Al-Qaidas Ideologie in Palästina

2262559383_8a869ca7a8Eine wilde Schießerei zwischen Hamas-Kämpfern und einer kleinen Gruppe von radikalen Islamisten mit dem Namen Jund Ansar Allah rückt den Blick auf eine Besorgnis erregende Entwicklung innerhalb des palästinensischen Islamismus. Die Gruppe ist von al-Qaidas Ideologie des globalen Jihad beeinflusst. Wenn die internationale Gemeinschaft ihr das Feld nicht überlassen will, muss sie ihre Strategie ändern. Ein Kommentar von Jan Künzl

Die Kämpfe brachen am 14. August im Anschluss an das Freitagsgebet in einer Moschee in einem Flüchtlingslager in Rafah aus. Bei den Zusammenstößen, wurden nach verschiedenen Angaben zwischen 24 und 28 Personen getötet und über 100 verletzt. Unter den Toten sind auch der Führer der Gruppe, der Prediger Abdel-Latif Moussa, und ein syrischer Staatsbürger. Jund Ansar Allah (Soldaten der Anhänger Gottes) ist eine von einer Reihe von Splittergruppen im Gazastreifen, die von al-Qaida beeinflusst sind und Hamas vorwerfen, zu liberal zu sein, den ‚wahren’ Islam zu betrügen und die Errichtung eines islamischen Staates zu verzögern. Die bisher wenig bekannte Gruppe hat seit Anfang des Jahres durch Angriffe auf Internetcafés und eine Hochzeitsfeier sowie durch einen gescheiterten, aber spektakulären Angriff auf einen militärischen Außenposten Israels auf sich aufmerksam gemacht.

Versäumnisse der Internationalen Gemeinschaft

492px-gaza_strip_mapDas Erstarken derartiger Gruppen ist zu einem nicht unerheblichen Teil auch der Unfähigkeit der Internationalen Gemeinschaft und Israels zuzuschreiben. Diesen ist es nicht gelungen, eine konstruktive Strategie für den Umgang mit der Hamas zu finden. Seit ihrem Wahlsieg bei den palästinensischen Parlamentswahlen im Jahr 2006 haben das Nahostquartet und Israel versucht, die Bewegung zu isolieren und die Fatah als Alternative zu stützen. Diese Strategie hat bewusst in Kauf genommen, die palästinensische Demokratie ad absurdum zu führen. Auch nach der blutigen Machtübernahme der Hamas im Gazastreifen im darauf folgenden Jahr ist dieser Ansatz mit der so genannten West-Bank-First-Strategie weiter verfolgt worden.

Hinter diesem Ansatz steckt die Hoffnung, dass der Rückhalt der Hamas in der palästinensischen Bevölkerung abnehmen und dadurch säkulare und friedlichere Gruppen, wie die Fatah, wieder an Boden gewinnen könnten. Nachdem die humanitäre Situation im Gazastreifen nach zwei Jahren Belagerung und dem Gaza-Krieg katastrophal ist und die West Bank auch nicht zum erhofften Musterschüler in Sachen Demokratie und Entwicklung geworden ist, muss dieser Ansatz als kläglich gescheitert gelten.

Diese Entwicklung war absehbar und jeder, der ein Interesse an einer Neuauflage des Friedensprozesses in der Region hat, sollte alarmiert sein über das Auftauchen von al-Qaida nahe stehenden Gruppen im Gazastreifen. Die Hamas beinhaltet zwar starke radikale und extremistische Elemente, hat aber eine rationale Agenda und hat in der Vergangenheit die Fähigkeit und Flexibilität gezeigt, ihre Positionen zu verhandeln und zu mäßigen. Von den neuen Gruppen ist das nicht zu erwarten, wodurch sie zu einer schweren Hypothek für kommende Friedensverhandlungen werden. Es ist also höchste Zeit für einen neuen Ansatz.

Ein Neuanfang muss gewagt werden

Zunächst einmal muss die Blockade des Gazastreifens beendet werden, wenn schon nicht aus humanitären Gründen, dann um einer weiteren Radikalisierung der Bevölkerung den Nährboden zu entziehen. Zweitens muss die Internationale Gemeinschaft genau wie Israel ihre Strategie gegenüber Hamas ändern. Sie müssen einen Weg finden, Hamas einzubinden und der Bewegung eine Perspektive geben, wie sie in einem zukünftigen palästinensischen Staatswesen zu einem legitimen politischen Akteur werden kann. Natürlich darf dies der Hamas nicht auf dem silbernen Tablett serviert werden, sondern muss in einen mittelfristigen Verhandlungsprozess eingebunden sein. Dieser muss sich an einer Reihe von Benchmarks orientieren, etwa der Freilassung des israelischen Soldaten Gilad Shalit, einem Stopp der Raketenangriffe und der Aufnahme von ernsthaften Verhandlungen zur Versöhnung von Hamas und Fatah. Dies ist sicherlich kein einfacher Weg, aber die einzige Alternative um aus der Gewaltspirale auszubrechen.

Das Szenario eines wachsenden al-Qaida-ähnlichen Jihadismus in den palästinensischen Gebieten, womöglich sogar inklusive des internationalen Jihad-Tourismus, ist ein Albtraum für die Israelis wie für die Palästinenser und zeigt einmal mehr, dass es in Palästina immer noch schlimmer kommen kann. Die Internationale Gemeinschaft und Israel sollten deshalb schleunigst für ein Ende der Blockade sorgen und einen neuen Ansatz gegenüber der Hamas entwickeln.


Die Bildrechte liegen bei Flickr.com/mateus27_24-25 (Hamas-Kämpfer) bzw. bei Wikimedia.Commons (Landkarte).


Weiterführende Links:

Al-Jazeera inside story zum Thema

Analyse zum Umgang mit Hamas (pdf)

Lesen Sie mehr bei /e-politik.de/:

Israels Dilemma

„Zehn Jahre reichen nicht

„Ich bin hoffnungsvoll“