Lasst uns doch über Fußball reden!

Viel Kritik an der Fußball WM 2014 in Brasilien – zu Recht. Doch sollten wir vor allem die Vergabe der WM 2022 nach Katar und der nächsten WM 2018 nach Russland noch mal ernsthaft zur Diskussion stellen. Ein Kommentar von Felix Riefer

Wladimir Putin im Mai 2002.
Wladimir Putin im Mai 2002.

Der ZDF-Experte und ehemaliger Profi-Torwart Oliver Kahn, sagte neulich als Oliver Welke einen fifakritischen Bericht diskutieren wollte: „Lasst uns doch über Fußball reden!“ – Nichts lieber als das, Herr Kahn. Lassen Sie mich nur kurz einige Hintergründe vorstellen.

Die britische Zeitung Sunday Times brachte den Stein ins Rollen. Sie erhob Korruptionsvorwürfe bei der Vergabe der Fußball-WM 2022 an Katar. Prompt verlangten auch die Hauptsponsoren des Weltfußballverbandes FIFA, darunter Coca Cola, Adidas, Visa oder Sony eine rasche Aufklärung. So versicherte ein Coca Cola-Sprecher: „Alles, was die Mission und die Ideale der FIFA Fußballweltmeisterschaft beeinträchtigt ist uns ein Anliegen“. Schließlich sei der negative Tenor der öffentlichen Debatte um die FIFA im Moment weder gut für den Fußball noch für die FIFA und ihre Partner.

Die FIFA-Ethikkommission wurde eingeschaltet, die Vergabe an das Emirat steht auf der Kippe. Niemand ist gerne der ethisch verwerfliche Regelbrecher. Niemand wird gerne mit solchen Spielverderbern in Verbindung gebracht. Folgerichtig investiert niemand gerne in ein negatives Image. Daher soll doch bitte alles schnell „aufgeklärt“ sein. Doch ist nicht nur die Vergabe an Katar fragwürdig. Die Russländische Föderation unter Wladimir Putins dritter Präsidentschaft hat ebenfalls alle Regeln sowohl des internationalen als auch des innenpolitischen Regelkanons gebrochen. Lassen sie mich daher kurz zusammenfassen, was wir mit einer Vergabe an Putin und seinen Clan unterstützen.

Vorgetäuschter Demokratie folgt autoritärer Imperialismus  

Seit dem Machantritt Wladimir Putins vollzog sich schrittweise ein Kurswechsel in der politischen Ausrichtung Russlands: Von Kooperation zu Konfrontation, vom Vortäuschen einer demokratischen Fassade zu offen autoritärer bis imperialistischer Politik. Die Unzufriedenheit der Menschen in Russland darüber zeigte sich spätestens im Protestwinter 2011/12. Tausende von Menschen gingen bei Temperaturen unter dem Gefrierpunkt auf die Straßen der russischen Metropolen um gegen die gefälschten Duma Wahlen zu protestieren. Spätestens jetzt wurde Vielen klar: Putin und seine Apparatschiks haben nicht vor Russland zu modernisieren. Und sie werden die Macht niemals freiwillig abgeben.

Um diese Proteste und die Oppositionsbildung zu zerschlagen, folgen Gesetze, die die Versammlungsfreiheit einschränkten. Die ohnehin stark kontrollierte Presse wurde gleichgeschaltet und Journalisten und Andersdenkende intensiver verfolgt. „Die Ereignisse der letzten Monate haben Russland an einen Punkt geführt, von dem ab ein freier Meinungs- und Informationsaustausch nur noch in den privaten Küchen möglich sein wird“, schreibt die kürzlich gegründete russische Journalistischegewerkschaft. Sie hat sich dazu verpflichtet, gegen Fehlinformationen und Propaganda seitens des Kremls anzukämpfen. Ein sehr mutiges Projekt, das jede Unterstützung verdient. Diese wenigen tapferen Menschen leben sehr gefährlich. Wir dürfen auch nicht vergessen, dass Nichtregierungsorganisationen, die Geld aus dem Ausland erhalten, sich als „Ausländische Agenten“ bezeichnen müssen. Ein äußerst negativ konnotierter Begriff in Russland.

Die Strategie des Kreml 

Die Schwächen des autoritären Regimes im Innern werden nun durch eine aggressive antiamerikanische und antiwestliche Politik nach außen kompensiert. Was mit den Tschetschenienkriegen angefangen hatte, wurde in Georgien fortgesetzt und findet ihren derzeitigen Höhepunkt in der Annexion der ukrainischen Halbinsel Krim und der Instabilisierung des ukrainischen Süd-Ostens. Spezialeinheiten, Söldner, Waffen und eine massive Propaganda im In- und Ausland treiben die Menschen in der Ukraine in einen Bürgerkrieg. Die Menschen in Russland hingegen in einen hypnotischen Hurra-Patriotismus. Die Menschen im Westen, die nicht glauben können oder wollen, was der Kreml unter Putins Führung vorantreibt, wissen nicht, wie sie auf eine solche Situation reagieren sollen. Auch deshalb nicht, da die Kreml-Lobby in vielen westlichen Staaten inzwischen gut etabliert ist und auch bei uns massiv an der Meinungsbildung gearbeitet wird.

Der Kreml pflegt enge Beziehungen zu den rechtspopulistischen Kräften in Europa. In Deutschland kommen noch Teile der Linkspartei hinzu. Damit verfolgt die erstarkte postsowjetische Nomenklatura eine alte sowjetische Strategie der Zersetzung. Man möchte die europäischen Staaten untereinander zerstreiten und das Transatlantische Bündnis aufbrechen.

Die Feinde des Regimes werden als „Russophobe“ diffamiert. Während sich die durch undurchsichtige, korrupte und auf Loyalität zur Macht basierenden Geschäfte unter Missachtung der Rechtsstaatlichkeit sowie der Menschenrechte reich gewordene regierungsnahe Elite, selbst kaum in Russland aufhält. Die Familien leben meistens im Westen, die Kinder besuchen westliche (Elite-)Universitäten, während meist die Väter die Geschäfte in Russland aufrechterhalten. Im Gegenzug wird die „einfache“ Bevölkerung zunehmend in Russland isoliert.

Kann ein Land unter diesen Voraussetzungen ein weltoffenes Sportereignis glaubwürdig ausrichten?

Was tun?

Inzwischen wurde Russland aus der Gruppe der acht stärksten Wirtschaftsmächte (G8) suspendiert. Weiter sollten alle Rüstungsgeschäfte mit Putins Russland annulliert werden. Im Falle eines Regimes, das wiederholt direkt und auf mehreren Ebenen aggressiv gegen seine Nachbarn und die westliche Zivilisation agiert, sollte es selbstverständlich sein, dieses Regime nicht auch noch aufzurüsten bzw. ihm bei der Modernisierung seiner Streitkräfte zu helfen.

Auch die Visa-Regelungen müssen in diesem Sinne neu geordnet werden. Regime-Profiteure, identifizierte Hetzer, die Menschenrechte missachten, muss die Einreise in den Schengen-Raum verboten, ihre Konten eingefroren werden. Im Grunde ist diese Idee nicht neu: sie findet sich bereits in den sogenannten Magnitski-Gesetzen wieder. In zahlreichen Parlamenten in den Vereinigten Staaten, in Kanada, in Europa oder auch im Europäischen Parlament wurden bereits Anträge dazu diskutiert, Beschlüsse und Gesetze erarbeitet. Allerdings zögern die Parlamentarier noch, die Gesetzte konsequent zu implementieren. Wenn wir keinen Korruptionsimport in unsere Gesellschaft haben wollen, wenn wir den Menschen in der Ukraine sowie Russland und letztlich uns selbst helfen wollen, wird es Zeit, sich von der immer häufigen reinen Symbolpolitik zu verabschieden!

Doch dürfen alle verschärften Maßnahmen nicht die „einfachen“ Menschen in Russland aus dem Blick verlieren. Sind auch viele im Moment durch die massiven Fehlinformationen und Propaganda der gleichgeschalteten Medien in einer patriotischen Hypnose betäubt, muss weiterhin der Dialog gesucht bzw. aufrecht erhalten werden. So schwierig es auch sein mag. Das Signal sollte sein: wir sind nicht gegen Russland und seine Bürger. Wir können allerdings kein autoritäres Regimes, das alle Grundsätze des friedlichen Zusammenlebens brutal missachtet, akzeptieren und es auch nicht mehr tolerieren. Wir wollen euch eben nicht einkreisen oder einnehmen. Ein Zeichen des Wohlwollens wäre z.B. in Zusammenhang mit den Einreiseverboten für die Apparatschiks eine Reiseerleichterung für die „normalen“ russischen Bürger.

Kein wirkliches Interesse sich an ethische Regeln zu halten

Der stellvertretende Fraktionsvorsitzende der CDU/CSU, Michael Fuchs, regte bereits Anfang März, als die ersten verdeckt operierenden russischen Sondereinheiten die Krim besetzten, in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung an: „Ob es vor dem Hintergrund der aktuellen Ereignisse wirklich angemessen ist, in vier Jahren eine Fußball-Weltmeisterschaft in Russland auszurichten, das kann man durchaus in Frage stellen“. Tun wir es doch endlich. Diese kurze Skizze der Ereignisse sollte bei der Entscheidung zu „WM in Russland ja oder nein“ einen ebenso großen Stellenwert haben, wie konkrete Korruptionsvorwürfe bei der Vergabe.

Zweifel an einem ehrlichen Aufklärungs- und Diskussionswunsch bleiben jedoch. Denn bereits Anfang 2011 trat der ehemalige Präsident des Bundesgerichtshofes, Günter Hirsch, aus der Ethikkommission der FIFA zurück. Diese habe kein wirkliches Interesse daran, sich an ethische Regeln zu halten. Sein Rücktritt war schon damals auch ein Protest gegen die Vergabe der Weltmeisterschaften 2018 an Russland und 2022 an Katar.

Herr Kahn, Sie als ZDF-Experte, einem beitragsfinanzierten öffentlich-rechtlichen Sender mit spezifischem Informations- und Bildungsauftrag, sollten auch die Verantwortung tragen, gerade, wenn der Fokus auf ein solch wichtiges internationales Event gerichtet ist, die Hintergründe zu beleuchten. Denn wenn korrupte Funktionäre den Korruptionsimport nicht mehr weiter vorantreiben würden, hätten wir auch gar keinen Grund, über etwas Anderes zu sprechen als über diesen faszinierenden Sport. Zu guter Letzt ist den Sponsoren der Weltmeisterschaft ebenfalls daran gelegen, „alles, was die Mission und die Ideale der FIFA-Fußballweltmeisterschaft beeinträchtigt“ zum Anliegen zu machen.


Weiterführende  Literatur:

Gabowitsch, Mischa (2013): Putin kaputt!? Russlands neue Protestkultur. Suhrkamp Verlag Berlin.  
Mendras, Marie (2012): Russian Politics. The Paradox of Weak State. C Hurst & Co Publishers Ltd. New York.
Einen guten Überblick über die Verhältnisse in der Ukraine bietet das Online Journal Ukraine-Analysen und entsprechend für Russland die Russland-Analysen


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