Als Le Pen die Marseillaise sang

Viele dieser Plakate hingen nicht lange an den Laternenmasten. Andere wurden zur Zielscheibe von Farbbeuteln und LebensmittelnAm 7. Juni finden in Frankreich die Wahlen zum Europäischen Parlament statt. Wenn der Parteivorsitzende der rechtsgerichteten Front National, Jean-Marie Le Pen, Wahlkampf betreibt, strotzt der vor Einfältigkeit und unüberwundenen Klischees. Und es langweilt. Von Sebastian Knecht

Als ich mich am Abend des 28. Mai 2009 dem Kongresszentrum am Park Tête d´Or im Norden Lyons nähere, hetzt gerade eine 15-köpfige Gruppe schwarz gekleideter Männer mit Springerstiefeln einige junge Gegendemonstranten die Straße herunter. Niemand scheint sich dafür zu interessieren, also rufe ich selbst die Polizei. Ihr Schicksal bleibt mir unbekannt. Sicher fühle ich mich auch in Gegenwart der Ordnungshüter nicht. Zu viele offensichtlich Rechtsradikale belagern den Veranstaltungsort eine halbe Stunde vor Beginn. Sie alle sind wegen eines Mannes gekommen.

80 Jahre alt, ehemaliger Fremdenlegionär, seit 37 Jahren Vorsitzender der rechtskonservativen Front National, seit 1984 nahezu durchgehend Europaabgeordneter, stets zwischen Rechtspopulismus und Holocaust-Schmälerung – das ist Jean-Marie Le Pen. 1956 wurde der Mann aus der Bretagne erstmalig in die französische Nationalversammlung, die Assemblée Nationale, gewählt. Mit 28 Jahren war er der jüngste Abgeordnete. Falls Le Pen am 7. Juni 2009 als Abgeordneter in das Europaparlament wiedergewählt werden sollte, wird er voraussichtlich der älteste europäische Volksvertreter sein. Derzeit befindet er sich noch auf Wahlkampftour durch Frankreich.

Schwache Augen, feste Stimme

Als Jean-Marie Le Pen pünktlich um 20 Uhr den Kongresssaal betritt, schreitet er zielstrebig und rüstigen Schrittes durch die Reihen. Der Saal ist brechend voll; gut 1.000 Menschen dürften gekommen sein. Le Pen lächelt, winkt seinen Anhängern zu und badet im Applaus und den Jubelchören der Massen. Vielleicht aber überdeckt die heroische Einmarschmusik auch einfach nur sein angestrengtes Stöhnen. Das Ganze hat mehr von einem Boxkampf als einer Wahlkampfveranstaltung. Und tatsächlich holen Vorredner Bruno Gollnisch und anschließend Le Pen zum Schlag aus.

80 Jahre alt und in bester körperlicher Verfassung: Le Pen beim Wahlkampfauftritt am 28. Mai in LyonEs macht weniger den Eindruck einer Wahlkampfveranstaltung als vielmehr den eines stimmungsvollen Familienfestes. Die Anwesenden schwanken zwischen Jugend und Greis, Haute Couture und Prêt-à-Porter, stillschweigendem Kopfnicken und ungezügelten Emotionen. Vor mir grinst mich ein Thor Steinar-Schriftzug von einem Bodybuilderrücken an, daneben sitzt ein Ehepaar mittleren Alters und amüsiert sich köstlich über Le Pens kleine Sticheleien: „Nehmen Sie nur einmal diese Muselmänner: Abd al-Rahman al-Rashid. Das ist doch kein Name!“* Gelächter! Als ein dunkelhäutiger Mitbürger, der sich offenbar verirrt hat, den Saal durch den Seiteneingang betritt, wird er noch Minuten später von einer Gruppe Jugendlicher entgeistert beliebäugelt.

Le Pen spricht für sein Alter mit erstaunlich kräftiger Stimme. Er ist ein Rhetoriker, keine Frage. Mit seiner empathischen Wortwahl liest er den Menschen praktisch aus dem Herzen. Die ersten 20 Minuten gestaltet er mühelos frei und mit Bravour. Wahrscheinlich nicht zuletzt, weil es jene Sätze sind, die er seit nunmehr über 30 Jahren wiederholt. Anschließend muss er zum Manuskript greifen und liest mit verkrampften Augen mehr schlecht als recht vor. Das tut der aufgeladenen Atmosphäre keinen Abbruch. Alle fünf Minuten verschwimmt der Saal in einem Fahnenmeer.

„Ich mag die Engländer – bei sich!“

Neues erfährt man infolgedessen nicht von ihm. Es sind die immer gleichen Parolen: „Frankreich – eine Nation.“, „Es lebe die große Nation.“ Einmal spricht er gar von einem „Kollektivrecht“ des französischen Volkes, worunter er Einwanderungsstopp, geschlossene Grenzen, zwar kein Austritt aus der EU, aber die Wiedereinführung des Franc subsumiert. Inwiefern das die geringe Kaufkraft, hohe Preise und die nach eigener Aussage steigende Massenarbeitslosigkeit und Verarmung überwinden würde, erklärt er allerdings nicht.

Den französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy nimmt er mehr als in den vergangenen Wochen ins Kreuzfeuer. Pünktlich vor der Europawahl erfährt der Wähler, dass der Präsident lügt, wenn er sagt, er wäre gegen einen Beitritt der Türkei in die Europäische Union. Das Gegenteil sei der Fall. Das Thema Zuwanderung beansprucht den Großteil seiner einstündigen Rede. Statt von Immigration spricht Le Pen von Invasion. Fast versucht er, die FN als Ein-Themen-Partei zu etablieren. Er beschwört die „islamistische Gefahr“ unter Verweis auf die herumlungernden „Immigrantenkinder“ in den Vorstädten und schlussfolgert die Notwendigkeit, keine Ausländer mehr in das Land zu lassen und jene, die bereits in Frankreich sind, auszuweisen: „Frankreich den Franzosen!“

Frenetischer Jubel im Kongresssaal: Le Pen zieht noch immer die Massen mitLe Pen zielt einmal mehr auf die altbekannten Feinde und damit die Wunden der Menschen. Alles sei letztendlich auf ein Übel zurückzuführen: das Diktat der USA. Immerhin diesen Feind teilt er mit der französischen Linken. Über Europapolitik und das Programm der FN zur bevorstehenden Wahl spricht er nur wenig. Es verlangt eine Politik wider dem Brüsseler „Superstaat“: Ein Europa souveräner Nationen. An diesem Abend interessiert das kaum. Die meisten der hier Anwesenden wissen bereits, was und wen sie wählen. Und Le Pen ist sich dessen bewusst.

Täter. Und doch auch Opfer?

Nichtsdestoweniger sind die Motive der Anhänger der Front National höchst unterschiedlich. Im Saal befinden sich viele einfache Leute, die weniger rechte Überzeugungstäter sind. Viele sind von der französischen Sozialpolitik im Stich gelassen und an den Rand gedrängt worden und identifizieren Zuwanderung und freie Marktwirtschaft als vermeintliche Ursachen. Auch denken sie zurück an eine Zeit, in der Frankreich noch selbstbestimmt seinem Nationalismus frönte. Nur denken sie seit Jahrzehnten immer nur „zurück“. Sie suchen nach Legitimation für ihren Frust. Und Le Pen gibt ihnen die gewollte Rechtfertigung, voller Genugtuung und Selbstgenügsamkeit. Bisweilen wirkt es, als rede er nur noch, um die Emotionen seiner Anhängerschaft anzuheizen. Frei nach der Devise: Wer mit dem Herzen denkt, dessen Stimme kann ich mir sicher sein.

Zum Abschluss der Veranstaltung um 21:45 Uhr stimmt Le Pen die Marseillaise an – ein Hochgefühl französischer Identität und Nationalität. Nun versinkt der Saal endgültig im Schwall der Emotionen und Fahnen. Seine letzten Worte, ehe der Held der Ewiggestrigen den Saal verlässt: „Vivre le Front National, vivre la France.“ Ein Hoch auf Europa.


*Abd al-Rahman al-Rashid kritisierte Le Pen nach dessen Erfolg im ersten Wahlgang der Präsidentschaftswahl 2002 in der in London erscheinenden arabischsprachigen Zeitung al-Sharq al-Awsat scharf.


Die Bildrechte liegen beim Autor (Anhängerschaft), bei Jonas Risløw Iversen (Le Pen) oder sind gemeinfrei (Plakat).


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