50 Jahre deutsch-französische Freundschaft – trotz aller Unterschiede

Das berühmte Abkommen zwischen Frankreich und Deutschland wurde nach dem Élysée Palast benannt.
Das berühmte Abkommen zwischen Frankreich und Deutschland wurde nach dem Élysée Palast benannt.

Anlässlich des 50. Jubiläum des Élysée-Vertrages fand vom 19. bis 23. Januar 2013 das Deutsch-Französische Jugendforum in Berlin statt. Die Eröffnungsveranstaltung bot Einblicke in verschiedene Ansichten zur Zukunft Europas. Ein Veranstaltungsbericht von Maike Hansen

Wie ein majestätischer Fremdkörper wirkt das Portal des alten barocken Stadtschlosses im sozialistischen Bau des ehemaligen Staatsrats der DDR. Hinter der Fassade des Balkons im zweiten Stock diskutieren die Teilnehmer lebhaft und mehrsprachig. Ein weiteres Mal wird nun in diesem Gebäude Geschichte geschrieben. Aus Frankreich, Deutschland, aber auch aus anderen Ländern wie Polen und Tunesien reisten 150 junge Menschen an, um in der deutschen Hauptstadt vier Tage lang die bisherige Entwicklung der deutsch-französischen Beziehungen zu feiern, aber auch zu kritisieren und zu hinterfragen. Die Bewerberzahlen überschritten die Kapazität des Forums um das Dreifache. Die Teilnehmer besitzen alle ähnliche Lebensläufe, aus denen ein starkes gesellschaftliches Engagement im europäischen Kontext zu entnehmen ist.

Gemeinsamkeit zählt

Schweigen und Gänsehaut breiteten sich aus: Die Feierlichkeit dieses Moments passte perfekt in das historische Ambiente. Die Generalsekretäre des Deutsch-Französischen Jugendwerks (DFJW), Béatrice Angrand und Markus Ingenlath, begrüßten die Teilnehmer und Gäste. „Als Thema für diese Fünfzigjahrfeier der deutsch-französischen Freundschaft wählten wir, basierend auf Charles De Gaulles Rede, die Jugend“, erklärte Angrand.

Gemeinsam eröffneten die Generalsekretäre des DFJW, Béatrice Angrand und Markus Ingenlath, das Deutsch-Französische Jugendforum
Gemeinsam eröffneten die Generalsekretäre des DFJW, Béatrice Angrand und Markus Ingenlath, das Deutsch-Französische Jugendforum.

Außerdem betonte sie, dass das Forum kein alleiniges „tête à tête“ zwischen Deutschland und Frankreich sein solle. Die vielfältige Herkunft der Teilnehmer gebe dem Forum einen vielseitigeren, internationalen Rahmen. So könnten im europäischen Kontext des Forums gemeinsam Lösungen erarbeitet werden. „Gemeinsamkeit ist das, was zählt“, bekräftigte Ingenlath. Es sei von enormer Wichtigkeit, dass ein großer Teil der Bürgergesellschaft Deutschlands den Austausch mit dem größten westlichen Nachbarn aufrechtzuerhalten versuche: „Es muss ein besseres Verständnis gerade aufgrund und trotz aller Unterschiede erreicht werden.“

 

Republik Europa?

Der Direktor der Pariser École des Hautes Études en Sciences Sociales, Professor Heinz Wismann, drückte sich diesbezüglich vorsichtiger aus. Er habe sein Studium in den sechziger Jahren in Paris absolviert und erinnere sich noch sehr genau an die Feindschaft, aus der sich eine Akzeptanz, teilweise auch eine Freundschaft entwickelt habe. Doch für ein tieferes gegenseitiges Verständnis seien nicht bloß reine Kompromisse nötig. Die Lebensweise des Nachbarn dürfe nicht nur akzeptiert, sondern müsse auch in einem gewissen Maße geschätzt werden, denn „um die Annäherung voranzubringen, muss auch jeder Franzose ein wenig Deutscher und jeder Deutsche ein klein wenig Franzose sein wollen.“

Deutschland und Frankreich – ein altes Ehepaar?

Die Botschafter Susanne Wasum-Rainer und Maurice Gourdault-Montagne vertraten ähnliche Positionen. Ihrer Meinung nach ist die deutsch-französische Freundschaft der Motor Europas. Gerade in den Differenzen läge die Antriebskraft. Stünden sich Deutschland und Frankreich beispielsweise in finanz- und wirtschaftspolitischen Fragen zu nahe, wirke das ebenso bedrohlich auf die anderen Mitgliedsstaaten der EU, wie wenn sich die diplomatischen Beziehungen beidseits des Rheines stark verschlechtern würden.

Am Ende der Debatte stand vor allem die Frage im Raum, wie sich die Beziehung zwischen Frankreich und Deutschland 50 Jahre nach der Unterzeichnung des Elysée Vertrages nun am besten veranschaulichen lasse: Sind die beiden ein Gespann, ein altes Ehepaar? Oder pflegen sie eine Freundschaft?

In der European School of Management and Technology fand vom 19. bis 23. Januar 2013 das Deutsch-Französische Jugendforum statt.
In der European School of Management and Technology fand vom 19. bis 23. Januar 2013 das Deutsch-Französische Jugendforum statt.

Erasmus retten!

Eine junge Deutsch-Polin, die in Paris studiert, meldete sich mit einem Appell zu Wort: „Ich bin zwischen Deutschland und Polen aufgewachsen, spreche beide Sprachen und studiere in Frankreich. Viele meiner Kommilitonen kommen aus anderen Ländern. Ein Großteil dieser Begegnungen wird durch das Erasmus-Programm ermöglicht. Ich bitte Sie deswegen, alles daranzusetzen, dass das Programm bestehen bleibt.“ Aufgrund finanzieller Defizite stand die Zukunft europäische Austauschprogramm Erasmus im 25. Jahr seines Bestehens auf der Kippe. Heinz Wismann pflichtete der jungen Frau bei: „Ein Auslandssemester ermöglicht das Kennenlernen einer anderen Lebensweise und einer anderen Sprache. Kultur ist gewissermaßen die Fortsetzung der Grammatik unserer Kultursprachen und nur durch Erleben erlernbar.“

Ein gelungener Auftakt des Forums

Nach der Diskussion hatten die Teilnehmer Gelegenheit, sich noch einmal persönlich mit den Gästen der Podiumsdiskussion auszutauschen. Svenia Busson, 19, aus Frankreich war beeindruckt von der Idee Ulrike Guérots: „Meiner Meinung nach sollte in den nächsten 50 Jahren auf eine europäische Republik hingearbeitet werden. Das muss ich morgen unbedingt in die Diskussionen im Bar Camp einfließen lassen.“ Svenia absolvierte 2011 in Rueil-Malmaison den deutsch- französischen Doppelabschluss AbiBac. Derzeit studiert sie Politikwissenschaften an der Freien Universität Berlin. Strahlend resümiert Svenia: „Der Abend war ein gelungener Auftakt für das Forum!“

In den darauffolgenden Tagen wurde noch ausgiebig über europäische Jugendarbeit, deutsch-französische Gemeinsamkeiten und Unterschiede diskutiert. Die Ergebnisse konnten dann abschließend mit Vertretern aus Politik und Wirtschaft besprochen werden. Weitere Höhepunkte des Forums waren ein Treffen mit François Hollande und Angela Merkel im Kanzleramt sowie eine Einladung des Bundespräsidenten Joachim Gauck in die Philharmonie.

 


Die Bildrechte liegen bei Laurence Chaperon (Angrand und Inglenath), Christoph Schrey (Élysée-Palast) von flickr.com und der Autorin.


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