Karstadt in der Krise

Karstadt steht für Einkaufen in bester Innenstadtlage, für großzügigen Verkaufsraum und Produktvielfalt. Karstadt steht aber auch für Versandhandel, für Mode, Schuhe, Reisen, Sport-Fernsehen und für Kaffee. Und seit kurzem steht Karstadt für Krise, Misswirtschaft und sinkende Aktienkurse. Von Thomas Bertz und Marc Krüger.

karstadt2.jpgWenn
das Geld fehlt, dann zählt selbst eine geschichtsträchtige Adresse nichts mehr:
Auch das allererste Kaufhaus, gegründet 1881 von Rudolph Karstadt im mecklenburgischen
Wismar, ist zum Problemfall geworden. Geld wird mittlerweile woanders verdient;
die magische Zahl lautet: 8.000 Quadratmeter. In der Konzernzentrale in Essen
hat man errechnet, dass nur ein Warenhaus mit einer Verkaufsfläche über ebendieser
Größe Gewinn abwirft. Das allererste Karstadt-Kaufhaus ist deutlich kleiner.
Die Geschichte ist vorbei, die Realität hat gesiegt.

Im kommenden Jahr werden die 77 Warenhäuser unter 8.000 Quadratmeter Größe
in einer eigenen Gesellschaft aus dem Konzern ausgegliedert, in der „Karstadt
Kompakt GmbH“ – mit beschränkter Haftung ausdrücklich auch für die Standorte
und die Arbeitsplätze. Die neue Gesellschaft bekommt laut Helmut Merkel, dem
Vorstandsvorsitzenden der Karstadt Warenhaus AG, die „größtmögliche Freiheit,
um auf die individuellen örtlichen Wettbewerbsverhältnisse noch besser eingehen
zu können.“ Im Klartext: Der Name bleibt, verkauft wird aber nur noch, was
Gewinn abwirft. Karstadt steht dann zwar noch über dem Eingang, aber nicht
mehr für Produktvielfalt.

Aufkaufen und Fusionieren

Auch in anderen Bereichen würde man sich gerne von unliebsam gewordenen Zukäufen
der Vergangenheit trennen. Dabei ist Aufkaufen und Fusionieren bei Karstadt
von je her Alltagsgeschäft gewesen. Schon 1920 gab es eine Verschmelzung mit
den Warenhäusern von Theodor Althoff, weitere große Namen sollten folgen: so
erwarb Karstadt 1994 den Konkurrenten Hertie, stieg ein Jahr darauf mit der
Mehrheit der Euro-Lloyds-Reisebüro GmbH ins Reisegeschäft ein und fusionierte
schließlich 1999, im bisher größten Deal, mit dem Versandhaus Quelle zur KarstadtQuelle
AG
. Diese übernahm im Jahr 2000 den Betrieb der Warenhäuser Karstadt, Hertie
und Wertheim sowie das Hamburger Alsterhaus und das Berliner Kaufhaus
des Westens (KaDeWe)
. Auch der Reiseveranstalter
Neckermann
gehört zum Konzern.

KarstadtQuelle stieg bei weiteren Unternehmen mit ein oder übernahm diese
komplett, war somit neben dem Einzel- und Versandhandel auch im Reisesektor,
bei Finanzdienstleistungen und im Immobiliengeschäft tätig und beteiligte sich
zudem am Münchner Sportfernsehen
DSF
. Im Herbst 2001 dann das Joint Venture mit Amerikas größter Kaffeehaus-Kette
Starbuck“s
. Trotz internationaler Kooperation konzentrierte sich das Geschäft
allerdings in den meisten Fälle auf den deutschen Markt.

Taktik: Verschleiern und Missstände kleinreden

Dies war offenbar ein Fehler, wie man heute selbst in den Vorstandsetagen
einräumt. Schon zuvor, im Sommer 2004, platzte die Finanzblase, die Vorstand
und Aufsichtsrat lange Zeit aufgepustet hatten: Karstadt drohte die Insolvenz.
Die Aktionäre mögen aus allen Wolken gefallen sein, denn sogar die Hauptversammlung
im Mai 2004 stand noch unter den Zukunftsmotto „Auf dem Weg zum Handels- und
Dienstleistungskonzern“. Von Problemen, drohenden Schließungen oder Entlassungen
war keine Rede – der Aktienkurs blieb stabil.

Ringen um den Sanierungsplan

Nach monatelangen Beratungen, dem Austausch von führenden Köpfen und vielem
Hin und Her, wurde schließlich auf einer außerordentlichen Hauptversammlung
im November der Sanierungsplan von Konzernchef Christoph Achenbach und Aufsichtsratschef
Thomas Middelhoff durchgesetzt. Zu den Einschnitten gehört auch, dass 5.700
der etwa 100.000 Arbeitsplätze gestrichen werden. Zudem will sich das Unternehmen
in seinem Warenhausgeschäft auf die 89 große Filialen konzentrieren. Auch frisches
Geld soll her: Die Aktionäre haben einer Kapitalerhöhung zugestimmt. Mit einem
von den Banken zugesagten Kredit von 1,75 Milliarden und einem bereits ausgehandelten
Sanierungsbeitrag von 760 Millionen Euro soll der Konzern dann endgültig wieder
fit gemacht werden. Der Vorstandsetage scheint man aber nicht mehr recht zu
trauen: Künftig soll es regelmäßig Risiko- und Zwischenstandsberichte geben,
damit ein Abgleitenkarstadt1.jpg des
Konzerns zumindest früher erkannt und öffentlich gemacht werden kann.

Zukunft entsteht hinter der Fassade

Dass Karstadt dabei fest an den Aufschwung denkt, sieht man zum Beispiel in
Leipzig. Dort ist trotz Krise und drohenden Massenentlassungen ein Karstadt
Warenhaus direkt in der Innenstadt bis auf die Fassade abgerissen worden und
wird bis 2007 mit Millionenaufwand komplett neu aufgebaut. Gegenüber nahezu
dieselbe Aktion für eine Filiale der Karstadt-Tochter Sinn Leffers. Trotz unsicherer
Zukunft stehen an beiden Gebäuden Baukräne. In dem tiefen, riesigen Loch hinter
der alten Karstadt-Fassade soll in Leipzig ein modernes Galeriehaus zum Einkaufen
entstehen – natürlich ist es größer als 8.000 Quadratmeter. Karstadt versucht,
Zukunft aufzubauen. In Leipzig ist die Konzern-Realität offenbar noch nicht
angekommen.

____________________________________________________________________________________

Fotos: Stephan Radomsky