Von der Zigarette zum Euro – Kontinuität made in USA

Würde man alle 2.500 Milliarden Euro-Scheine aufeinander legen, wäre der Turm 275 km groß. Vergleichen Sie das einmal mit dem Mount Everest.“ Franz Sokol, Bundesbank-Oberamtsrat von der Landeszentralbank liebt bildhafte Vergleiche. Sie finden reichlich Anwendung in seinen Vorträgen vor Gewerbetreibenden des Münchner Umlandes. Die nämlich sind derzeit in heller Aufregung, denn dem Einzelhandel kommt die Aufgabe zu, die Banken bei der Einführung des Euro zu unterstützen. Die Banken werden mit ihren Geldautomaten die Scheine verteilen, die Geschäfte das Hartgeld, das, würde man es auf einmal transportieren wollen, „eine 120 km lange Schlange von Lastwagen“ zu seiner Verteilung erforderte.

Damit es am 1. Januar 2002 – ab dann hat der Euro Gültigkeit -, nicht zu Engpässen kommt, haben sich die Euro-Staaten auf eine Übergangszeit geeinigt. In Deutschland beträgt sie zwei Monate: erst ab dem 28. Februar 2002 gilt die D-Mark nicht mehr. Umgetauscht werden kann sie ab diesem Zeitpunkt in der Regel nur mehr in den Zentralbanken. Von hier aus wird ab dem 1. September auch die neue europäische Währung an die Privatbanken verteilt. Diese melden ihren Bedarf an und werden von Werttransport-Unternehmen beliefert.

Doch grau ist alle Theorie, denn trotz dieser Vorkehrungen rechnen die Zentralbanken damit, dass die wenigsten Banken die Vorlaufzeit tatsächlich nützen, um sich im „Frontloading-Verfahren“ ausreichend Euros zu sichern. Ganz zu schweigen von den kleinen Geschäften. Wer seinen Bäcker also ärgern möchte, der zahle am 2. Januar 2002 seine vier Kornspitz und den Liter Frühstücksmilch mit einem 500-Mark-Schein, woraufhin der Bäcker ihm in Euro herausgeben muss.

Das jähe Ende der Währung „Zigarette“

In diesem viermonatigen Vorlauf unterscheidet sich die Euroeinführung gewaltig von der Einführung der D-Mark im Jahr 1948. Damals war die neue Währung eine geheime Militäraktion der US-Armee. In hunderten von Militärkonvois wurde die D-Mark in einer einzigen Nacht von den Kasernen zu den Verteilerstellen für Lebensmittelmarken gebracht und am 20.Juni 1948 erstmals ausgegeben. In derselben Nacht holten die Händler ihre gebunkerten Waren aus den Kellern und am nächsten Morgen waren die Regale voll und das D-Mark-Wunder eingetreten. Sechzig Mark erhielt jeder Deutsche in den westlichen Zonen. Und die Zeit der stabilen Schwarzmarktwährung Zigarette war somit abgelaufen.

Die Auswirkungen der Währungsreform, die gemeinsam mit der neuen Währung kam, waren jedoch keineswegs so wunderbar. Als Ludwig Erhard für den 20. Juni die aus der Not des Krieges heraus notwendig gewordene Zwangsbewirtschaftung und Preiskontrolle aufhob, war der entscheidende Schritt zur Marktwirtschaft zwar getan, aber es entstand viel soziale Ungerechtigkeit. Wer Land oder Immobilien besaß, dem ging es in der Folgezeit gut, die Masse der Bevölkerung hatte unter der Preissteigerung von etwa 17% zu leiden. Die Situation hatte sich umgekehrt. Vor der Reform gab es wenig Waren und viel zu viel Geld und jetzt war in vielen Haushalten nicht einmal Geld für das Nötigste vorhanden, während die Warenhäuser überquollen.

12 Mrd. Kosten für Banken und Wirtschaft

Bei der Einführung des Euro handelt es sich natürlich nicht um eine Währungsreform, dennoch wird sich die neue Währung auf das Konsumverhalten der Bürger auswirken. Bis man sich an den Wert der kleineren Zahlen gewöhnt hat, werden einige Wochen vergehen, und erst dann wird sich das Käuferverhalten wohl wieder normalisieren. Doch die vermutlich gesteigerte Konsumfreudigkeit der Bürger wird die Kosten von je sechs Milliarden Mark für Banken und Einzelhandel nur teilweise auffangen. Die Banken rechnen mit Kosten von etwa 140.000 Mark pro Geschäftsstelle, Supermärkte rechnen beispielsweise mit bis zu 50% längeren Wartezeiten an den Kassen, da Kunden und Personal die neuen Münzen und Scheine nicht gewohnt sind und der Zahlungsvorgang einfach länger dauert. Die hierdurch entstehenden Kosten und Umsatzeinbußen, versucht die IHK mit Hilfe der Banken durch Schulungen zu dämpfen. Die Landeszentralbank Bayern gibt ab 17. Dezember Starter-Kits mit Münzen und Scheinen an Haushalte und Handel heraus, mit deren Hilfe sich Kassenpersonal an den Euro gewöhnen kann.

Die Qual der Schwellenpreiswahl

Ein weiteres Problem ergibt sich aus der Umschreibung der Preise. Bislang werden die Waren in DM und in Euro ausgezeichnet, allerdings sind die Preise auf die Mark zugeschnitten – die entsprechenden Europreise sind krumm und ungebräuchlich. Spätestens wenn ab 1. März nur mehr der Euro gilt, müssen Schwellenpreise wie 1,99 DM in Euro übertragen sein. Und zwar nicht in die fix errechneten 1,02 Euro, sondern in neue Schwellenpreis, also 0,99 oder 1,09 Euro. Berechnungen der IHK haben ergeben, dass die meisten Preise nach unten korrigiert werden müssten, wenn der Händler immer den nächstliegenden Schwellenpreis wählen sollte. Das könnte vor allem für Geschäfte, die viele Güter zu kleinen Preisen anbieten, starke Umsatzeinbußen bedeuten, deshalb muss hier sehr genau kalkuliert werden.

Das Vertrauen der Regierungen und Handelsverbände in den Markt als regulierende Instanz ist sehr groß. Am Rande sei außerdem bemerkt, dass man sich um die Zuverlässigkeit der nunmehr dritten deutschen Währung seit der Reichsmark in so fern Sorge zu machen braucht, als sie zumindest teilweise an alte Traditionen anknüpft. Schon die Zigaretten und die D-Mark kamen aus den Vereinigten Staaten – wie auch die Bezeichnung der „Euro-Pfennige“, die „cent“ heißen werden. Der leicht zu verunsichernde Verbraucher wird von den Schwierigkeiten der Umstellung ohnehin wenig mitbekommen. Für ihn zählt allein, dass seine Bank in der Nacht zum ersten Januar den Geldautomaten mit Euronoten lädt. Damit er die vier Kornspitz vielleicht doch mit einem Zehner zahlen kann – wenn er seinen Bäcker mag.


Weiterführende Links:  

Link zur Bundesbank  

Infoseite über den Euro