Politiker, gebt die Euros aus!

Der Volkswirtschaftler Peter Spahn denkt nicht an das Ende der Vollbeschäftigung. Er fordert, der Staat solle wieder mehr Geld ausgeben, auch wenn er sich dabei weiter verschulden muss. Nur so werde es wieder genügend Arbeit für alle geben. Von Maria Lang

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Peter Spahn, Professor für Volkswirtschaft

Wenn in einem Blumenladen eine Rose mit braunen, angewelkten Blüten neben einer taufrischen in der Vase steht, fällt es leicht zu sagen, welche gekauft wird. Die frische natürlich. Je länger die Rose im Laden auf einen Käufer wartet, umso geringer wird die Wahrscheinlichkeit, dass sie jemand kauft. Denn mit jedem Tag wird sie ein bisschen unattraktiver. Und genauso geht es Arbeitslosen, die sich auf dem Markt anbieten, sagt Peter Spahn, Professor für Volkswirtschaft. "Mit jedem Tag, den ein Arbeitloser länger ohne Job ist, sinken seine Chancen auf eine neue Anstellung."

Peter Spahn vergleicht Rosen und Jobsuchende, damit auch wirtschaftstheoretisch Unbewanderte verstehen, warum strukturelle Arbeitslosigkeit seiner Meinung nach ein Phantom ist. Strukturelle Arbeitslosigkeit heißt für Spahn: Die Qualität der Arbeitslosen passt nicht zum Profil der angebotenen Arbeitsplätze. Dass Deutschland gegen ein solches Strukturproblem kämpfen muss, behaupten viele Politiker und Wissenschaftler und empfehlen deshalb Weiterbildung und Umschulung. Die Arbeitlosen müssten flexibler und mobiler werden, so heißt es, dann würden sie auch einen passenden Job finden.

Von solchen Ratschlägen hält Peter Spahn gar nichts. Denn sollte ein Mensch durch eine Weiterbildung einen neuen Job bekommen, werde woanders einer gekündigt. Die Arbeit, das rare Gut, werde also nur umverteilt. Neue Jobs entstehen so nicht, sagt Spahn. Er glaubt, das Problem sei nicht die falsche oder mangelnde Qualifizierung der Arbeitslosen, sondern, dass viele Menschen zu lange ohne Beschäftigung seien und dadurch immer unattraktiver für den potentiellen Arbeitgeber würden – so wie die Rose im Blumenladen. Am ersten Tag war sie vermutlich ebenso hübsch wie die anderen. Doch es gab zu wenig Käufer und sie blieb im Laden. Die Nachfrage nach Rosen war zu gering, sagt der Ökonom. Gemäß seiner Theorie sind die Arbeitslosen also nicht ohne Job, weil ihr Können nicht der Nachfrage entspricht, sondern weil es nach Arbeit insgesamt nicht genug Nachfrage gibt.

Wachstumsmotor Rüstung?

Schulden für Arbeit fordert Prof. Dr. Peter Spahn
Die Lösung des Problems scheint einfach: Alle frischen Rosen müssen sofort gekauft werden, das heißt, Arbeitslose müssen schnell wieder einen Job finden. Und dazu müsste nun der Staat, ginge es nach Spahn, viel Geld in neue Arbeitsplätze stecken, etwa in Infrastruktur, Wohnungsbau oder die Universitäten. "Schauen Sie mal in die USA. Seit Jahren wird dort massig Geld zum Beispiel in die Waffenindustrie gesteckt. So gibt es neue Jobs", sagt Spahn.

Eine nachhaltige und produktive Verwendung von Arbeitskraft ist das nicht, denn Investitionen ins Waffengeschäft machen nur mit dem Gedanken an Kriege Sinn. Zumindest aber gibt es so in den USA genügend Nachfrage nach Arbeitskräften. Spahn lobt auch die US-Notenbank. Sie konzentriere sich nicht nur darauf, dass der Dollar stabil bleibe, sondern behalte auch das Wachstum im Auge.

Ganz anders die Europäische Zentralbank (EZB). Ihr wesentlicher Auftrag lautet, den Wert des Euros stabil zu halten. Um Wachstum braucht sich die EZB nicht zu kümmern. "Das muss sich ändern", schimpft Peter Spahn. "Die EZB muss auch für Wachstum sorgen." Das allerdings macht die EZB im Moment schon. Zum Beispiel mit niedrigen Leitzinsen. Bei niedrigen Zinsen sind Kredite preiswert, und das ist eine gute Voraussetzung für Investitionen und damit für Wachstum. Bei 2,0 Prozent liegen die Leitzinsen derzeit, seit 2003 ein historischer Tiefstand. Erst seit ein paar Tagen wird über eine Erhöhung gesprochen. In den USA sind die Leitzinsen mit 4,0 Prozent deutlich erhöht worden.

Hindernis Maastricht

Spahn aber kritisiert nicht nur die EZB. Am liebsten würde er auch noch den Maastrichter Vertrag abschaffen. "Deutschland kann keine eigene Geldpolitik mehr machen. Die Politiker wollten Maastricht, die Wirtschaft nicht", wettert er. Der Vertrag hindert Deutschland daran, mehr Schulden zu machen. Eigentlich darf das jährliche Haushaltsdefizit nicht mehr als drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts betragen. Seit 2001 verstößt Deutschland gegen diese Auflage und wird es wohl auch in diesem Jahr wieder tun, zum fünften Mal. Die große Koalition aber hat Abhilfe bis 2007 versprochen.

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Schulden für Arbeit fordert Prof. Dr. Peter Spahn
Masstricht missfällt Spahn deshalb, weil der Vertrag seinen Wunsch nach neuen Schulden für neue Arbeit nicht zulässt. Trotzdem bleibt er dabei. "Hans Eichel hat jahrelang gespart. Die Schulden sind trotzdem weiter gewachsen, weil der Staat für immer mehr Arbeitslose aufkommen muss. Sparen führt also nicht zur mehr Beschäftigung", argumentiert der Ökonom. Und wenn das mit dem Schuldenmachen nicht reiche, könne der Staat auch die Steuern senken, findet Spahn. Dann haben die Menschen wieder mehr Geld für den Konsum. Wie das allerdings funktionieren soll, ist unklar. Nimmt der Staat weniger Steuern ein, kann er noch weniger ausgeben, um die Nachfrage zu beleben, wie Spahn es fordert. Das einzige, was dann bleibt, ist: Noch mehr Schulden machen. Ein möglicherweise riskantes Spiel.


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