„Russland ist kein Gefängnis, aber ein unfreier Staat.“

Boris Reitschuster und Klaus Bednarz im Lew-Kopelew-Forum.
Boris Reitschuster und Klaus Bednarz im Lew-Kopelew-Forum.

Ein Interview mit Boris Reitschuster von Felix Riefer in zwei Teilen, Teil II.

/e-politik.de/: Um beim Thema der zwei Pole, der Wahrheit in der Mitte, zu bleiben: Viele Russischsprachige in Deutschland, so zum Beispiel Russlanddeutsche oder Emigranten aus den postsowjetischen Staaten, suchen ihre eigene Wahrheit. Sie konsumieren zuerst russische Medien und dann die deutschen. Zwangsläufig entsteht eine Diskrepanz und viele interpretieren es als eine Art Verschleierung der Tatsachen: Inwieweit sehen Sie hier eine Gefahr?

Boris Reitschuster: Ich denke das ist ein ganz massives Problem, das wir stark unterschätzen: Dass Millionen Menschen in Deutschland, russischsprachige Deutsche und Russen, dieser Propaganda täglich ausgesetzt sind und diese enorm geschickt gemachte Propaganda dann auch weiter in die Gesellschaft hineintragen.

Wenn ich heute nur russisches Fernsehen schauen würde und wenn ich nicht als gebürtiger Deutscher ein gewisses Grundvertrauen in unsere Medien hätte und die Ereignisse in Russland nicht selbst vor Ort erlebt hätte, dann könnte es durchaus sein, dass ich heute hier als Putin-Verteidiger aufträte. Denn dann würde ich glauben, dass in der Ukraine Konzentrationslager für Russen gebaut werden, Juden in Angst und Schrecken leben, und Menschen bei lebendigem Leib verbrannt werden, weil sie nicht auf die Knie gehen und sich dafür entschuldigen, dass sie für Russland sind. Weil da ständig Berichte gebracht werden, dass in der Ukraine Kinder umgebracht werden, dass dort Faschisten an der Macht sind.

„Mit Propaganda entlarvend umgehen“

/e-politik.de/: Wie können wir die Menschen, die Opfer dieser Propaganda geworden sind, vernünftig adressieren?

Reitschuster: Es gab – lobenswerterweise – Berichte über diese Propaganda, allerdings nur wenige. Ich finde, man müsste sie viel massiver demaskieren, und das wäre auch kein Problem. Ich habe dazu eine eigene Facebook-Seite eingerichtet und führe dort solche Fälle auf. Man müsste hier viel, viel stärker aufklären, viel öfter die Lügen aufgreifen und entlarven.

Es ist auch ein Problem unserer Mediengesellschaft, dass diese Propaganda unhinterfragt übernommen wird. Wenn es dann zum Beispiel heißt: Putin hat gesagt, dass er keine Ambitionen auf die Ostukraine hat. Wenn man das nur so sagt, dann klingt es, als wäre es auch so. Nur man muss eben dazu wissen, dass Putin vor kurzem auch gesagt hat, er habe keine Absicht, die Krim zu annektieren. Und dass er dann genau das gemacht hat. Ich denke, wir haben verlernt, mit solcher Propaganda umzugehen. Wenn wir es mit Propaganda zu tun haben, dann müssen wir sie als solche entlarven. Und das machen wir in vielen Bereichen nicht.

/e-politik.de/: Ich würde gerne noch das Thema „Zwischeneuropa“ – gemeint sind vor allem Moldawien, Weißrussland und die Ukraine – ansprechen. Sie schreiben, dass die Menschen in der Ukraine wie eine Manövriermasse behandelt werden.

Reitschuster: In der deutschen Wahrnehmung findet die Ukraine zu wenig statt, und sie ist nicht gleichwertig mit Russland. Sie wird von vielen als Objekt und nicht als selbstständig handelnder Akteur wahrgenommen. Es erinnert ein wenig an zwei Nachbarn, die über das schlechte Benehmen von dem kleinen Jungen des einen sprechen. Die Ukraine ist der kleine Junge und Deutschland und Russland sind die Erwachsenen. In Deutschland ist offenbar bei vielen nicht angekommen: Die Ukraine ist erwachsen. Wir Deutschen müssen verstehen, dass wir es da nicht mit kleinen Kindern zu tun haben. Genauso im Umgang mit Weißrussen oder Georgiern und den anderen Völkern der früheren Sowjetunion.

Die Deutschen nehmen ehemalige Sowjetstaaten wie die Ukraine nicht als unabhängige Akteure wahr, meint Boris xxx. Im Bild eine Barrikade auf dem Maidan-Platz in Kiev im Juni 2014.
Viele Deutsche nehmen ehemalige Sowjetstaaten wie die Ukraine nicht als unabhängige Akteure wahr, meint Boris Reitschuster. Im Bild eine Barrikade auf dem Maidan-Platz in Kiev im April 2014.

Phantasieland Ukraine

/e-politik.de/: Warum, glauben Sie, herrscht in Deutschland offenbar immer noch der Eindruck, dass diese Staaten Russland gehören? Dass man mit Russland sprechen muss, wenn man mit den betroffenen Staaten interagieren will?

Reitschuster: Das ist zum einen einfach ein Problem der Informiertheit. In Amerika beispielsweise wussten viele Menschen Jahrzehnte nicht, dass es zwei deutsche Staaten gibt, bis es sich endlich herumgesprochen hatte. Und jetzt hören Sie zuweilen heute noch, da gebe es doch zwei Staaten. Das Problem ist einfach, dass die Leute jahrzehntelang die Sowjetunion kannten und diese mit Russland assoziierten. Die Ukraine und die anderen postsowjetischen Staaten sind für viele Menschen wie diese Länder in den Comics von Hergé, die irgendwelche Phantasienamen haben.

Es gibt viel Unwissen und Trägheit. Alte Bilder, die sich verselbständigt haben. Den Zweiten Weltkrieg sieht man immer in Verbindung mit Russland. Man denkt, die Russen haben am meisten unter dem Krieg gelitten. Das stimmt nicht. Die Ukrainer und Weißrussen haben mindestens genauso gelitten, wenn nicht sogar mehr. Das ist etwas, das hier wenig bekannt ist. Und die russische Propaganda nutzt das natürlich aus, spielt damit. Diese drei Faktoren: erstens Unwissenheit, zweitens alte Schuldgefühle – die falsch adressiert sind, denn sie müssten gegenüber der Ukraine genauso da sein –, und drittens, dass man der russischen Propaganda auf den Leim geht.

/e-politik.de/: Sie schreiben in Ihrem Buch, dass die Menschen in Deutschland zunehmend die Grundwerte unseres Systems – Demokratie, Rechtstaatlichkeit und Meinungsfreiheit – gar nicht mehr reflektierten. Zwar würden sie von dessen Vorzügen profitieren, aber nicht mehr für diese Werte einstehen, auch im Hinblick auf Russland und die neuen autoritären Systemalternativen. Wie kann das Bewusstsein dafür wieder geweckt werden, dass wir diese Werte nicht geschenkt bekommen haben?

Das verloren gegangene Bewusstsein für Unfreiheit und Unterdrückung

Reitschuster: Ich vergleiche das immer gerne mit dem Pockenvirus: In unserem Bewusstsein sind Unfreiheit und Unterdrückung ausgestorben, weil sie in unserer eigenen Lebenswirklichkeit gar nicht mehr vorkommen. Jetzt sind sie wieder da und wir erkennen sie nicht mehr – so, wie das Immunsystem Pockenviren nicht mehr erkennen würde. Deutlich wird das immer, wenn man als Gegenargument zu Kritik an autoritären Staaten hört: aber in Deutschland werden doch auch Demonstranten verprügelt.

Ich stelle jetzt einen etwas übertrieben Vergleich an. Es ist so, wie wenn Sie die Zustände im Hotel mit denen in einem Gefängnis vergleichen und sagen: Aber im Hotel werden die Betten auch nicht immer frisch gemacht oder das Klo ist verstopft. Mir ist ein Hotel lieber als das bestgepflegte Gefängnis. Aber diese Unterscheidung können viele gar nicht mehr erkennen. Russland ist kein Gefängnis, aber es ist ein unfreier Staat.

Dieses Unrecht erlebt man in Russland jeden Tag, das geht bis ins Private hinein. Wenn zum Beispiel nachts vor Ihrem Haus ein Markt aufgebaut wird, was gegen alle Gesetzte verstößt. Aber Sie können nichts dagegen machen, da die Polizisten bestochen sind. Diejenigen Menschen, die einen Unrechtstaat nicht erlebt haben, können so etwas nicht nachvollziehen und wollen es auch nicht glauben.

Was können wir dagegen machen? Aufklären, aufklären, aufklären. Darüber berichten, die Leute aufwecken. Ob es etwas ändert? Sicher bin ich mir nicht.

Nicht Orwell, sondern Huxley

/e-politik.de/: Ihr Buch könnte ja dazu beitragen. Ihr Ausblick von 2006 hat sich heute in weiten Teilen bewahrheitet.

Reitschuster: Ich hoffe es. Aber das Buch lesen nur einige Tausend Leute. Es muss viele Bücher geben, es muss dagegen angekämpft werden. Das Schlimmste in Russland ist nicht, dass Putin kein Demokrat ist. Das Schlimmste ist, dass bei ihm diese Missstände wieder als normal gelten. Wenn unter Gorbatschow das Leitmotiv war: „So kann man nicht mehr weiterleben!“, ist es unter Putin: „Ach, was soll’s, es geht nicht besser.“ In Russland haben die Leute aufgehört, sich aufzuregen über Unrecht, über die Einschränkung ihrer Freiheit, über diesen alltäglichen Terror durch Bürokratie und Rechtlosigkeit, eine Art Stockholm-Syndrom.

Und ich sehe, dass diese Gleichgültigkeit in Deutschland zunimmt. Die Leute interessieren sich auch für immer weniger. Unsere Gefahr hier ist weniger wie in Orwell’s 1984, dass man Bücher verbrennt. Sondern viel eher wie bei Huxley, dass keiner mehr Bücher liest und man sich nicht mehr dafür interessiert.

Schauen Sie sich die Wahlbeteiligung an: Es ist erschreckend, wie gering sie inzwischen ist. Dann treten berühmte Leute im Fernsehen auf und behaupten: „Ich gehe nicht wählen, das macht eh keinen Unterschied“. Und diesem Blödsinn wird nicht widersprochen. Wenn jetzt zum Beispiel Rot-Grün regieren würde, hätten wir ganz andere Verhältnisse, bis in die Gesundheitsversorgung, als wir sie wiederum bei einer Regierungsbeteiligung der FDP hätten. Aber viele Menschen sind anscheinend nicht mehr in der Lage, diese einfachen Zusammenhänge zu verstehen. Das wirkt ein wenig wie der Anfang vom Ende. Oder der Beginn eines Systems wie bei Putin.

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Die Bildrechte liegen bei Felix Riefer (Veranstaltungsfoto) und bei Michael Kötter (Maidan-Platz, Creative Commons).


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