Scham der Supermacht

flut.jpgDer moralische Test findet stets vor der eigenen Haustür statt. Kritische Reflexion fällt naturgemäß schwerer als die „Bekehrung anderer“. Doch auch für die Europäer und Neider der US-Macht ist kein Grund zur Häme gegeben. Statt dessen reagieren die europäischen NATO-Mitglieder mit vorbildlichen Hilfsangeboten, die von den USA auch angenommen werden. Einigen Amerikaner fehlt jedoch das gebotene Maß an mitfühlender Empathie. Von Christoph Rohde

Die Sturmkatastrophe im Süden der USA hat gezeigt, dass die Bedrohungen des 21. Jahrhunderts nicht einfach in militärischen Parametern ausgedrückt werden können. Die Pentagonstudie vom Oktober 2003 An Abrupt Climate Change Scenario and Its Implications for United States National Security verlegte ökologischen Gefahren für die amerikanische Sicherheit in die Dritte Welt. Die Gefahr wurde vom Department of Homeland Defense fast ausschließlich auf vom Menschen absichtlich heraufbeschworene Gefahren begrenzt. Terrorismus und Angriffe auf die USA dominierten das Bewusstsein von Verantwortlichen und Öffentlichkeit. Die Website des Heimatschutzministeriums wurde bezeichnenderweise bis zum 2. September, dem vierten Tag der Katastrophe, nicht aktualisiert.

Die Vorfälle von New Orleans haben gezeigt, dass natürliche Gefahren weit unberechenbarer sind als angenommen. Zwar wurde New Orleans in möglichen Bedrohungsszenarien für Naturkatastrophen aufgrund seiner exponierten Lage genannt, konkrete Maßnahmen nicht getroffen. Von den 500 Milliarden Dollar im US-Verteidigungshaushalt, sind die wenigsten als logistische Mittel für innerstaatliche ökologische Katastrophen abrufbar.

Die Koordination der Hilfsmaßnahmen war mehr als suboptimal. Die Nationalgarde wurde erst zwei Tage nach der Katastrophe wirklich eingesetzt. Sie ist jedoch nur zu 70 Prozent aktivierbar – zu viele Soldaten sind im Irak eingesetzt. Stefan Kornelius weist in der Süddeutschen Zeitung auf die mangelnde Reaktionsfähigkeit von Präsident Bush im Krisenfall hin, welche er schon nach dem Bekanntwerden der Anschläge auf die Twin Towers offenbarte.

Statt dessen wurde die Realität geglättet, als er sich am vierten Tag endlich selbst im Katastrophengebiet sehen ließ. Versorgungsstände wurden aufgebaut und Straßen schnell gereinigt – als der Präsident Biloxi verließ, wurden diese Maßnahmen gestoppt.

Ihr wollt anderen helfen, aber könnt Euch selbst nicht helfen

Carolyne Kilpatrick, Kongressmitglied aus Michigan, schämt sich Amerikas. Eine Nation, deren Militär in der Lage ist, im Irak innerhalb von 12 Stunden ein Hospital zu errichten, kann der eigenen Bevölkerung kein vernünftiges Wissensmanagement anbieten. New Orleans“ Bürgermeister Ray Nagin beklagte die größte humanitäre Katastrophe in der Geschichte der Vereinigten Staaten. In sehr emotionaler Weise warf er der Bundesregierung vor, nicht rechtzeitig reagiert zu haben. 40.000 Soldaten hatte er angefordert, am vierten Tag der Katastrophe waren erst 12.000 vor Ort. Professor Green, ein Crisis-Management-Experte, meint, dass diese Katastrophe leicht hätte verhindert werden können.

Gesellschaftliche Brüche treten an die Oberfläche

Nicht nur europäische Kritiker, sondern auch US-Soziologen wie Richard Sennett oder Benjamin Barber monieren seit Langem die ungleiche Ressourcenverteilung im US-Bundesbudget. Ist es Zufall, dass die meisten weißen Bewohner von New Orleans fliehen konnten, während die Schwarzen keine Platz hatten, wo sie hingehen konnten? Auch mangelte es an Transportmitteln, mit denen sie die Stadt hätten verlassen können? Das öffentliche Transportwesen im Süden der USA ist schlicht unterentwickelt.

Die Menschen, von den viele an mangelnder medizinischer Versorgung sterben, sind meist Schwarze, die sich keine vernünftige Gesundheitsversorgung leisten können. Die Defizite einer Gesellschaft, die sich für die Welt ständig als unentbehrliche Nation (Albright) ausweist, sind mit einem Schlag an die Oberfläche getreten. Es wird deutlich, dass die Rassenprobleme vielleicht legislativ, aber de facto nicht gelöst worden sind.

Die Natur des Menschen bricht heraus

Das Band der Zivilisation ist dünn. Dies zeigt sich daran, dass marodierende Banden die Lage der Verzweifelten nach dem Hurrikan in organisierter Weise ausnutzen. Eine Stadt zerfällt schnell in Anarchie, wenn es ums Überleben geht. Der Staat ist plötzlich nicht mehr der von Hobbes hervorgehobene Leviathan – er bietet keinen Schutz und keine Versorgung mehr. Der Mensch wird des Menschen Wolf.

Hier ist ein massiver Einsatz der Nationalgarde mit Waffengewalt gegen die eigene Bevölkerung von Nöten. Die Frage ist: was wäre geschehen, wenn dies das Ergebnis eines Terroranschlages gewesen wäre? Gegen wen hätte sich die Wut der Amerikaner dann gerichtet? In weiten Teilen des Südens ist die reiche Nation USA ein Drittweltland.

Der Grad an Ungleichzeit ist in dramatischer Weise an die Oberfläche gespült worden. Es ist zu hoffen, dass die USA nun mehr Ressourcen in die eigene Gesellschaft als das Militär stecken, wie das Politiker wie George F. Kennan bereits vor fünfzig Jahren gefordert hatten.

Solidarität auf der Ebene der Kommunen

In der größten Katastrophe gibt es auch immer ermutigende Ereignisse. Die Hilfsbereitschaft anderer Städte zur Aufnahme von Obdachlosen ist ebenso bemerkenswert wie die internationalen Hilfsangebote. Die USA sollte diese Angebote mit Demut anerkennen und erkennen, dass ihre selbst-proklamierte Allmacht nicht mehr als Fiktion ist. Und diese könnte zu einer veränderten Politik auf internationaler Ebene führen – zur Politik eines bescheidenen und die eigene Bedürftigkeit anerkennenden Multilateralismus. Die kollateralen Folgen des Hurrikans für die Ölversorgung sollen an dieser Stelle gar nicht erst thematisiert werden – die absurde Energiepolitik der USA ist ein Thema für sich. Es ist wünschenswert, dass sich viele Menschen auch in unseren Breiten durch konkrete Hilfen gegenüber den Opfern solidarisch zeigen.


Die Bildrechte liegen bei der US Navy.