Die Wasserstoffwende

Wasserstoffwende.jpg

Henning Boetius weckt mit seinem Sachbuch Die Wasserstoffwende Hoffnungen auf einen interessanten Beitrag zur aktuellen Energiedebatte. Doch er bleibt in all seinen Ausführungen auf Allgemeinplätzen sitzen. Von Maria Brie

Der Autor Henning Boetius möchte in Die Wasserstoffwende – Eine neue Form der Energieversorgung mehreren Ansprüchen gerecht werden. So sollen – sinnvollerweise – zunächst missverständliche Begrifflichkeiten ausgeräumt werden, die „die Diskussion um das Thema „Wasserstoff als Energieträger’ nicht unerheblich“ belasten. Er widmet daher fast die Hälfte des Buches der Beantwortung folgender Fragen (in dieser Reihenfolge): „Was ist Materie? Energie? Wärme? Wirkungsgrad? Carnotmaschine? Wasserstoff? Wasser? Katalysator? Elektrizität?“. Dabei beleuchtet er nicht nur die historischen Hintergründe, sondern auch deren philosophische und kulturanthropologische Bedeutung.

Zentrale Erkenntnisse

Ausgehend von der These, dass „die Destabilisierung der Welt in ihren komplexen wirtschaftlichen Strukturen […] durch steigende Energiepreise in jedem Fall vorangetrieben“ wird, kommt er zu dem Schluss, dass die Wasserstofftechnologie dem „Energiebürger größere Gerechtigkeit“ zuteil werden lässt und dieser somit nicht mehr „Opfer von Konzernpolitik“ sein wird.

In einem Rundumschlag zu den genannten Themenkomplexen verliert sich Boetius in Einzelheiten von zweifelhafter thematischer Relevanz und lässt uns, die Leser, gleich in der Einleitung wissen, dass Energiezufuhr für das menschliche „metastabile System“ nicht nur Nahrungsaufnahme bedeute, sondern auch geistige Nahrung in Form von Informationen notwendig ist, „um nicht in jenen stabilen Zustand überzugehen, der den geistigen Tod bedeutet: Dummheit, Vorurteile, Erstarrung in Konventionen“.

Um keine dieser Eigenschaften beim Leser zu verstärken, weiß er über „Materie“ zu berichten, dass diese aus Atomen besteht. Mehr noch, Boetius erklärt dem Laien die ganz großen Zusammenhänge: „Dieser hauchdünnen, wogenden Schleierwelt der Atomhüllen […] verdanken wir die uns sichtbar erscheinende Welt. Wir nehmen sie hin als Bühne unserer realen Existenz, ein in Wahrheit hauchdünner Bretterboden mit Schauspielern, durchsichtig wie Geister, ein Theater der Illusionen und Chimären, und dennoch so wirklich und fest, dass wir ihm unser Dasein anvertrauen.“

Das kleine Ein-Mal-Eins

Um diese Tatsachen dem Leser verständlich zu machen, erachtet der Autor es für notwendig, den Physik- und Chemieunterricht neu zu erfinden: Da der Begriff „Energie“ ein „unscharfes, fast qualliges Wort“ ist, erklärt er die „fast an mystische Weltsicht gemahnende Tatsache: die Neigung der Natur zur Oktettbildung“. Und weil der „Laie gewöhnlich glaubt, man könne Energie erzeugen“, was „so nicht richtig“ ist, wird dem Leser nahe gebracht, dass es lediglich „potentielle Energie im engeren“ und „im weiteren Sinne“ gibt.

Falls der laienhafte Leser immer noch nicht wissen sollte, worum es dem Autor eigentlich geht, hilft dieser wo er nur kann: „Potentiell heißt „möglich’, „latent’“. Bevor Boetius den Leser an die Wasserstoffwende heranzuführen gedenkt, muss dieser zunächst um thermodynamische Prozesse, Reibungselektrizität, die Elektrolyse, die Relativitätstheorie und natürlich den Carnotprozess wissen. Die an deren Entdeckung beteiligten Physiker werden dem Leser beliebig mit oder ohne biographische Details vorgestellt.

Nachdem der Leser sein Schulwissen wieder aufgefrischt hat, leitet ein Zitat aus dem „prophetischen Dialog“ (zwischen Smith und dem Seemann in Die geheimnisvolle Insel) von Jules Verne das Kapitel zu Wasserstofftechnologie ein. Beginnend mit der Entdeckung des Wasserstoffes im 18. Jahrhundert bis hin zur Funktionsweise des Ottomotors wird eine Auswahl an Schritten beschrieben, die letztlich zu verschiedenen Verfahren der Wasserstoffherstellung führt. In diesem Kapitel werden die unterschiedlichen Verfahren, für den Laien aufgearbeitet, beschrieben. Der geneigte Leser erfährt des Weiteren, wie Wasserstoff transportiert und verbrannt werden kann.

Die Brennstoffzellentechnologie im weltweiten Kontext

Die verschiedenen Typen der Brennstoffzelle werden vorgestellt und die Vor- und Nachteile der Technologien werden umrissen. Der Autor kratzt mit seinem Wissen jedoch immer an der Oberfläche dessen, was die Wasserstofftechnologie heute zu leisten in der Lage ist. Trotzdem dieses Buch vor wenigen Wochen erschienen ist und an Aktualität nicht zu überbieten sein sollte, fehlen wesentliche Erkenntnisse der Wasserstoffwirtschaft. Um nur ein Beispiel zu nennen: Wasserstoff kann in einem Verfahren gewonnen werden, indem man aus Sand und Sonnenenergie Silizium herstellt und dieses mittels chemischer Verfahren in Kraftwerken in beliebiger Menge zur Wasserstoffherstellung verwendet. Eine revolutionäre Erkenntnis, die dem Leser leider vorenthalten wird.

Boetius bleibt in all seinen Ausführungen auf Allgemeinplätzen sitzen: Für die Klimaveränderung sind nicht etwa der exorbitant hohe Verbrauch der Industrieländer hauptverantwortlich, sondern die steigende Bevölkerung in den Entwicklungsländern und damit deren steigender Bedarf. Damit widerspricht er sich selbst – ließ er sein Publikum doch wissen, dass der Energiebedarf „eines Chinesen derzeit bei 800 Watt pro Stunde […], der eines Amerikaners bei 11.000 Watt“ liegt.

Fazit

Dieses Buch ist eine Weltanschauung ohne tiefgründige Hinwendung zum Thema. Was insbesondere ärgerlich ist: Der Autor hat nicht gründlich genug recherchiert, behauptet aber, den Leser zu informieren und ihm das Thema nahe zu bringen. Großmäuligkeit und Desinformation in einem Buch verärgern.

Auf die auf fast 150 Seiten lang erwarteten – und groß angekündigten – Ausführungen zum eigentlichen Stand der Technologie der Wasserstoffherstellung und -verwendung muss der Leser wohl verzichten.


Henning Boetius: „Die Wasserstoffwende – Eine neue Form der Energieversorgung“

Deutscher Taschenbuch Verlag, München, 2005, 140 Seiten

12 Euro

ISBN: 3-423-24449-6


Die Bildrechte liegen beim Deutschen Taschenbuch Verlag.


Weiterführende Links:

Der Autor bei dtv: Henning Boetius im Kurzporträt