„Das Interessante an Russland ist nicht die Politik“

Dmitri Trenin
Dmitri Trenin

Was kommt nach Putin? Der renommierte Russland-Experte Dmitri Trenin vom Moskauer Carnegie Center sieht dem „Zaren“ eine gesellschaftliche Selbstorganisation folgen. Trenin erklärt, wie man Russland wirklich versteht und konsequent modernisiert.  Ein Interview von Felix Riefer in drei Teilen, Teil I

Hier zu Teil II und Teil III

Dmitri Trenin ist seit 2008 Direktor des Carnegie Moscow Center und seit 1994, dem Gründungsdatum dieser Stiftung für Internationalen Frieden in Moskau, Teil der Organisation. Zuvor diente er bei den sowjetischen und russischen Streitkräften und dozierte am Militärischen Institut. Er ist einer der gefragten Russlandexperten und kommentiert die Geschehnisse in seinem Land nicht nur in den zahlreichen Publikationen des Carnegie Centers, sondern ist auch häufig bei namhaften Medien wie zum Beispiel CNN, BBC, New York Times und Financial Times geladen.

/e-politik.de/: Herr Dr. Trenin, in deutscher Sprache ist zuletzt 2005 Ihr Buch „Die gestrandete Weltmacht. Neue Strategien und die Wende zum Westen“ erschienen. Darin schreiben Sie unter anderem, dass Russland im Grunde gar keine andere Wahl hat, als sich dem Westen anzunähern. Inwieweit haben sich Russland und somit Ihre Einschätzung verändert?

Dmitri Trenin: Ja, in diesem Buch schrieb ich darüber, dass Russland sich in Richtung Europa entwickelt. Ich schrieb zwar „Richtung Westen“, doch im Grunde meinte ich die europäische Perspektive, eine gewisse Symbiose Russlands mit Europa. Im Moment bin ich etwas weniger geneigt, die Dinge so zu sehen. Ich denke zwar nach wie vor, dass sich Russland in einer recht breiten Auslegung der Begrifflichkeit in Richtung der sogenannten Westernisierung entwickeln wird, aber dennoch entlang seiner kulturellen, osteuropäischen, byzantinischen Wurzeln, auch wenn Russland durchaus ein ernstzunehmendes muslimisches Element hat. Allerdings kann ich mir in einem wie auch immer gearteten Zukunftsszenario nicht vorstellen, dass Russland ein Teil des geeinten Europas, der EU, sein wird.

„Weil Russland die EU aus den Fugen bringen wird“

/e-politik.de/: Was verstehen Sie unter dem Terminus Europa? Ist das für Sie die Europäische Union? Gehört Russland zu Europa?

Dmitri Trenin: Für mich ist das politische Europa die EU. Für mich ist „Europa“ ein Kürzel für die Europäische Union.

"Post-Imperium", die aktuelle Publikation Trenins
„Post-Imperium“, die aktuelle Publikation Trenins

/e-politik.de/: Schließlich gibt es die Unterscheidung zwischen einem EU-Europa ohne Russland und einem geographischen Europa, welches Russland bis zum Uralgebirge einschließt.

Dmitri Trenin: Ich sehe das etwas anders und mehr aus der politischen Sicht. Unter bestimmten Umständen könnte die Ukraine und im Prinzip sogar Weißrussland sich dem vereinten Europa anschließen – Russland nicht. Rein aus beiderseitigen Eigeninteressen ist Russland nicht Teil Europas, also der EU, und sollte dies auch nicht anstreben.

/e-politik.de/: Warum?

Dmitri Trenin: Weil Russland die EU aus den Fugen bringen und sich niemals unter die Direktive aus Brüssel stellen wird. Moskau wird niemals die Krone an Brüssel abgeben. Das liegt am eigenen kulturellen Verständnis der Elite, schließlich bleibt eine gewisse kulturelle DNS erhalten. Ähnlich, wie wir uns nicht die Vereinigten Staaten oder die Volksrepublik China vorstellen könnten, über denen irgendetwas drüber steht, seien es auch die Organisationen der Vereinen Nationen.

Inzwischen habe ich ein weiteres Buch geschrieben, welches bis zu einem gewissen Grade die Fortsetzung des Buches ist, von dem Sie gerade sprachen. Das englische Original gibt es in einer russischen Übersetzung. Es ist interessant, dass diese Publikation besonders in den fernöstlichen Staaten und nicht im Westen für Aufmerksamkeit gesorgt hat. Es gibt inzwischen eine japanische und eine chinesische Übersetzung.

„In Deutschland rufen russische Thematiken kaum Interesse hervor“

/e-politik.de/: Eine deutsche Ausgabe ist nicht geplant?

Dmitri Trenin: Bedauerlicherweise nicht. Ich habe bei befreundeten deutschen Verlegern nachgefragt, ob es ein deutsches Interesse an dieser Thematik gibt – und ein solches ist wohl nicht vorhanden, was mich im Grunde nicht weiter gewundert hat. In Deutschland rufen russische Thematiken kaum Interesse hervor. Wenn Putin oder die Einschränkungen von Freiheit – ich denke da zum Beispiel an „Pussy Riot“ – noch gelegentlich welches wecken können, tun es tiefergehende Themen in der Regel nicht.

/e-politik.de/: Wir könnten versuchen, welches zu wecken.

"Heutzutage wird das Thema Russland schlicht von einem negativ konnotierten Desinteresse begleitet"
„Heute wird das Thema Russland schlicht von einem negativ konnotierten Desinteresse begleitet“

Dmitri Trenin: Ich weiß nicht. Man kann Interesse nicht erzwingen. Es sieht so aus, als ob Russland im europäischen Kontext nicht mehr als so bedeutend wahrgenommen wird.

/e-politik.de/: Warum, glauben Sie, ist das so?

Dmitri Trenin: Ich denke, es hat viel mit dem Prozess einer einsetzenden Müdigkeit mit dem Regime zu tun, nachdem Putin wieder das Präsidentenamt bekleidet. Und so erwartet man einfach nicht viel von Russland, zumindest nicht viel Gutes. Putin ist schließlich verhältnismäßig jung und kann durchaus noch bis 2024 im Amt bleiben. Auf der anderen Seite gibt es mit den asiatischen Staaten – allen voran China – starke Konkurrenten, die im Gegenzug reale Neuigkeiten bringen. Und nicht zuletzt hat Europa genug mit sich selbst zu tun. Russland bleibt somit eine alte Nachricht und nicht wie zur Sowjetzeit eine, wenn auch negativ konnotierte, Alternative. Heute wird das Thema Russland schlicht von einem negativ konnotierten Desinteresse begleitet.

„Russland hat aufgehört, ein Imperium zu sein“

/e-politik.de/: Um wieder auf die Eingangsfrage zurückzukommen: Was ist nun tatsächlich neu an der Entwicklung in Russland?

Dmitri Trenin: Erstens: Russland hat aufgehört, ein Imperium zu sein, und befindet sich seitdem in einem Transitzustand, da es noch keine neue, postimperiale Qualität gefunden hat. Zweitens: Trotz des Verlustes des Supermachtstatus – ich weiß nicht, wie viele Ebenen Russland nun an Bedeutung tatsächlich einbüßte – hat Russland es geschafft, sich wieder zu stabilisieren und bleibt weiterhin unter den wichtigsten geopolitischen Akteuren auf der Weltbühne, was doch recht selten ist in der Geschichte. Denn in der Regel verlieren die Nachfolgestaaten von Imperien ihre Bedeutung. Das trifft auf Großbritannien, auf Frankreich, auf Deutschland, auf Japan genauso wie auf das Osmanische Reich zu.

/e-politik.de/: Das widerspricht in gewisser Weise Ihrer Einschätzung, wonach das eurasische Imperium zusammengebrochen sei und nicht mehr wiederkehre. Versucht Russland wieder, ein eurasisches Imperium zu errichten oder, anders formuliert, was sind die Qualitäten des neuen Post-Imperiums? Woran lässt sich das festmachen?

Christ-Erlöser-Kathedrale: Hier sangen "Pussy Riot" ihr Punk-Gebet.
Christ-Erlöser-Kathedrale: Hier sangen „Pussy Riot“ ihr Punk-Gebet.

Dmitri Trenin: Die neue Qualität lässt sich nicht so sehr am eigenen Einfluss auf andere festmachen, als daran, inwieweit diese neue Großmacht es schafft, den Einfluss fremder Großmächte von sich fernzuhalten. Mit anderen Worten: Russland ist eines der wenigen Länder auf der Welt, welches selbst über seine eigene geostrategische Position bestimmt. Beim genauen Blick auf die Weltbühne werden wir lediglich drei wirkliche, wenngleich sehr unterschiedlich starke, geopolitische Akteure finden. Die Europäische Union ist keiner davon. Sie hat zwar eine enorme ökonomische Stärke, jedoch stellt sie keine bedeutende strategische Macht dar. Zwar sind viele der EU-Staaten in der NATO, allerdings sind die meisten nicht bereit oder Willens im militärischen Bereich Leitungsaufgaben zu übernehmen und akzeptieren im Grunde die Führungsrolle der USA. China ist ein geopolitischer Spieler. Die USA sind unbestritten der wichtigste Spieler. Indien und Brasilien sind derzeit keine geopolitischen Spieler. Beide befinden sich noch in einem Vorstadium. Und somit bleibt Russland als ein schwächerer Spieler zwischen diesen beiden Giganten. Schwach ist Russland vor allem in ökonomischer Hinsicht und solange sich das nicht ändert, wird es ein schwacher Spieler bleiben.

„Putin ist ein Stabilisator, er ist kein Modernisierer“

e-politik.de/: Ist Russland langfristig oder gar mittelfristig überhaupt in der Lage, eine eigene Position jenseits dieser Machtsphären zu entwickeln und zu realisieren?

Dmitri Trenin: Ich denke ja. Schauen wir uns an, was Russland heute darstellt. Dies können wir nur verstehen, wenn wir die gegenwärtige Situation im historischen Kontext betrachten. Nach der Katastrophe des Staatszerfalls, welche sehr tiefgreifende Ursachen hatte, seien diese ökonomischer, politischer, ideologischer, geopolitischer Natur, befindet sich das Land nun in einem Stadium der Stabilisierung, das sich vielleicht in die Länge zieht und am besten durch Putin verkörpert wird. Putin ist ein Stabilisator, er ist kein Modernisierer.
Lesen Sie hier den zweiten Teil des Interviews mit Dmitri Trenin: „Was kommt nach Putin?“


Das Interview wurde in der Carnegie-Stiftung für Internationalen Frieden in Moskau in russischer Sprache geführt und anschließend vom Autor übersetzt.


Die Bildrechte liegen bei Andreas Joisten und dem Carnegie Endowment for International Peace (Portrait, Buchcover)


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