Ehrenamt ist auch Arbeit

Es gibt immer weniger zu verteilen. Aber hier ist nicht das Geld gemeint, sondern die Arbeit. Der Soziologe Gerd Mutz hat sich überlegt, wie alle Menschen arbeiten können und gleichzeitig Gutes tun. Von Maria Lang

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Den Ein-Euro-Jobs etwas entgegensetzen.
Gerd Mutz ist nicht zimperlich, wenn er über die vergangenen sieben Jahre Rot-Grün spricht. Es habe keine echte Arbeitspolitik gegeben, der Staat habe sich nur um das Wohl der Unternehmen gekümmert, sie mit Steuergeschenken verwöhnt. Die Arbeitnehmer würden dagegen mit Steuern und Sozialabgaben zu stark belastet. Weil sie zu wenig Geld in der Tasche hätten, sei die Binnennachfrage so gering. Deshalb wolle der wirtschaftliche Aufschwung nicht so recht kommen. Und Arbeitslose würden mit Ein-Euro-Jobs am Rande der Rechtmäßigkeit zu Arbeit gezwungen, ohne eine langfristige Perspektive zu bekommen.

Harte Vorwürfe von jemandem, der versucht hat, mit neuen Ideen für neue Arbeit zu sorgen. Gerd Mutz, Leiter des Münchner Instituts für Sozialforschung, war Mitglied der Enquete-Kommission des Bundestags "Zukunft des bürgerschaftlichen Engagements", die im Jahr 2002 ihre Ergebnisse präsentierte. Viel bewegt wurde seitdem nicht. Gerd Mutz hat Politiker reden hören, die Themen wie Bürgerengagement für nicht so wichtig halten. Da habe mal einer zum Bundeskanzler Gerhard Schröder gesagt: "Nun komm", Gerd. Lass uns mal über die wichtigen Dingen reden, über Vollbeschäftigung."  

Aber genau die sollte nicht mehr auf der Agenda stehen, sagt Gerd Mutz. Von diesem Denken müssten die Politiker wegkommen. Denn: "Seit den 80ern gibt es immer weniger normale Vollzeitjobs. Dafür vermehren sich andere Arbeitsformen wie Teilzeit und Kleinunternehmer." Den Job auf Lebenszeit gebe es auch nicht mehr. Jeder wechsle irgendwann mal seine Arbeit. Außerdem, sagt Mutz, erlebten wir eine Entgrenzung der Arbeitsgesellschaft – soll heißen: Die Trennlinie zwischen Arbeitzeit und Freizeit wird unschärfer. "Heute ist es doch ganz normal, dass dich am Morgen ein Kollege fragt, ob du gestern Abend noch seine E-Mail über dieses oder jenes Projekt gelesen hast", sagt Mutz. Die Arbeit kommt also nach Hause.

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Gerd Mutz will die „Tätigkeitsgesellschaft“
Das Zuhause, die Familie, die Freizeit ist den Menschen heute sehr wichtig. Soziologe Mutz beschreibt das als abnehmende Erwerbzentrierung. Die Menschen definieren ihr Leben immer weniger allein über ihren Job. Aber: Die Erwerbsorientierung der Menschen ist genauso hoch wie vor 20 Jahren. Das heißt, die Menschen wollen nach wie vor arbeiten, weil das einen gewissen sozialen Status bringt und weil erst mit dem erarbeiteten Geld Freizeit finanzierbar wird. Ausgehend von diesen Prämissen hat Gerd Mutz eine Idee entwickelt, wie möglichst viele Menschen Arbeit finden und sich gleichzeitig Freizeit leisten können. Er nennt sein Modell die "Tätigkeitsgesellschaft", in der der Mensch ein "Arbeitsgestalter" ist. Er will, dass auch Bürgerengagement in einem Verein oder Altenheim als Erwerbsarbeit gilt.

Praktisch würde Mutz' Modell in etwa so aussehen: Alle Menschen arbeiten in ihrem normalen Job weniger, etwa sechs statt acht Stunden, und bekommen entsprechend weniger Gehalt. Den Rest der ursprünglichen Arbeitszeit verbringen sie zum Beispiel in einer Suppenküche für Obdachlose. Das erweitert den Horizont und verleiht den Menschen die viel gepriesene "soziale Kompetenz". Denkbar wären aber auch Arbeiten im ökologischen Bereich. In jedem Fall muss es etwas sein, das der Gesellschaft zugute kommt.

Damit der "Arbeitsgestalter" aber wegen seines Engagements nicht deutlich weniger verdient, will Mutz eine negative Einkommenssteuer einführen, wie sie zum Beispiel in den USA heute schon existiert. Dabei wird das Gehalt vom Staat umso mehr aufgestockt, je weniger der Arbeitende verdient. Ob der Einzelne dann am Ende so viel hat, wie er heute in seinem Job verdient, ist fraglich. Eines aber wird mit Mutz" Modell erreicht: Jeder bekommt vom kleiner werdenden Kuchen Arbeit ein Stück ab und kümmert sich gleichzeitig ums Gemeinwohl.

Am Ende geht es Gerd Mutz nicht nur um sein Modell der "Tätigkeitsgesellschaft". Er will dazu anregen, grundsätzlich über das Verhältnis von Arbeit und Freizeit nachzudenken: Wie wollen wir unsere kostbare Lebenszeit gestalten?


Hier geht es zum Dossier Neue Arbeit braucht das Land.


Weiterführende Links:

Mutz, Gerd: Der souveräne Arbeitsgestalter in der zivilen Arbeitsgesellschaft. In: Aus Politik und Zeitgeschichte 21, 2001.

Weiterführende Literatur:

Birkhölzer, Karl / Kisterl, Ernst / Mutz, Gerd (Hg.): Der dritte Sektor. Partner für Wirtschaft und Arbeitsmarkt, Wiesbaden: VS Verlag (2004)

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