„Nous sommes invincibles!“

Mit großen Protestaktionen begegnen die französischen Studierenden - wie hier in Lyon - den Mängeln ders Bildungssystems.Massendemonstrationen, festgesetzte Manager, verwüstete Bürokomplexe, soziale Unruhen: In Frankreich ist alles wie immer. Der Streik an den Universitäten des Landes hielt mehr als drei Monate an, und damit länger als der Aufstand von 1968. Nicht zuletzt auch deshalb, weil er in seiner Wirkung komplett verpuffte. Von Sebastian Knecht

Am Rednerpult im Großen Hörsaal des Institut d´Études Politiques de Lyon sticht ein Plakat mit der Aufschrift „Nous sommes invincibles!“ ins Auge: Wir sind unbesiegbar! Im April wurde die Université de Lyon, der das Institut angegliedert ist, vom Präsidium gänzlich für eine Woche geschlossen. Studenten hatten auf dem Campus randaliert, Gremiensitzungen und Vorlesungen gestört, rassistische Äußerungen sollen auch gefallen sein. Die Schließung des Campus erinnert an den Vorgang an der Université de Nanterre 1968, die am Ende die größte französische Streikbewegung im 20. Jahrhundert auslöste. Zehn Millionen Bürger legten ihre Arbeit nieder und brachten die Wirtschaft damals an den Rand eines Zusammenbruchs. Das Dogma, Geschichte wiederhole sich nicht, scheint außer Kraft.

Freie Universitäten – aber noch freie Bildung?

Der Protest der Universitätskörperschaften richtet sich gegen ein Gesetz, das am 1. Januar 2009 in Kraft getreten ist und die französischen Universitäten in die Teilprivatisierung überführt. Wohlgemerkt: Studenten, Professoren und Administration gehen Hand in Hand, sind sie schließlich alle vom LRU, dem Gesetz zur Freiheit und Verantwortung der Universitäten, betroffen. Die ersten Folgen: Bereits 2009 sollen 1000 Stellen nach Pensionierungen nicht neu besetzt werden. Den Universitäten wird sowohl Personal- als auch Finanzautonomie eingeräumt. Bis dato bestimmten sie nur über 25 Prozent ihres Budgets in Eigenregie. Zusätzliche Fördergelder werden zukünftig nach Leistung vergeben und die Universitäten dürfen Privatmittel einwerben.

Das ist zu viel – zu viel Marktliberalismus, zu viel Kapitalismus, zu viel Prekarisierung für eine mehrheitlich sozialistische Studentenschaft. Und angesichts der Wirtschaftsvertreter, die bereits jetzt neu in den Aufsichtsräten der Universitäten sitzen, scheinen sich ihre Befürchtungen zu bewahrheiten. Ein Erfolgserlebnis konnten die Demonstrierenden dennoch verbuchen: Das Vorhaben der Regierung, die Arbeit der Wissenschaftler künftig nicht mehr durch kollegiale Gremien, sondern direkt von den Universitätspräsidenten evaluieren zu lassen, wurde nach lautstarkem Aufschrei vorerst verworfen. Es wäre ein nettes Jonglierspiel mit Sanktionen geworden: Wer zu wenig und nicht in den führenden Wissenschaftsjournalen veröffentlicht, sollte mehr Vorlesungen halten und wäre damit auch noch vor hunderten Studenten im Hörsaal an den Pranger gestellt. Einer Wissenschaftslandschaft, die viel auf Grundlagenforschung setzt, hätte man damit den Dolch in den Rücken gestoßen.

Reformwut eines kleinen Mannes

Bildungsministerin Pécresse muss mit den Anfeindungen durch die Streikenden umgehen.Feindbild des Protestes sind die französische Bildungsministerin Valérie Pécresse, die den Gesetzentwurf eingebracht hat, und Präsident Nicolas Sarkozy. „Pécresse verteilt Küsschen – nur wir kriegen keine!“, singen hunderte Studenten auf den wöchentlichen Demonstrationsmärschen durch das Lyoner Zentrum im Chor. Auch zahlreiche Professoren sind dabei, ebenso Gewerkschaften und Sozialverbände, die Kommunistische Partei Frankreichs (PCF) und die Sozialisten (PS).

Sarkozys Popularitätswerte sind zwischenzeitlich von noch 60 Prozent 2007 auf mittlerweile 37 Prozent gesunken. Das neue Rekordtief ist natürlich nicht allein den Studenten geschuldet, schließlich erheben sich die Menschen landesweit in vielen Branchen. Die staatlichen Energieversorger EDF beziehungsweise Gaz Suez werden genauso bestreikt wie die öffentlichen Nahverkehrsmittel. Die Finanz- und Wirtschaftskrise tut ihr Übriges. Die Studenten sind die beharrlichsten Regierungsgegner, was zum Einen am breiten linksgerichteten Flügel liegt und zum Anderen an den direkt spürbaren Auswirkungen der Universitätsreform. Gleichzeitig sind es aber auch die Studenten, die von der Regierungsseite wenig Aufmerksamkeit entgegengebracht bekommen.

Im Januar hatte Sarkozy noch in die Kerbe geschlagen und der französischen Wissenschaft vorgeworfen, sie publiziere bei gleichem Budget bis zu 50 Prozent weniger als die britische Wissenschaft. Hauptsache, die Forschungsräume seien „gut beleuchtet und beheizt“. Mit Ironie versucht er es inzwischen schon gar nicht mehr: Ignoranz trifft die Studenten weitaus mehr. Und die machen es ihm momentan auch mehr als einfach, sich der Diskussion und des Dialogs gar nicht erst anzunehmen.

Leider der Ruf nach Revolution

Typisch Frankreich, Streiknation? Am Institut d´Études Politiques de Lyon hängen die Plakate.Soweit ist der Streik als politisches Druckmittel nichts Neues: Frankreich – das Land des Streiks! Typisch. Ganz so einfach ist das natürlich nicht. Ein rein französisches Unterfangen ist der Streik nicht, in vielen anderen Ländern weltweit, gerade auch der EU, wird ebenfalls, nicht zwingend seltener und gerade auch in den Tagen der Wirtschaftskrise, gestreikt. Der Fall Island bestätigt beispielsweise die französische, vielleicht auch eher eine allgemein bürgerliche Attitüde. Das manch eine Nation eher aufschreit als eine andere, lässt sich schwerlich messen. In Frankreich selbst spricht man sich vom revolutionären Geist der Geschichte gerne frei. Zu unterschiedlich sei der Kontext und Hintergrund des Aufstandes, zu unorganisiert heute die Studenten.

Und doch titelte ein Artikel in Le Monde am 4. April: „Nach 1789 nun 2009?“. Der historische Vergleich ist – genauso wie jener zu ´68 – in seiner Dimension übertrieben und entspricht doch dem studentischen Kalkül. Man ist nicht bereit, sich von der Politik erweichen zu lassen. Nicht von der Politik, nicht von Sarkozy oder Pécresse, auch nicht vom gesamten „neoliberalen, kapitalistischen, imperialistischen und antidemokratischen Apparat, dessen treibende Kraft die USA“ sei, wie Plakate an den Wänden der Universität, vor allem aber Studenten in den wöchentlichen Beratungen immer wieder proklamieren. Das LRU ist dabei inzwischen zweitrangig. Durch fehlleitende Argumentation und unsachliche Rhetorik wird Frankreichs Hochschulreform mit der Systemfrage vermengt und der Widerstand trivialisiert. Der Regierung spielt man damit in die Hände.

Solange die Studentenschaft es nicht schafft, die Diskussion und den Widerstand gezielt auf den Kernaspekt zu konzentrieren und diese Forderungen in national einheitlicher Weise zu formulieren, hat die Politik keinen Anlass, auf revolutionäre Forderungen auch nur irgendwie einzugehen. Mit Vandalismus auf dem Campus bringen die Studenten letztlich nur ihr eigenes Boot zum Kentern, noch ehe Sarkozys Reformwelle überhaupt richtig über sie hereingebrochen ist. Was vorerst als Resümee bleibt, ist die demotivierende Tatsache, dass ein gesamtes Semester, welches im Mai zu Ende geht, für alle Studenten der französischen Universitäten ohne nennenswerte Wirkung zerplatzt ist.


Die Bildrechte liegen beim Autor bzw. unterliegen einer Creative Commons Licence (Pécresse/flickr: xtof).


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