren, wenn Kinder bei ihren Eltern leben. Auch Freunde und Verwandte prägen das Gerechtigkeitsempfinden. "Das hat die Soziologie mittlerweile gut erforscht", sagt Liebig. Aber noch etwas hat Einfluss auf das Gerechtigkeitsbild: die Chancen, die ein Mensch in seinem Leben erhält. Chancen bietet zum Beispiel ein Arbeitsplatz, denn der bringt Einkommen, Status und die Möglichkeit, Moralvorstellungen zu entwickeln. 

Arbeit beeinflusst laut Liebig die Moral und damit auch die Gerechtigkeitsvorstellungen eines Menschen. Moralische Regeln sind wichtig, weil sie Entscheidungen erleichtern. Die Lösung von Alltagsproblemen würde viel länger dauern, hätten die Menschen nicht einen Korb voller moralischer Entscheidungshilfen.

Ein Job vermittelt dem Menschen nun zweierlei: welche Probleme mit Hilfe moralischer Regeln gelöst werden sollen und ob sie moralisch richtig gehandelt haben, weil sie bei moralkonformem Verhalten positive Sanktionen erhalten und andernfalls negative.

Ohne Job fehlt das moralische Gerüst

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Ein Arbeitsloser in Halle
Arbeitslosen gehe diese Orientierungshilfe mit der Zeit verloren, so Liebigs erster wichtiger Befund. Je länger sie arbeitslos seien, umso weniger seien sie bereit und fähig Moralvorstellungen zu formulieren. So gehe nach und nach auch die Vorstellung davon verloren, was soziale Gerechtigkeit sein kann. Außerdem glauben Arbeitslose je länger sie ohne Job sind, umso weniger daran, dass soziale Gerechtigkeit realisierbar ist.

Das zweite wichtige Ergebnis: Wenn Arbeitslose doch eine Vorstellung von Gerechtigkeit haben, dann sei diese eher etatistisch. Gerecht ist demnach, wenn der Staat so eingreift, dass Güter und Positionen in der Gesellschaft möglichst gleich verteilt sind. Ganz anders Beschäftigte: Sie bevorzugen Leistungsgerechtigkeit, das heißt Unterschiede zum Beispiel beim Einkommen sind gerecht, weil unterschiedliche Leistungen erbracht werden.
 
In einer Studie hat der Forscher festgestellt, dass zwischen 1991 und 2004 die Anzahl derer abgenommen hat, die den etatistischen Gerechtigkeitsentwurf bevorzugen. Vor allem Angestellte und Beamte, aber auch einfache Arbeiter setzten im Laufe der Jahre immer mehr auf das individualistische Konzept der Leistungsgerechtigkeit. Unter den Arbeitslosen dagegen ist die Etatismus-Neigung gleich geblieben. Liebig schlussfolgert daraus, dass die Gruppe der Arbeitslosen und die der Beschäftigten in ihren Gerechtigkeitsvorstellungen immer weiter auseinanderdriften.

Aus den beiden zentralen Ergebnissen seiner Studie leitet er zum einen ab, dass Langzeitarbeitslose kaum am gesellschaftlich-politischen Leben teilhaben, weil ihnen die dafür nötigen moralischen Standpunkte fehlten. Zum anderen werde es in Zukunft mehr Konflikte darüber geben, was eine gerechte Gesellschaft ist, weil Arbeitende und Arbeitslose zunehmend gegensätzliche Auffassungen von Gerechtigkeit haben.

Parteigründung ohne Moral?

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„Arbeitslose wollen den umverteilenden Staat“
Mit dem Auseinanderdriften der Gerechtigkeitsvorstellungen erklärt Liebig das Entstehen der Wahlalternative Arbeit und soziale Gerechtigkeit (WAsG). Doch an dieser Stelle wird seine Argumentation inkonsequent. Einerseits sagt er, Arbeitslose ziehen sich wegen mangelnder Moralvorstellungen aus dem öffentlichen Leben zurück, andererseits sollen dieselben Arbeitslosen das Zeug zur Neugründung einer Partei haben.

Problematisch sind auch die abstrakten Begriffe Etatismus und Individualismus, unter die Liebig in der Gesellschaft vorhandene Gerechtigkeitsvorstellungen subsumiert. Moral ist oft eine sehr individuelle Sache und kann kaum als eine einheitliche Einstellung bei "den" Beschäftigten oder "den" Arbeitslosen festgestellt werden. Darüber hinaus sind Moral und Gerechtigkeit nicht ein und dasselbe. Liebig verwischt die Unterschiede.

Liebig räumt denn auch ein, dass er mit seiner Studie nur statistisch signifikante Zusammenhänge aufgezeigt hat. "Es gibt trotz meiner Ergebnisse natürlich Arbeitlose, die sehr klare moralische Konzepte haben und die vielleicht weniger etatistisch denken", sagt er. Er hat empirisch nur Zusammenhänge ermittelt, die eine hohe Wahrscheinlichkeit haben, nicht aber in jedem Fall so vorkommen müssen. 

Mit seiner Untersuchung hat Liebig gezeigt, dass Arbeit mehr als Broterwerb ist. Sie beeinflusst die Persönlichkeit eines Menschen. Das Ende der Vollbeschäftigungsgesellschaft, der Zustand also, dass dauerhaft viele Menschen ohne Arbeit sind, muss unter dieser Prämisse kritisch gesehen werden.


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Die Bildrechte liegen bei der Autorin Maria Lang