Die soziale Frage anders stellen

Zu hohe Steuern, Löhne und Abgaben werden auf dem Weltmarkt gnadenlos abgestraft, indem Konzerne ihr Kapital anderswo investieren. Gerechtigkeit kann deshalb heute nicht mehr durch die Konzepte von gestern verwirklicht werden. Wenn Arbeit immer weniger und Kapital immer mehr Werte schafft, dann muss jetzt eben der Arbeiter zum Kapitalisten werden. Eine Meinung von Tobias Peter.

Der Markt ist der Markt ist der Markt. Für grenzenlose Gewinne lässt der raffgierige Fabrikbesitzer Josiah Bounderby das Proletariat für einen Hungerlohn bis zum Umfallen an seinen Maschinen schuften. Die Männer und Frauen lassen sich alles gefallen – nicht weil es ihnen gefällt, sondern weil ein Hungerlohn mehr ist als nichts. Düster, bedrückend und hoffnungsarm ist das Bild, das Charles Dickens in "Harte Zeiten. Für diese Zeiten" 1854 von der frühkapitalistischen Gesellschaft gezeichnet hat.

Dickens war kurzsichtig. Die Industrialisierung hat riesigen Reichtum geschaffen, an dem nach und nach breite Schichten der Gesellschaft beteiligt wurden. Dickens war weitsichtig. 150 Jahre nach der Erstveröffentlichung seines Romans befürchten viele Menschen den sozialen Absturz. Die Löhne stagnieren, Kranke gehen aus Angst vor dem Jobverlust zur Arbeit, und zu alledem kürzt auch noch die Regierung die Arbeitslosenhilfe auf eine minimale Grundsicherung herunter.

Die Gründe sind leicht zu erkennen, damals wie heute. Josiah Bounderby konnte die Menschen schlecht bezahlen, weil es wegen der Landflucht ein Überangebot an Arbeitskräften gab. Siemens und Daimler können längere Arbeitszeiten und Lohnzurückhaltung fordern, weil in Zeiten der Globalisierung Elektrogeräte und Autos überall gebaut werden können. Die Tschechen und die Chinesen arbeiten für weniger. Die Infrastruktur, die solche Länder Unternehmen bieten, mag noch nicht so ausgezeichnet sein wie in Deutschland, aber sie wird täglich besser. Gleichzeitig können wegen der immer weiter zunehmenden Effizienz immer mehr Güter von immer weniger Menschen produziert werden.

Zu hohe Steuern, Löhne und Abgaben werden gnadenlos bestraft, indem Konzerne ihr Kapital anderswo investieren. Für eine Politik im Interesse von Arbeitern und Arbeitslosen macht es deshalb tatsächlich dauerhaft keinen Sinn, wenn die Arbeitskosten durch gut gemeinte Sozialabgaben so hoch sind, dass Arbeitsplätze nicht mehr entstehen oder vernichtet werden. Kurzsichtig ist auch, durch hohe Kapitalbesteuerung theoretisch Gerechtigkeit zu schaffen, während praktisch das Kapital das Land verlässt.

Das Herz schlägt links. Aber der Verstand muss mitdenken. Denn die linken Konzepte von gestern sind angesichts des Weltmarkts von heute wirkungslos. Da die Arbeitskraft gegenüber dem Kapital an Bedeutung verliert, muss vielmehr überlegt werden, wie die breite Masse der Menschen stärker am Kapital beteiligt werden kann. Die Einführung einer kapitalgedeckten Komponente ins Rentensystem ist ein Anfang. Eine weitere Möglichkeit wäre, künftig verstärkt einen Teil des Lohns in Unternehmensanteilen auszuzahlen. Wenn Arbeit immer weniger und Kapital immer mehr Werte schafft, dann muss der Arbeiter halt zum Kapitalisten werden – mindestens ein bisschen. Die soziale Frage muss im 21. Jahrhundert neu und anders gestellt werden.

In Dickens" Roman gibt es eine einzige Figur, die genauso widerwärtig und abstoßend ist wie der Ausbeuter Bounderby: der Gewerkschaftsagitator Slackbridge. Er ist eine grässliche Gestalt, keifend und hetzend, im Blick zuvorderst die eigenen Interessen. Heute polemisieren zum Beispiel der ehemalige SPD-Vorsitzende Oskar Lafontaine und der Verdi-Chef Frank Bsirske gegen fast jeden Reformversuch der Regierung. Zukunftstaugliche Konzepte haben sie nicht. Sie helfen mit ihrem Protest weder dem Land noch den Menschen. Sie helfen der eigenen Karriere.