NS-Biographien

3-596-16048-0.267733.jpgAuffällig viele Juristen und Ärzte, die seit Menschen Gedenken einen Hippokrates-Eid schwören, sind in dem neuen Buch von Ernst Klee „Das Personenlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945“ zusammen gestellt worden. Hier finden sich mehr als 3400 Leute der NS-Zeit mit meist ungeheuerlichen Biographien. Von Wolfgang J. Mehlhausen

Auf drei eng bedruckten Seiten finden wir ein Vorwort des Verfassers, das es in sich hat. Im Laufe von 25 Jahren hat er nun mehr als 3400 Namen in seinem Buch verzeichnet, die in der Hitlerzeit eine Bedeutung hatten. Und er erläutert zu dieser aktualisierten Ausgabe seines Werkes, was der Interessent dort finden kann und was in anderen, ähnlich aufgebauten Werken zu dieser Zeit meist nicht zu entdecken ist: Was hat der „Eingetragene“ vor, während und vor allem nach der Nazizeit gemacht. Er beschreibt auch, welche peinlichen Briefe er von Betroffenen und heute von Angehörigen, meist von Söhnen und Schwiegersöhnen erhielt, die um „Milderung“ der Formulierung oder Streichung der Person bitten. Und dies aus gutem Grund…

Biographien des Grauens

Wer dieses Buch zur Hand nimmt, wird sich schnell „festfressen“. Zu reizvoll ist es, nach bekannten Namen zu suchen. In dem Lexikon finden wir einige scheinbar harmlose Mitläufer, sogenannte Schreibtischtäter, ebenso Wichtigtuer, die sich im NS-Saat eine Position aufbauten und die in der einen oder anderen Form zur Elite des sogenannten Dritten Reiches gehörten oder sich dazu zählten. Doch auch einfach grausame Verbrecher mit und ohne akademischer Ausbildung, Doktor- und Professorenwürde und hohen Dienstgraden und –stellungen sind verzeichnet.

Von einem SS-Zahnarzt erfahren wir, dass jeder KZ-Häftling vor der Zahnbehandlung bei ihm „Strafexerzieren“ musste, dem selten eine Extraktion gelang. Doch jeden Goldzahn entfernte dieser „Zahnarzt“ mit sadistischer Neigung. Es gibt noch grausamere Schilderungen, was einzelne Verbrecher Menschen angetan haben, stets mit nur wenigen Worten beschrieben und mit Quelle versehen. Wir finden im Lexikon auch einen Domkapitular, der selbst im KZ war, aber nach dem Kriege mit allen Mitteln für die Befreiung der NS-Täter aus der Haft kämpfte. Schließlich erfährt man von einem Bischof, dass er um „Persilscheine“ für SS-Verbrecher kämpfte.

Im Personenlexikon sind auch Vertreter des Widerstands verzeichnet, so der Kommunist Robert Havemann, der später in der DDR in Ungnade fiel, der Dichter Gerhard Hauptmann oder der beliebte Schauspieler Heinz Rühmann, um nur wenige Beispiele zu nennen. Auch „Neutrale“ sind enthalten, Menschen, von denen nur biografische Angaben vorhanden sind und zu denen es sonst keine Angaben gibt.

Der Zorn der 68-er Generation

Was der Titel des Buchs verspricht, wird gehalten: Es geht nicht nur um Biographien, sondern auch – und vor allem – nach dem Jahr 1945. Bekanntlich wurde die Nazi-Führung im Nürnberger Prozess und in Nachfolgeprozessen zur Verantwortung gezogen, doch der beginnende Kalte Krieg führte dazu, dass viele NS-Verbrecher zwar verurteilt, aber bald schon aus der Haft entlassen wurden. Für viele gab es ein „come back“. Gerade Juristen und erschreckend viele Mediziner, die beispielsweise an Menschenversuchen und anderen Verbrechen beteiligt waren, wurden nicht nur in Frieden gelassen, sondern errangen hohe und höchste Stellungen in der Bundesrepublik.

Viele SS-Angehörige und Polizeibeamte stiegen trotz ihrer Taten schnell auf, Richter beispielsweise wurden überhaupt nie für ihre Urteilssprüche zur Nazizeit belangt und konnten auf der Karriereleiter im „neuen Deutschland“ weiter hochsteigen. Einige schwer Belastete erhielten Orden, sogar das Große Bundesverdienstkreuz. Unter diesen Umständen werden junge Intellektuelle heute sehr schnell begreifen, warum Ende der 60er Jahre aus Studentenkreisen eine Bewegung, die sogenannten „Achtundsechziger“ entstand, die einfach mit dem Vertuschen und Lügen, Verschweigen und Schönreden der Vätergeneration brechen wollte.

Die 68er gingen mit Leidenschaft und Zorn daran, die Schreibtischtäter, Mitläufer und Opportunisten aus der NS-Zeit bloß zu stellen und ihren Einfluss in der Bundesrepublik zurückzudrängen, was ihnen aber nur in sehr bescheidene Maß gelang. Dennoch prägten diese 68er den westdeutschen Nachkriegsstaat mit und sorgten für frische Luft in der politischen Landschaft. Es gelang unter dem Druck der Öffentlichkeit, dass Mord und Kriegsverbrechen nicht verjährten. Es ist logisch, dass der mit Altnazis durchsetzte Polizeiapparat die Ermittlungen oft kaum mit notwendigem Elan durchführte und die alten Richter kein Interesse an einer juristischen Aufarbeitung der NS-Untaten hatten.

Hatten engagierte Polizisten etwas ermittelt, so bedeutete dies noch nicht, dass die Täter auch verurteilt wurden. Wurden sie vor Gericht gestellt, so wurden sie oft nicht oder zu beschämend kleinen Strafen verurteilt. Viele wurden als verhandlungs- und haftunfähig eingestuft und konnten noch viele Jahre ihre bei den Nazis schon „verdienten“ hohen Pensionen im Ruhestand genießen. Schlimmer war, dass die Täter neue Funktionen, hohes Ansehen und Renten automatisch erhielten, die Opfer hingegen um jede Mark Wiedergutmachung kämpfen mussten und oft gänzlich leer ausgingen. Noch schlimmer war es, dass sie oft auch diffamiert, verhöhnt und beleidigt wurden. Präzise Ausführungen zu diesem Sachverhalt findet man im Vorwort des Buches.

Das Personenlexikon von Klee – mehr als ein wertvolles Nachschlagewerk

Wer sich für die Geschichte des Dritten Reichs und vor allem auch für die Anfänge der Bundesrepublik interessiert, solle sich dieses Buch zulegen. Es wird durch ein umfangreiches Literaturverzeichnis und ein Begriffslexikon ergänzt. Wir finden auch eine Vergleichstabelle der SS-und Wehrmachtsränge im Anhang. Ein Lexikon liesst man gewöhnlich nicht, aber dieses Buch regt an, immer wieder einen Blick hineinzuwerfen, um Bekannte zu finden oder Unbekannte zu entdecken und ihren Lebensweg zu verfolgen. Dieses Personenlexikon ist ein sehr wertvolles Buch, das allerdings leider nur als Taschenbuch mit Paperback erschienen ist.

Klee, Ernst: „Das Personenlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945“, Aktualisierte Ausgabe, Fischer Taschenbuchverlag, 2005, 732 Seiten, ISBN 3-596-16048-0, 16,95 Euro.


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