EU der unterschiedlichen Wahlgeschwindigkeiten

Selbstwerbung für die Wahl - Das Parlamentsgebäude in BrüsselDie Bürger der EU haben ihr Parlament gewählt und wir waren dabei. /e-politik.de/– Autoren haben teilnehmend beobachtet, wie und wo die europäische Idee und ihre große demokratische Frage angekommen sind. Aus den Redaktionen

Belgien, Donnerstag vor der Wahl. „So, hiermit übertrage ich mein Wahlrecht auf meine Mutter.“ Was in einigen EU-Ländern wie zum Beispiel Belgien geht, nämlich das Übertragen der eigenen Wahlstimme per Prokuration auf eine andere Person, ist in Deutschland nicht möglich. Wer von den Deutschen während einer Wahl fernab des Meldeortes weilt, der kann Briefwahl beantragen. Sabines Wahlunterlagen zur Europawahl lagen im Briefkasten.

Zu spät oder zu weit weg

Riskante Wahl mit Brief

Doch da war es schon zu spät. Denn der Brief mit ihrem Kreuzchen hätte bis Sonntag, 18 Uhr, in ihrem Heimatort ankommen müssen. Doch ein Brief von Belgien nach Deutschland ist meistens zwei Tage oder länger unterwegs. Weggeschickt hat Sabine ihn trotzdem: „So habe ich wenigstens mein Gewissen beruhigt.“

Auch innerhalb Deutschlands hat es mit der Europawahl nicht überall geklappt. Ute ist seit dem 5. Mai in Leipzig gemeldet. Zwei Wochen später bekam sie ihre Wahlbenachrichtigung – allerdings aus ihrer Heimatstadt Cuxhaven. Als die 25-Jährige deswegen unverzüglich beim Leipziger Bürgeramt vorsprach, war die Frist, um auf die Leipziger Wählerliste zu gelangen, schon abgelaufen. Und jetzt? „Müsste ich für die Europawahl kurz nach Cuxhaven fahren“, sagt sie. Und fügt ironisch dazu: „Kein Problem.“ Von Ulrike Brandt

Wählen zwischen Kreide und Kinderstühlen

München-Schwabing, 8 Uhr. Ein junger Mann mit einem Herzen auf seinem T-Shirt marschiert in das Wahllokal, in dem drei andere müde Wahlhelfer gerade überlegen, ob es in der Schule einen Kaffeeautomat gibt (gibt es nicht). Das Ambiente der Schule strahlt jenen 70er-Jahre-Charme aus, den es selbst als Schüler zu überstehen galt. Alte, grüne Tafel mit klassischer Kreide, Holzbänke, Tuschebilder von Schülern. Bis neun Uhr haben schon sechs Personen gewählt, bis 10 Uhr immerhin 19, in den nächsten beiden Stunden jeweils 39. Was die „Piraten“ für eine Partei seien, fragt ein Wähler, und keiner im Raum weiß eine Antwort. Europa – du siehst noch etwas grau aus: tolle Idee, schlechtes Marketing. Aber immerhin gibt es sie, die Eisernen, die mehr auf die Substanz schauen als auf die teilweise unerträglichen Wahlplakate. Von Christoph Rohde

München-Harlaching, 15 Uhr. Die Sonne lacht zur Wahl. Eine junge Mutter kommt mit ihrem Sohn an der Hand die Treppen zum Wahllokal Gymnasium hoch. Der kleine Mann will wissen, was die Mutter jetzt eigentlich vor hat. „Mama geht jetzt wählen“, lautet die Antwort. „Ich will auch wählen“. – „Wählen darf man aber erst, wenn man 18 Jahre oder älter ist.“ – „Und was ist dann mit den Kindern?“ Erstaunliche Einsichten eines vielleicht drei Jahre alten Europäers. Von Tobias Oberndorfer

Unbequem, nass, aber demokratisch

Heidelberg, 13 Uhr. Welche Bedeutung das Wahlrecht hat, zeigt sich oft erst in Kleinigkeiten. Durch den Regen quält sich eine Frau, Mitte Vierzig, die lange Treppe hinab in Richtung Wahllokal Grundschule, die eine Hand sichernd am Geländer, die andere umklammert ihre Krücken. Sicher hätte sie der Fahrdienst einer Partei auch ans Ziel gebracht, doch heute leistet sie ihren Beitrag zur Wahl, gibt ihre vierzig Stimmen für die Gemeinde ab und entscheidet mit ihrer einen Stimme für Europa. Unabhängig. Und bereit, für dieses Recht auch persönliche Opfer zu bringen. Demokratie kann anstrengend, ungemütlich, nass sein. Auch in Europa, auch in Deutschland, auch in Heidelberg. Von Sören Sgries

Kreuzchen und Faltkunst

Berlin, 12 Uhr. Bisher haben gut 60 Bürger ihre Stimme abgegeben, das entspricht einer Wahlbeteiligung von gut vier Prozent. Kann Europa tatsächlich so wenig begeistern? Offensichtlich halten es viele für überflüssig, im nasskalten Wetter zum Wahlbüro zu pilgern und ihre Stimme abzugeben. Wenn es aber nicht die EU ist, die es den Wahlberechtigten angetan hat, so trägt der exakt 94 Zentimeter lange Stimmzettel umso mehr zumindest zum Amusement der Wähler bei. „Da habe ich ja jetzt tatsächlich die Wahl“, bemerkt ein junger Mann, der eingeschüchtert auf das große Schriftstück in seinen Händen blickt.

Der längste Stimmzettel in der Geschichte der Europawahlen belebt bei anderen Wählern offensichtlich die Kreativität: Ein junges Ehepaar unterhält sich lautstark von Kabine zu Kabine über die verschiedenen Origami-Techniken, die man an den Listen anwenden könnte. Als der Mann aus der Kabine kommt, passt sein winzig kleiner Stimmzettel kaum noch durch den Schlitz in der Wahlurne. Ein paar kräftige Schläge schaffen Abhilfe. Eine ältere Dame hingegen muss sich zunächst setzen, als ihr der Stimmzettel in die Hand gedrückt wird. „So eine lange Liste, da muss ich erst einmal lesen, wen ich alles wählen kann“, meint sie. Beim Verlassen der Wahlkabine äußert sie sich zustimmend über die mindestens drei Rentnerparteien, die sich zur Wahl gestellt haben. So ist Europa: Es wirkt oft undurchdringlich und kompliziert, doch es ist für jede und jeden etwas dabei. Von Julia Dröge

Wer die Wahlhilfe hat

Berlin-Kreuzberg, 14 Uhr. Halbzeit, und der Regen hat nachgelassen. Das Wahllokal liegt am Ende einer Sackgasse in einer Kindertagesstätte, gleich dahinter der Kanal und der Nachbarbezirk Treptow. „Na, vom Wasser können sie ja nicht kommen“, erklärt ein Wahlhelfer und Kita-Mitarbeiter die gähnende Leere im Flur. Und in den umliegenden Wohnblöcken lebe auch nicht gerade die wählende Bevölkerung, ergänzt seine Kollegin und meint die Unterkünfte für „Gestrandete“ und das betreute Wohnen für Alte. Noch liegt die Wahlbeteiligung unter zehn Prozent.

Die beiden Kita-Mitarbeiter warten und zählen freiwillig, die vier anderen Wahlhelfer sind eher zufällig hier: Ein Lehrer aus Wittenau wurde im Kollegium ausgelost, ein Student wurde per Zufallsgenerator von seiner Uni angeschrieben: Ob er sich vorstellen könne, den 7. Juni von 8 Uhr bis nach dem Auszählen um 18 Uhr bei der Europawahl zu verbringen? Auf sonntägliche Ruhe müssen die sechs jedenfalls nicht verzichten. Vor einem Wahllokal einige Straßen weiter kommen und gehen die Kreuzberger in regelmäßigen Abständen, kein Wählerstrom, aber immerhin ein stetes Tröpfeln, das viel beruhigender wirkt als die Stille am Ende der Sackgasse. Von Nona Schulte-Römer

Wahl oder Nicht-Wahl, das ist die Frage

Nürnberg, 15 Uhr. Im Klassenzimmer für den Bezirk 1356 ist die Wahlbeteiligung mit Kreide an die Tafel geschrieben. 13 Uhr: 9,33 Prozent, 14 Uhr: 11,27 Prozent. Die multikulturelle Südstadt hat seit Jahren mit dem Sterben der traditionellen Industriebetriebe zu kämpfen. Hier sind die Werte erfahrungsgemäß sehr schlecht, sagt Wahlhelferin Lilly Betten, die jeden Bürger, der sich hierher verirrt, mit Standing Ovations begrüßt. Im Nachbarzimmer vermelden die Helfer um 15 Uhr schon stolze 14 Prozent. Ein Pärchen, beide 32 Jahre, er Angestellter, sie Gymnasiallehrerin, betreten das Wahlbüro. „Wir gehen immer wählen. Man muss doch seine demokratischen Rechte wahrnehmen“, so die beiden Europäer.

Rock im Park, 17.50 Uhr. Ganz so pflichtbewusst sind die Besucher des zeitgleich stattfindenden Festivals Rock im Park nicht. Kurz vor Schließung der Wahllokale sitzen vier EU-Erstwähler mit bunten Haaren auf Campingstühlen. „Oh. Heute war ja Wahl!“ – „Das fiel mir heut‘ Morgen noch ein, aber leider sind wir ja nicht in Augsburg.“ Und Briefwahl? „Wir mussten uns ja die Woche auf das Festival vorbereiten, da denkt man nicht an die Wahl!“ Von Petra Sorge


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