Eurasischer Schmelztigel

f08_bb_istanbul_kleinIstanbul ist eine der faszinierendsten Städte der Welt. Denn die Bewohner der Millionenmetropole bewegen sich zwischen Tradition und Moderne, zwischen westlichem Way of Life und islamischer Lebensphilosophie. Türkei-Korrespondent Kai Strittmatter liefert mit seinem Text- und Bildband ein aussagekräftiges Bild davon. Von Alexander Christoph

Fällt das Wort Türkei, denken viele Menschen hierzulande zuerst an Alanya, Antalya oder Bodrum. Neben den beliebten Touristenzielen mag manchem vielleicht der umstrittene Beitritt zur Europäischen Union, der Fall Ergenekon oder die Diskussion um das Kloster Mor Gabriel in den Sinn kommen. Ein Blick abseits der türkischen Riviera und des politischen Tagesgeschehens lohnt jedoch. Nicht wenige Publikationen zeigen ein charmantes, wenig bekanntes, dafür umso sehenswerteres Land. Manchmal blicken sie sogar nur auf einen kleinen Ausschnitt, auf eine Region oder eine einzelne Stadt. So auch Kai Strittmatter in Istanbul. Metropole zwischen den Welten.

Ein einzigartiges Puzzle

istanbul-s-2-3Die Stadt am Bosporus ist ein Schmelztiegel der Kulturen, wo der Orient auf den Okzident prallt, sich Asien und Europa berühren. Und so porträtiert Strittmatter ein stetig pulsierendes, nie zur Ruhe kommendes Istanbul, dessen bewegte Geschichte und deren Bewohner. Selbstverständlich handelt es sich bei seinen Reportagen um Momentaufnahmen, die lediglich Eindrücke über die mannigfaltige Lebenswirklichkeit der Einwohner vermitteln können. Weshalb der Türkeikorrespondent der Süddeutschen Zeitung treffend im Vorwort schreibt: „Fünfzehn Millionen Menschen. Mindestens so viele Geschichten. Vierzehn davon finden sich in diesem Buch. Vierzehn Mosaiksteine.“ Seite um Seite setzen sich diese Teilchen zu einem zwar nicht unbedingt repräsentativen, aber durchweg interessanten Kaleidoskop Istanbuls zusammen. Dabei tauchen die Leser unter anderem in das älteste Roma-Viertel der Welt ein: Sulukule. Kurz darauf folgt mit dem In-Viertel Beyoglu die Moderne. Ein andermal erzählt der renommierte Journalist von der Süleymaniye-Moschee oder von der Familie Sabanci, die als eine der größten Mäzene der Türkei gilt. Später kommen Musikproduzent Hasan Saltik, der Beschneidungspapst Kemal Özkan oder Gülsefa Uygur zu Wort. Sie sind allesamt etwas Besonderes, schlichtweg: Originale der Stadt. Hasan Saltik kann ohne Zweifel als das „musikalische Gedächtnis“ der Türkei gelten. „Er nahm CDs auf mit der Musik von greisen syrianischen Hirten und thrakischen Roma, mit Volksliedern der Schwarzmeer-Lazen und der Armenier, mit Kompositionen der osmanischen Sultane und der Ladinos.“ Und dass bereits, als diese Musik noch verboten war. Während Kemal Özkan als Popstar und Zeremonienmeister des Beschneidungsritus verehrt wird, muss sich Gülsefa Uygur als eine der wenigen Frauen, die in einer Moschee predigen, jeden Tag gegen Vorbehalte in der Gesellschaft erwehren. An Aussagekraft gewinnen die Geschichten des 1965 geborenen Allgäuers durch die Fotografien des Schweizers Reto Guntli.

Windschiefe Hütten und gläserne Wolkenkratzer

istanbul-s-50-51Dieser porträtiert nicht nur die Menschen der Stadt, sondern zeigt die Stadt ebenfalls mit einer ungewohnten Vielfalt. Einmal sieht man, wie eine junge Frau in abgewetzter Kleidung mitten auf dem Gehsteig einen Teppich schrubbt. Im Hintergrund stehen windschiefe Hütten. Notdürftig mit Pappe und Wellblech zusammengeflickt, sind sie dem Verfall anheim gegeben. Ein paar Seiten später hingegen findet sich der Betrachter in der Moderne wieder: die Glasfassaden der Wolkenkratzer stechen ebenso ins Auge wie die exklusive, futuristische Shoppingmall mit Namen Canyon. In Vierteln wie Beyoglu und an Plätzen wie Taksim scheinen sich die Gegensätze von Ost und West versöhnt zu haben. Es gibt alles, was das Herz begehrt: Cafés, einen Einkaufsboulevard, ein abwechslungsreiches Nachtleben. Bunte und grell leuchtende Reklameschilder locken ins Fitness-Studio, in den Tattoo-Laden oder in die Bar, wo man Billard spielen kann. Und doch: Hie und da stolpert man auch heute noch über Überbleibsel aus längst vergangenen Tagen. Alte Männer transportieren mit Pferdekutschen frische Melonen. Der Autodidakt Guntli – für Lifestyle-Reportagen in aller Welt unterwegs –, hat einen Blick für das Schöne.

Minarette wie Zahnstocher

istanbul-s-116_2-1Schon allein die Silhouette der Stadt ist phantastisch. Man sieht die gewaltigen Kuppeln der Süleymaniye-Moschee, deren Minarette, die wie Zahnstocher aus dem satten Grün der Bäume in den Himmel ragen. 1557 wurde die Moschee, die weit mehr war als ein reines Gotteshaus, eingeweiht. Sie bildete laut Strittmatter „eine kleine Welt“ für sich. Denn sie war Gästehaus für Reisende, Klinik und Medrese (traditionelle Schule) zugleich. Außerdem diente sie als Bibliothek, barg eine Suppenküche sowie ein Hamam (arabisches Badehaus) in ihren Mauern. Ganz nebenbei erfährt der Leser, dass dessen berühmter Baumeister Sinan, eigentlich Joseph hieß. Das hängt mit einem kaum bekannten Kapitel der osmanischen Geschichte zusammen: dem Blutzoll, auch Knabenlese genannt. Das war eine Zwangsrekrutierung, bei welcher in den christlichen Provinzen vorwiegend männliche Jugendliche aus ihren Familien verschleppt wurden: „Sie nahmen sich die klügsten, begabtesten und schönsten Knaben ihrer Gemeinden, um sie zu Muslimen zu machen und zu den ergebensten Dienern des Sultans.“ Einer war eben jener Sinan, der drei Sultanen diente und mehr als 300 Bauwerke – Moscheen, Paläste, Brunnen und Brücken – hinterließ. Indem man bei der Lektüre die osmanische Vergangenheit entdeckt, erfährt man zugleich viel über die heutige Türkei. Außerdem rundet ein Glossar und eine Zeittafel die Informationen ab.

Istanbul – eine Stadt mit Charme

Kai Strittmatter gibt Istanbul in den knappen, dennoch informativ gehaltenen, stilistisch sauber und bisweilen mit brillanter Schärfe formulierten Reportagen ein unverwechselbares Gesicht. Er ist stets auf der Suche nach den kulturellen Nischen, den Skurrilitäten des Alltags und den Originalen auf Istanbuls Straßen. Das ist keine dröge Allerweltsberichterstattung wie sie tagtäglich stattfindet. Man blättert deshalb gerne durch das Buch – auch weil die Stadt mitsamt ihrer Einwohner von Reto Guntli meisterhaft in Szene gesetzt wurde.

Strittmatter, Kai: Istanbul, Metropole zwischen den Welten. (2008), Knesebeck, München, 208 Seiten, ISBN: 978-3-89660-555-9, 49,95 Euro.


Die Bildrechte liegen beim Knesebeck Verlag (Cover)  und Reto Guntli.


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