Zwischen Brillanz und Verschrobenheit

mccraw-schumpeterJoseph Schumpeter gilt als einer der größten Ökonomen des 20. Jahrhunderts. Thomas K. McCraw zeigt in seiner Biografie, dass dieser Mann mehr war als nur Wirtschaftswissenschaftler: ein begnadeter Redner, mitfühlender Zuhörer und Wohltäter, aber auch ein Workaholic, erfolgloser Politiker und melancholischer Einzelgänger. Von Sarah Kringe

Das ist nicht mehr meine Welt
Fremd sind mir die Sterblichen und ihr Treiben
Die Schatten und ihr Marionettendrama

Wer hätte gedacht, dass diese Zeilen von Joseph Schumpeter stammen, dem Ökonom und Harvard-Professor, der bei Studenten und  Kollegen gleichermaßen als schillernde Persönlichkeit bekannt und für seine mitreißenden Vorträge beliebt war? Thomas K. McCraw hat für die Biografie von Schumpeter nicht nur die wissenschaftlichen, sondern auch ganz persönliche Quellen wie Bücher und Tagebucheinträge ausgewertet. Der Reiz des Buches liegt vor allem in der vielschichtigen Persönlichkeit Schumpeters, die der Autor dem Leser in allen Einzelheiten präsentiert.

Der Wissenschaftler

Bereits in seiner Jugend träumte der junge „Jozsi“ von der Berühmtheit, die er erst mit Mitte sechzig, kurz vor seinem Lebensende erreichen sollte. Als Schumpeter 1950 starb, war er der bekannteste lebende Ökonom der Welt. Doch bis dahin war es ein langer und nicht eben einfacher Weg. Schumpeter durchlief bis zu seiner Berufung als Professor für Wirtschaftswissenschaften in Harvard mehrere Professuren, unter anderem in Graz, Czernowitz und Bonn. Doch weder diese noch die kurzfristige Anstellung als Präsident einer Privatbank konnten ihn von den notorischen Geldsorgen befreien, die erst mit der Harvard-Professur ein Ende fanden.

Thomas McCraw, selbst emeritierter Harvard-Professor, zeichnet alle akademischen Schritte und Errungenschaften Schumpeters präzise nach und ordnet sie in den historischen sowie den biographischen Kontext ein. Er präsentiert dem Leser nicht nur Zusammenfassungen aller Schumpeter‘schen Werke, sondern auch Auszüge aus wissenschaftlichen Rezensionen und Schumpeters eigene, im Tagebuch festgehaltenen Reflexionen. So entsteht das Bild eines Workaholics, der nach dem Tod seiner großen Liebe und des gemeinsamen Kindes nur noch für seine Arbeit lebt und auch im fortgeschrittenen Alter noch hohe Ansprüche an sich stellt. Neben seinen großen Werke Konjunkturzyklen, Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie und Geschichte der ökonomischen Analyse werden dabei ebenso kleinere Aufsätze und Vorträge berücksichtigt.

Der Exzentriker

mccraw_colorAußer den wissenschaftlichen Arbeiten vermittelt McCraw (Foto links) dem Leser durch Auszüge aus Briefen und Schumpeters Tagebuch einen deutlichen Eindruck des Privatmenschen Schumpeter. Den tiefsten Einschnitt im Leben des Wissenschaftlers stellt sicherlich das Jahr 1926 dar. Schumpeter verlor kurz hintereinander die wichtigsten Menschen in seinem Leben: Seine zweite Frau Annie durch die Fehlgeburt des ersten gemeinsamen Kindes, sowie seine Mutter Johanna. Dieser Verlust war ein Schlag für Schumpeter, von dem er sich zeitlebens nicht mehr erholte. Obwohl er später eine weitere Ehe mit der amerikanischen Wissenschaftlerin Elizabeth Booty einging, konnte nichts und niemand den Platz der beiden Toten einnehmen. Bis zu seinem Lebensende bewahrte sich Schumpeter das Andenken der beiden Toten in seinem Tagebuch. In einer Form der Anbetung wendet er sich fortwährend an Annie und Johanna, seine „Hasen“, bittet sie um Kraft und Unterstützung und bedankt sich, wenn ihm etwas gelungen ist. „H.s.D.“ („Hasen sei Dank“) ist eine vielgebrauchte Wendung in seinen privaten Aufzeichnungen.

Diese Kommunikation mit den beiden Toten ist nur eine der Marotten, die Schumpeter über die Jahre entwickelt und die Thomas McCraw dem Leser offenbart. Schumpeter liebte es außerdem, sich philosophische Gedanken über das Leben zu machen und diese in Form von Aphorismen niederzuschreiben, die er dann bei passender Gelegenheit von sich gab. „Jener seltene Vogel – ein aufrichtiger Idealist“, schrieb er beispielsweise am 27.5.1944, „Hass ist in Ordnung und sogar ein vergifteter Dolch; doch sollte er nicht in einem Gebetsbuch verborgen sein“ notierte er im Dezember 1943.

Der Melancholiker

Mit fortschreitendem Alter wurde der Hang Schumpeters zur tiefen Melancholie, sogar zu Depressionen, immer stärker. Obwohl seine Vorlesungen bei den Studenten aufgrund von Schumpeters Redetalent nach wie vor sehr beliebt waren, musste er einen altersbedingten Rückgang seiner körperlichen und geistigen Leitungsfähigkeit hinnehmen. Dies machte Schumpeter schwer zu schaffen, was er aber nur seinem Tagebuch und seinen „Hasen“ anvertraute. Nach außen hin gab er sich voll Elan und hielt noch 1948, zwei Jahre vor seinem Tod, eine Rede vor der American Economic Association, die McCraw als den Höhepunkt seiner Karriere bezeichnet.

Schumpeter blieb zeitlebens ein Einzelgänger, er mochte die Ruhe und Abgeschiedenheit, die es ihm ermöglichten, sich ganz seiner Arbeit zu widmen. Der amerikanischen Lebensweise vermochte er sich nie wirklich anzupassen; er besuchte zeitlebens genau ein Football-Spiel und fuhr genau einmal mit der U-Bahn. Und obwohl Schumpeter es liebte, mit Kollegen fachliche Diskussionen zu führen und sich immer sehr um seine Studenten kümmerte, hatte er nur einige wenige enge Freunde.

Das Genie

Vielleicht ist Schumpeter eines der besten Beispiele für das Genie, das sich auf seinem Fachgebiet durch außergewöhnliche Leistungen hervortut, im Übrigen aber eine gewisse Verschrobenheit an den Tag legt. Diesen Eindruck jedenfalls erweckt McCraw bei seinen Lesern. Auf über 600 Seiten beschreibt er sowohl den Menschen wie den Wissenschaftler Joseph Schumpeter in all seinen Facetten. Die großen Zusammenhänge, die kleinen Anekdoten und Episoden: Thomas McCraw lässt nichts aus und offenbart dem Leser Dinge, die Schumpeter selbst wohl lieber für sich behalten hätte.

Gerade deshalb ist das Buch eine vollständige und detaillierte Biografie, die das Verständnis der Schumpeter‘schen Werke fördert und vertieft. Wer mit den Schriften Schumpeters im Voraus vertraut ist, erhält einen Einblick in das Wesen ihres Autors und viele zusätzliche biographische Informationen; dem, der mit dem Werk Schumpeters nicht bekannt ist, bietet McCraws Buch einen guten Überblick und zu jedem Werk eine auf wenige Seiten komprimierte Zusammenfassung. Die Biografie ist jedoch nicht nur unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten lesenswert, sondern auch weil sie die Geschichte eines interessanten, vielseitigen und vor allem sehr menschlichen Talentes erzählt.

Thomas K. McCraw,
Joseph A. Schumpeter. Eine Biographie
(2008), Murrmann Verlag, Hamburg, 779 Seiten,
ISBN 978-3-86774-037-1


Die Bildrechte liegen beim Murrmann Verlag. Der Verlag im Internet.


Lesen Sie mehr bei /e-politik.de/:

Revolution in der Volkswirtschaftslehre?

Verleger zwischen Sentimentalität und Härte

Ökonomische Begriffe