Schweinegrippe – Eine Pandemie in den Medien?

Zu Unrecht stigmatisiert?Die WHO hat gerade die Schweinegrippe zur Pandemie erklärt und die Welt hat Angst. Hat sie das wirklich? Oder ist die Schweinegrippe nur eine Riesenstory für die Medien, die mit der weltweiten Grippewelle große Schlagzeilen schreiben? Ein Kommentar von Steven Carthy

Ende April kamen die ersten Meldungen über den Ausbruch einer neuen Grippe aus Mexiko. Sofort flimmerten Bilder aus Mexiko-City durch die Medien, in denen Menschen gezeigt wurden, die Atemschutzmasken trugen oder die Öffentlichkeit scheuten. Schnell häuften sich in den Medien die Berichte über eine sich rasch ausbreitende Grippewelle. Experten traten in den Nachrichten auf und spielten die Gefahr herunter, oder auch hinauf. Wie es tatsächlich um die Schweinegrippe-Bedrohung aussah, darin waren sich die sogenannten Experten wieder einmal nicht ganz einig.

Jedes Übel braucht einen Namen

Wie es früher oder später jedem Übel widerfährt, brauchte auch diese Grippe einen Namen. „Schweinegrippe“ war der erste Vorschlag, der sich prompt etablierte. Doch kurz darauf wurden Stimmen laut, dass man nicht Schweinegrippe sagen sollte, sondern Mexiko-Grippe, da so die Nähe zum Herkunftsland gezeigt würde und nicht ähnlich wie bei der Vogelgrippe der Verdacht aufkommen würde, dass sich die Grippe nur auf Schweine beschränke. Gegen den Vorschlag „Mexiko-Grippe“ aber hatten natürlich die Mexikaner etwas einzuwenden. Wer will schon im Namen einer Krankheit auftauchen? Also vielleicht die „Neue Grippe“? Aber das klingt eher, als würde unsere gute alte Grippe erneuert und direkt mit dem Tod in Verbindung gebracht. Also blieb es dabei: Schweinegrippe. Wer aber belesen klingen wollte, sagte eben „Influenza Virus vom Typ A/H1N1“ oder nannte gar den ICD-10-Kode J09.

Abseits der politischen Korrektheit in der Namensgebung ging es bei der Schweinegrippe leider um Menschenleben und eine echte Bedrohung. In den ersten Tagen forderte die Grippe in Mexiko bereits rund 60 Menschenleben. Am 27. April 2009 erreichte die Opferzahl bereits 100 und weit mehr Menschen waren infiziert. Laut Schätzungen waren es über 1500. In den USA bot sich ein ähnliches Bild: Mit sieben Schülern einer Schule in Brooklyn fing es an und schnell wurden weitere Fälle bekannt. Wenig Zeit verging, bis bereits in Europa die ersten Schweinegrippe-Verdachtsfälle gemeldet wurden.

Schweinezyklus in den Medien?

schweinegrippe_21Betrachtet man die Berichterstattung der Medien fällt auf, dass zwischenzeitlich, das heißt in den letzten Wochen im Mai, eigentlich keine bis wenig Neuigkeiten über die Schweinegrippe gemeldet wurden. Im Hintergrund rüsteten sich die Apotheken mit dem Vogelgrippe-Medikament Tamiflu aus, doch ob dies Abnehmer fand, blieb ungewiss. Hin und wieder wurde aber doch von Erkenntnissen in der Forschung berichtet, es hätte Fortschritte auf der Suche nach Impfstoffen oder Medikamenten gegeben. Im Grunde aber blieb es recht still und man hörte im Fall Deutschlands nur von vereinzelten Infektionen, zumeist von heimkehrenden Reisenden aus den Problemzonen USA und Mexiko. Den Erkrankten ging es dabei aber zumeist relativ gut.

Die Schweinegrippe begleitete uns, blieb aber relativ unbemerkt. Vielleicht lag dies auch am Angebot an Storys, aus denen Journalisten auswählen konnten. Am gestrigen Fronleichnamstag kam dann eine drastische Wende. Eine japanische Schule in Düsseldorf meldete 30 erkrankte Kinder, weltweit stieg die Infektionszahl weiter an und die Weltgesundheitsorganisation WHO rief die höchste Alarmstufe für die Schweinegrippe aus und machte sie somit zur Pandemie. Eine Pandemie zeichnet sich dadurch aus, dass sich ein Virus von Mensch zu Mensch überträgt, häufiger auftritt und sich über das Ursprungsland hinaus in mindestens einem weiteren Land verbreitet. Bedrohlicher wird dieser Schritt, wenn man bedenkt, dass die WHO das letzte Mal vor 40 Jahren eine Pandemie ausrief. Damals, Ende 1968, grassierte die Hongkong-Grippe und forderte etwa zwei Millionen Opfer.

Ist die Pandemie überhaupt eine Pandemie?

Ist dies aber gerechtfertigt? Die WHO ist zweifellos eine seriöse Organisation, doch scheint die Schweinegrippe – oder ab heute Schweinepandemie? – doch nicht derart gefährlich zu sein, wie uns gesagt wird. Die Pandemie-Stufe bedeutet auch nicht, dass das Virus gefährlicher wird, sondern dass es sich schneller verbreitet. Sieht man sich die Zahlen der Erkrankungen an, so zeigt sich ein weit weniger drastisches Bild. Weltweit sind seit Ausbruch der Krankheit 28.774 Menschen erkrankt, die Grippe forderte aber lediglich 144 Tote. So schlimm die Zahl der Todesfälle auch ist, im Vergleich zu der absoluten Zahl an Erkrankten ist die Todesrate mit momentan nur etwa 0,5 Prozent äußerst gering. Vor allem sind von den ursprünglich 100 Opfern in Mexiko die Angaben im Nachhinein korrigiert worden auf nur 20 Todesopfer. Die anderen starben an einer typischen Grippe und nicht an der Schweinegrippe. In Deutschland sind derzeit 95 Menschen erkrankt, doch Todesfälle gab es glücklicherweise keine.

WHO-Tabelle zur Ausbreitung des Virus, bis einschließlich 11. Juni. Entgegen der Grafik kursiert aber die Zahl von rund 28.000 Infizierten.Vergleicht man diese Zahlen mit anderen bekannten Krankheiten, so scheint die Schweinegrippe keine außergewöhnliche große Gefahr zu sein. Auf der Welt sind rund 33 Millionen Menschen mit Aids infiziert, in Deutschland alleine 63.500. Aids forderte im Jahr 2006 3,1 Millionen Todesopfer, nach Schätzungen starben 2007 rund 7,7 Millionen Menschen weltweit an Krebs. An der normalen Grippe sterben laut Untersuchungen alleine in Deutschland durchschnittlich sogar zwischen 8000 und 11.000 Menschen. Schenkt man anderen Zahlen Glauben, so sind es sogar 15.000.

„Wenn jeder Kuss zum Judas-Kuss werden kann“

Wie sich die Schweinegrippe weiter entwickelt, wird sich in der nächsten Zeit zeigen. So stark wie angenommen scheint aber die Bedrohung nicht zu sein. Panik machend titelte bereits Die Welt zu Anfang der Bedrohung: „Wenn jeder Kuss zum Judas-Kuss werden kann“. Was in Bezug auf die Schweinegrippe aber zu wünschen bleibt, ist eine seriöse Berichterstattung in den Medien. Mit Panik vor einer weltweiten Pandemie, die an jeder Ecke lauert, ist uns nicht geholfen. Ebenso will niemand mit Atemmaske auf die Straße treten und vor seinem Nachbarn Angst haben. Genauso will aber auch niemand von einer Bedrohung hören müssen, die im Grunde keine ist. Oder soll etwa der Markt durch Hamsterkäufe angekurbelt werden und die Pharmabranche in Zeiten der Krise einen Aufschwung durch den Verkauf von Medikamenten bekommen? Soll eine Jahrhundert-Grippe wie damals bei der Flut den oder die Kanzlerin pushen? Wir werden sehen. Bleibt zu hoffen, dass es ein Vor-Sommerloch war, in das die Schweinegrippe den Meinungsmachern gut passte. Gefahren, Verletzte und Tote gehen ja in den Medien immer ganz gut…


Weitere Links zur Information im Internet:

WHO zur Schweinegrippe
Schweinegrippe Info Deutschland


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