„Friedensgrenze“ mitten durch Berlin

Pünktlich zum Jubiläumsjahr 2009 zeichnet Frederick Taylor die Geschichte der Berliner Mauer, des Symbols für den Kalten Krieg nach. Souverän erzählt er die Ereignisse, bietet aber kaum Neues. Von Andreas Morgenstern

Es war ein „großer Tag“, der 13. August 1961. Günter Schabowski, ein junger, weitgehend unbekannter Redakteur des SED-Blattes Berliner Zeitung sprach dies kurz nach der Errichtung der Mauer aus. Die deutsche Frage schien geklärt, die „Abstimmung mit den Füßen“ fand ein abruptes Ende. Waren seit der Gründung beider deutscher Staaten 1949 drei Millionen Menschen von Ost nach West geflohen, so schloss die DDR-Führung nun ihr Volk ein und errichtete ein rigides Grenzregime, das seinesgleichen nur noch in Korea fand.

Nun sollte der „Aufbau des Sozialismus“ endlich planmäßig und ohne fremde Einflussnahme, und sei es nur durch die Attraktivität des Westens, vorangehen. Der Wettlauf der Systeme war entschieden und der Osten reagierte auf seine eigene, grausame Weise und setzte Beton an die Stelle von Reformen. Die angebliche „Friedensgrenze“, direkt am Brandenburger Tor errichtet, war bereits nach kurzer Zeit das Symbol für den Kalten Krieg und das Scheitern des SED-Regimes, weit über Berlin oder Deutschland hinaus.

28 Jahre, 2 Monate und 28 Tage trennte die Mauer die Deutschen. Zwanzig Jahre ist das bereits her und zumindest die sichtbaren Wunden sind inzwischen aus dem Stadtbild verschwunden. Gemeinhin genug Zeit für eine Bilanz. Der britische Historiker Frederick Taylor, der sich in Deutschland insbesondere mit seinem Buch zum Bombenangriff auf Dresden 1945 einen Namen machte, bietet einen Überblick zu Entstehung, Geschichte und glücklichem Ende des „hässlichsten Bauwerks der deutschen Hauptstadt“, wie es in der westlichen Propaganda hieß. Gegliedert in die fünf Kapitel „Sand“ und „Blut“ – Entwicklung Berlins von der Hohenzollernmetropole bis in die fünfziger Jahre des 20. Jahrhunderts – „Draht“ und „Beton“ – Absperrung West-Berlins und die darauf folgenden Reaktionen – sowie „Geld“, der berühmte Goldene Angelhaken, der die DDR schließlich innerlich aushöhlte und somit zum Herbst 1989 beitrug, malt er ein breitgespanntes Gemälde der Mauer bis hin zu ihrem Fall, der auch das Ende ihres Staates einläutete.

Mauergeschichte für britische Leser

Taylor (Bild links) legt die Ereignisse souverän dar, vermag aber nur viel zu selten zu überraschen. Schnell wird deutlich, dass dieses Buch für den britischen Markt geschrieben wurde, wo es auch bereits 2006 erschien, bevor der Siedler-Verlag es nun, pünktlich zum Jubiläumsjahr 2009, auf den deutschen Markt geworfen hat. Allzu oft ist man versucht weiterzublättern, denn dem hiesigen durchschnittlich interessierten Leser wird wiederholt Bekanntes präsentiert.

Ausführliche Charakterisierungen der durchgängig als unbekannt erscheinenden Ost-Protagonisten Ulbricht und Honecker oder ihrer West-Pendants Brandt und Adenauer irritieren ebenso wie die übertrieben breitgewalzte Darstellung der Entfremdung zwischen beiden Deutschlands. Schließlich dauert es beinahe ein Drittel des Buches, bis Taylor tatsächlich auf die Vorbereitungen für den „Antifaschistischen Schutzwall“ eingeht. Für den britischen Leser mögen hier grundlegende Informationen zum Verständnis geliefert werden, in Deutschland vermitteln zu viele Aussagen des Autors den Eindruck eines Schnellschusses des Verlags zur Programm-Komplettierung.

Der Osten agiert – und der Westen?

Eigentlich ist das schade, denn Die Mauer kann sonst durchaus überzeugen. Taylor beschreibt die Planungen der SED-Führung und wie es ihr schließlich gelang, den „großen Bruder“ in Moskau zu überzeugen. Der sprach in der Chruschtschow-Ära vom „Überholen statt Einholen“ und wollte sich diese Blamage eigentlich ersparen. Taylor erzählt auch vom Sommerfest Ulbrichts in der märkischen Provinz, wodurch auch die nichteingeweihten Führungskader des Ostens vom Mauerbau quasi überrascht wurden. Die Vorbereitungen, zentriert in der Hand Honeckers, der hier sein „Meisterstück“ ablieferte, waren präzise und wurden konsequent umgesetzt. Nach dem 13. August reagierten Ost und West dann noch einmal vereint: Wut bei den Regierten, die freilich nur im Westen artikuliert werden konnte, und Schweigen bzw. Vorsicht bei den Regierenden.

Während Taylor jedoch zu den erst spät einsetzenden, dann aber engagierten Diskussionen in Washington auf ein umfassendes Dokumentenreservoir zurückgriff, blieb ihm auch noch jetzt, nach dem Ende der Sowjetunion, ein Einblick in die Moskauer Archive verwehrt. Entsprechend stark ist sein Blick auf die westliche Supermacht und ihre Strategie der Beruhigung der West-Berliner fokussiert. Dort sorgte man sich zunehmend, der Westen könnte die Stadt aufgeben, ein Abblättern des Vertrauens in die Stärke der USA war nicht mehr völlig auszuschließen. Andererseits wird Moskaus Haltung nur blass gezeichnet. Vielleicht würde sich nach einem Blick in die Archive daran aber auch nichts ändern, der Osten hatte ja nun sein Ziel erreicht. Die DDR hatte ihre „Art kalten Bürgerkrieg“ (M. Fulbrook) mit dem Einschluss der Bevölkerung beendet und ihr Überleben vorläufig gesichert. Dass es ein Siechtum würde, war zunächst nicht abzusehen, zeigten die folgenden vorsichtigen Reformen, etwa ökonomische Flexibilisierungen wie das Neue Ökonomische System der Planung und Leitung (NÖSPL), kurzzeitig Erfolg.

Reagan und der Mauerfall

Taylor hält sich nicht lange mit der Suche nach einer Antwort auf die zugegebenermaßen schwere Frage auf, warum Regierende ihre Landsleute einsperrten und ihre Vision vom Sozialismus höher stellten als persönliche Freiheit. Stattdessen führt er den Reigen der Ereignisse fort und erzählt von dramatischen Fluchtversuchen, wobei gerade Tunnelbauten auch als Kulisse manches Films herhalten mussten, und tragischen Maueropfern. Schließlich zeichnet er ein Bild sich scheinbar entfernender Teile: im Westen das Multikulti-Berlin, im Osten die „Hauptstadt der DDR“, eines Landes mit wachsenden ökonomischen Problemen, die es in Abhängigkeit vom potenten „Klassenfeind“ geraten ließ, ohne dabei die immer stärker ausgebaute Mauer auch nur ins Wanken zu bringen.

Vor dem Hintergrund der eigentlichen Zielgruppe vermag es dann nicht zu überraschen, dass Taylor der Präsidentschaft Reagans breiten, im Vergleich zu den direkt vor Ort Agierenden zu breiten, Platz einräumt. Seine markigen Worte vor dem Brandenburger Tor im Jahr 1987 brachten den Beton aber doch nicht zum Brechen, dafür waren eine neue Führung im Kreml und beherzte Menschen in der DDR vonnöten. Sie erzwangen das Ende der SED-Herrschaft, das schließlich ein sichtlich überforderter Günter Schabowski, der mittlerweile vom kleinen Redakteur zum Regierungssprecher aufgestiegen war, mit seiner berühmten Pressekonferenz vom 9. November 1989 besiegelte.

Nur bedingt empfehlenswert

Taylor bietet eine souveräne, wenn auch langatmige Darstellung der Geschichte des „hässlichsten Bauwerks Berlins“ aus britischer Sicht, und in erster Linie für den englischen Leser zugeschnitten. So bietet Die Mauer leider nur selten Neues und kann im Gesamteindruck nicht überzeugen.

Frederick Taylor,
Die Mauer. 13. August 1961 bis 9. November 1989,
(2009), München, Siedler Verlag,
576 Seiten, ISBN 978-3-88680-882-3, 29,95 Euro


Die Bildrechte liegen beim Siedler Verlag (Cover) und Alice Kavounas (Portrait).


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