Kolonien heute

Was passiert, wenn die ärmsten Länder der Erde sich nicht mal mehr ihre Armut leisten können? Eine Antwort darauf versuchen die Mitglieder der Weltbank und des Internationalen
Währungsfonds (IWF) auf ihrer Frühjahrstagung in Washington zu
finden. Eines steht jetzt schon fest: Sie werden keine finden. Von Henry
Berndt

Eigentlich sollte es doch so einfach sein: Die Industrieländer vergeben
Kredite an Entwicklungs- und Schwellenländer, die diese in ihr Land investieren
und so für einen Wirtschaftsaufschwung sorgen. Der Wirtschaftsaufschwung
ermöglicht es dann den Ländern, ihre Schulden wieder zurückzuzahlen
und alle sind glücklich. Wenn es nur so einfach wäre…

Die armen Länder sind alles andere als glücklich, denn sie werden
inzwischen von einer Last aus 2,5 Billionen US-Dollar Auslandsschulden erdrückt.
Was hat es nicht für hochgelobte Versuche gegeben, das Weiterdrehen der
Schuldenspirale aufzuhalten – bislang haben sie sich alle als nutzlos
erwiesen. Doch wie nur konnte es zu so einem Zustand überhaupt kommen?
Um die aktuellen Diskussionen auf der Frühjahrstagung der Weltbank und
des IWF nachvollziehen zu können, muss man einen Blick zurück in
das Jahr 1944 werfen.

Hilfe für Wiederaufbau und Entwicklung

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Die Internationale Bank
für Wiederaufbau und Entwicklung (Weltbank)
, eine Sonderorganisation
der Vereinten Nationen, wurde in diesem Jahr parallel zum Internationalen
Währungsfond (IWF)
auf der Konferenz von Bretton Woods gegründet.
Ziel der Organisationen ist die Hilfe bei Wiederaufbau und Entwicklung der
151 Mitgliedsstaaten durch Bereitstellung von Kapital zu besonders günstigen
Konditionen. Das Geld fließt direkt in die Staatskassen, ist projektgebunden
und mit harten Auflagen für die Entwicklungs- und Schwellenländer
verknüpft.

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Rodrigo de Rato, Direktor des IWF

Bis in die 70er Jahre hinein schien das Vorhaben erfolgreich zu sein. Beschränkte
Kapitalflüsse ermöglichten es den armen Staaten, ihre eigenen Investitionen
aus einbehaltenen Gewinnen zu finanzieren und somit eine Neuverschuldung zu verhindern.
Das Geld blieb im Land. In den 70er Jahren jedoch führten der Vietnamkrieg
und die Ölkrise, zusammen mit einer Vielzahl weiterer Faktoren, zu einer
Liberalisierung der weltweiten Kapitalflüsse – zum Leidwesen der Entwicklungsländer.
Beim Versuch, die Kredit-Auflagen zu erfüllen und parallel die Zinsen und
Tilgungsraten aufzubringen, rutschten sie nun immer tiefer in den Schuldensumpf.
Schließlich konnten die Schulden nur noch durch das Aufnehmen neuer Kredite
getilgt werden.

Ein System mit Geburtsfehler

Das System hatte sich nicht verändert – es hatte nur seine Untauglichkeit
offenbart. Denn dieses Kredit- und Schuldensystem fördert keine Entwicklung,
sondern hindert die betroffenen Länder eher daran, wirtschaftlichen Anschluss
zu finden. Sie müssen wertvolle Ressourcen exportieren, um ihre Schulden
tilgen zu können. Bodenschätze werden verbraucht und als Rohstoffe
ins Ausland verkauft, statt sie selbst zu verarbeiten. Die besten Ackerflächen
sind für den Anbau von „Cash Crops“, international gefragter
Agrarprodukte, reserviert und lassen in vielen Fällen große Teile
der Bevölkerung hungern. Die Gesundheits- und Bildungsausgaben sind in
manchen Ländern geringer als allein die Zinszahlungen an die Industrienationen.

Eine Schuldenkrise? Nein, es gibt ebenso wenig eine Schulden- wie ein Kriegskrise
oder eine Terrorkrise – schließlich impliziert das Wort Krise einen
vorangegangenen Zustand der Funktionalität. Doch dies ist keine Krise,
sondern ein System mit Geburtsfehler. Eine wahre Schuldenmaschine, die letztendlich
nur den westlichen Banken das Geld in die Taschen schaufelt. Die Milliardenkredite
machen die Schuldnerstaaten abhängig – nicht nur ökonomisch
sondern auch und vor allem politisch. Es ist ein oft unterschätzter Teil
der Schuldenspirale, dass die so genannte Dritte Welt ihre Interessen proportional
zu ihrer Abhängigkeit von Krediten immer weniger international durchsetzen
kann. Die harten Auflagen für die Kreditvergabe verstärken die Abhängigkeit
weiter und sind darüber hinaus nicht mal gut gemeint. So ist der Zwang,
seine Grenzen für Konsumgüter aus dem Norden öffnen zu müssen,
mit der Freihandelspiraterie und der Eroberung von Kolonien im 19. Jahrhundert
vergleichbar.

Schuldenerlass als Neuanfang

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Weltbank-Präsident James Wolfensohn

Auf der Frühjahrskonferenz von IWF und Weltbank wird nun darüber debattiert,
wie viele Schulden den betroffenen Staaten wohl erlassen werden könnten.
Ein Drittel? Die Hälfte? Was würde das an einem offensichtlich falsch
angelegten Kreditsystem ändern? Wie könnten dann solche Versuche jemals
das neuerliche Weiterdrehen der Schuldenspirale verhindern? Der Erlass aller
Schulden könnte lediglich als erster Baustein eines neuen Systems dienen,
in dem die Staaten der Dritten Welt trotz oder gerade wegen ihrer wirtschaftlichen
Schwäche wieder mehr Mitspracherecht erhalten würden. Wenn es nicht
gelingt, einen solchen Neuanfang zu machen, dann wäre es immer noch besser,
die „Dritte Welt“ sich allein langfristig weiterentwickeln zu lassen.
Vielleicht ist Strukturanpassung einfach der falsche Weg und die Industriestaaten
sollten lieber nur noch die größten Hungersnöte durch Spendengelder
lindern. Denn ob nun alle zehn Jahre die Schulden erlassen oder gleich spenden
ist am Ende das Gleiche. Wenn nun diese Idee keine Beachtung bei den westlichen
Banken finden wird, dann nicht aufgrund ihres hohen Hilfsbedürfnissen, sondern
weil sie die Zinsgelder aus der Dritten Welt für die nächsten Jahrzehnte
schon fest eingeplant haben.


Die Bildrechte liegen gemeinsam
beim IWF und der Weltbank