Der Kardinal ohne Eigenschaften

Cover_Ratzinger.jpgJoseph Kardinal Ratzinger – heute besser bekannt als Papst Benedikt der XVI – hatte bereits 1997 seine Autobiographie „Aus meinem Leben“ über die Jahre von 1927 – 1977 veröffentlicht. Nach dem Ratzinger nun Papst wurde scheint dieses Buch wieder interessant und aktuell. Wie sieht seine Bilanz aus? Und: Welche Bilanz? Eine Polemik über ein Buch. Von Hagen Pietzcker

An den medial vermittelten Anblick verzückter, selig dreinschauender und geradezu ekstatischer Jugendlicher hatte man sich bei öffentlichen Auftritten von Papst Johannes Paul II schon gewöhnt. Nicht nur kirchenfremde Menschen, selbst viele Katholiken staunten über die seltsame Anziehungskraft, die ein alter, dahinsiechender Mann in der modernen, vom Jugendwahn besessenen Welt ausüben konnte, vergleichbar nur noch mit den großen Popstars der 80er Jahre – der Papst als neuer Michael Jackson.

Vielen war dieser Personenkult im Namen des Christentums geradezu zuwider, trotzdem gab es wenige, die dem verstorbenen Papst nicht eine besondere Aura zugestanden hätten. Um so größer die Spannung über Auftreten und Wirkung des neuen Papstes Benedikt XVI, der zuvor unter dem Namen Prof. Prof. hon. Dr. Joseph Kardinal Ratzinger zu einem der einflussreichsten, vielleicht der bedeutendsten Intellektuellen des zwanzigsten Jahrhunderts wurde. Dabei war er für seine konservativen bis reaktionären Ansichten, wie brillant sie auch vorgetragen und religionsphilosophisch begründet waren, berühmt und berüchtigt.

Dieser so weltfremd wirkende Denker und Gelehrte, der nur in theologische Gedanken und Exegese vertieft zu sein schien, sollte das charismatische Erbe seines Vorgängers antreten? Ein Mann, der explizit im Gegensatz zu seinem Vorgänger und langjährigem Chef die Mission ablehnte, weil er das Wort vom „Salz der Erde“ (Matthäus 5,13 – Lutherbibel) zum Lebenselixier erhob? Selbst Menschen, die nicht vergessen hatten, dass auch ein gewisser Prof. Dr. Dr. Karol Wojtyla – ehemals Dichter, Schauspieler, Dramaturg, Freiheitskämpfer etc. – seine Karriere lieber als Wissenschaftler und Gelehrter beenden wollte und einst nur unter gewissem Murren dem Ruf in den Vatikan gefolgt war, fanden die Kluft zu groß, um das frisch entfachte Feuer der Frömmigkeit innerhalb der römisch-katholischen Kirche am Leben zu erhalten.

Und dann standen sie da in Köln, fast eine Million Jugendliche und beteten wohl Benedikt den XVI fast ebenso inbrünstig an wie ihren Gott. Was ist das für ein Mensch, besser: Was war er für ein Mensch, als er noch Gelehrter, Wissenschaftler und Vorsitzender der katholischen Glaubenskongregation war? Woher bezieht er seine Autorität, sein Charisma? Spurensuche in einem von ihm selbst verfassten Buch.

Manche sollten besser selber schreiben

Die Erinnerungen Joseph Ratzingers von 1927 – 1977 wurden in strikt chronologischer Form zu Papier gebracht. Die Sprache ist einfach, schlicht, ja fast schon primitiv zu nennen. Ob dies der Übersetzung geschuldet ist (das Buch ist 1997 ursprünglich auf italienisch erschienen) oder wirklich Intention Ratzingers war, ist nicht zu klären. Dass diese Sprache sicher nicht seine übliche ist, schimmert in den immer wieder plötzlich eingeflochtenen, hochintellektuellen theologischen Betrachtungen und Darlegungen seiner Ansichten und Überzeugungen wie auch verschiedener Forschungsprojekte und Gelehrtenauseinandersetzungen durch.

Es entstehen merkwürdige Brüche in diesem Buch, welches – das sei hier schon vorweggenommen – ansonsten durch die atemberaubende Schlichtheit und Oberflächlichkeit der Lebensbeschreibung geradezu eine Zumutung für den interessierten Leser ist. Durch diese plötzlichen Wandel in Sprache und Anspruch drängt sich der Verdacht auf, dass hier ein – leider sehr schlechter – Ghostwriter am Werke war, dessen Elaborat von Ratzinger selber später um die ihm eigentlich wichtigen Gedanken und Anliegen ergänzt wurde. Diese sind das eigentlich Interessante.

Brillante Irrtümer

Die theologischen Exkurse sind von solcher Komplexität und setzen so viel Wissen voraus, dass wohl kaum jemand hier wirklich folgen kann. Eines sei aber angemerkt: Die Abschnitte über die Verschränkung von judaistischer und christlicher Religionsgeschichte, die darin münden, dass sich das Judentum erst als Folge der Entstehung des Christentums konsolidieren konnte, das Judentum also eigentlich jünger ist als die katholische Kirche – pardon: Das Christentum als solches –, das ist, mit Verlaub, semantisch brilliant dargestellt, ansonsten hanebüchener Unsinn.

Wer‘s nicht glaubt: In der hier besprochenen Ausgabe S. 59: „Schließlich bin ich zu der Einsicht gekommen, daß das Judentum (das im strengen Sinn erst mit dem Ende der Kanon-Bildung, also im ersten Jahrhundert nach Christus beginnt) und der im Neuen Testament umschriebene christliche Glaube zwei Weisen der Aneignung der Schriften Israels sind, die beiden letzten Endes von der Stellungnahme zur Gestalt Jesu von Nazareth her bestimmt werden.“ Die Geburt des Judentums aus dem Geist des Christentums. Die Juden brauchten den von ihnen nie anerkannten Messias, um wenigstens mal zu sich zu kommen ?!? Hat denn der Mann nie davon gehört, dass Jesus überzeugter Jude war und alles andere im Sinne hatte als eine neue Religion zu gründen? Was war denn dessen Basis?

Ach ja: Der Inhalt

Der Rest des Buches, also die Schilderung seines Lebens scheint Ratzinger beim Gegenlesen nicht besonders interessiert zu haben. Glaubte man dem Inhalt kann man nur sagen: Kein Wunder! Es ist eine furchtbar langweilige Aneinanderreihung von Banalitäten, die höchstens durch die süßliche bis kindlich-romantische Sprache (er spricht durchgehend von „unserer lieben Mutter“) und der konsequenten Auslassung jeglicher Konflikte, innerer wie äußerer beeindruckt.

Ach ja, der Inhalt: Ratzinger wird in einem idyllischem Dorf in Bayern geboren, geht in Bayern auf die Schule (höchst idyllische Schulzeit!), muss dann ein bisschen Kriegsdienst unter den Nazis leisten, leidet allerdings weniger unter dem Krieg als der Armut und den Einschränkungen des Lehrbetriebs (er muß in Baracken lernen!), was so ein Krieg halt mit sich bringt. Danach studiert er, promoviert, wird Berater des Kardinals von Köln, Joseph Frings beim II. Vatikanischen Konzil, später Professor in Bonn, Münster und sonstwo und irgendwann in den Vatikan berufen. Alles passiert einfach so, nichts an diesem bestimmt spannenden und außergewöhnlichen Leben wird hier spannend oder außergewöhnlich dargestellt, kaum etwas erklärt geschweige denn reflektiert. Es ist einfach nur langweilig.

Diese Leben, so wie beschrieben scheint lediglich von kaum nennenswerten Problemen wie dem Tod der Mutter (Ratzinger war zu der Zeit weit über vierzig) oder verschiedenen Auseinandersetzungen unter Gelehrten tangiert worden zu sein. Die Nazizeit, die Mitgliedschaft in der Hitlerjugend, seine Zeit als Soldat – kaum ein Wort! Nirgends ein Zweifel, ein Straucheln in der Haltung, ein Ringen um sich (höchstens um die Frage, an welcher Universität er nun lehren möchte), ein Zusammenbruch oder eine Krise (wie ist der Mann eigentlich zum Marlboropaffenden Kettenraucher geworden?). Warum er überhaupt zum Priester geweiht wurde, sehr spät und erklärtermaßen gegen seine Begabung wird sowieso nicht klar Es ist die Schilderung eines Lebens ohne Leben, und man kann es einem so hochintelligenten und mächtigen Mann nicht glauben, dass das alles war.

Dieses Buch lässt einen komplett ratlos. Es verwirrt durch seine sprachliche und intellektuelle Widersprüchlichkeit, die Nichts verdeutlicht. Eine Enttäuschung, weil man Nichts erfährt. Der Mann hätte mehr verdient. Selber Schuld.


Joseph Kardinal Ratzinger,Aus meinem Leben. Erinnerungen 1927 – 1977,Stuttgart, (2005), Deutsche Verlagsanstalt (DVA),191 Seiten, ISBN: 3-421-05123-2, 10,00 Euro

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