Irgendwie „post-„. Aber warum?!

Am zweiten Advent wurde im ,Streitraum’ der Berliner Schaubühne über die Bedeutung der Religion in der heutigen Zeit gestritten. Statt Wahrheitsoffenbarung gab es zwar interessante, aber unscharfe Diskussionen. Wichtige Fragen blieben dabei offen.  Ein Veranstaltungsbericht von Markus Rackow

Wer hat Sonntagmittag, bei Schnee und Adventsstimmung, Zeit und Lust, sich in der Berliner Schaubühne eine Podiumsdiskussion über „Säkularismus oder Post-Religion“ anzusehen? Entweder religiös unmusikalische Bildungsbürger oder die Kirchgänger, die grad aus der 10-Uhr-Messe kommen und sich fragen, was sie da eigentlich machen. Jedenfalls nicht die ungebildeten Volksmassen, die früher mal religiös waren, heute aber weit überwiegend mit Religion wenig anfangen können.

Von der Volksreligion zum bürgerlichen Lifestyle

Zweifellos ist dieser Befund von ZEIT-Feuilletonist und Buchautor Jan Roß  richtig. Das Wiederaufleben der Religion, wenigstens der christlichen, sei hierzulande vor allem ein Phänomen einer Art neuen Bürgerlichkeit, ihr „Klassencharakter“ habe sich umgekehrt. Insgesamt jedoch überwiege hierzulande eine antireligiöse Haltung, die den Autor dazu motiviert hat, in seinem neuen Buch Die Verteidigung des Menschen. Warum Gott gebraucht wird der Religion – Christentum und Islam sind gemeint – eine faire Behandlung zuteil werden zu lassen und nach ihrem Nutzen für das Menschenbild zu fragen. Vermeiden wolle er die theologische Frage nach ihrer inneren Wahrheit sowie die funktionalistische, zynische These, dass Religion sozial nützlich sei.

Das Anliegen des Autors ist ein dialektisches: Wo Religion in Europa im Fall begriffen ist, gilt es gegen den vermeintlichen Zeitgeist ihren Wert betonen. Mit der Religion gehe auch ein absoluter Wahrheitsanspruch zugrunde, der zwar mitunter gefährlich, aber auch heilsam sei und im Notfall zu persönlichem Opfer motivieren könne, um gegen weltliche Mächte Widerstand zu üben. Doch Mitdiskutant Heinz Bude, Hamburger Soziologe, warf ein, dass wir nicht in post-religiösen, sondern in Habermas‘schen post-säkularen Zeiten lebten. Will heißen: Religion ist wieder auf dem Vormarsch, sei es unter Einwanderern, aber auch etwa in aufsteigenden sozialen Schichten, von anderen Weltgegenden ganz zu schweigen. Der laut Bude „verstockte Atheismus“ sei sogar in Berlin auf dem absteigenden Ast.

Mutmaßungen über Ursachen

Der neben der preisgekrönten Journalistin Carolin Emcke, die die Debatte moderierte, ebenfalls geladene ehemalige Verfassungsrichter und Juraprofessor Dieter Grimm musste sich etwas überflüssig vorkommen, bestand seine Rolle doch darin, die Neutralität des säkularen Staates zu betonen – worin sich alle einig waren. Jan Roß sah das Kruzifix-Urteil von 1995 auch weniger als Problem, denn als Beginn einer „religionspolitischen“ Debatte in Deutschland, also nicht etwa die 9/11-Terroranschläge. Bude sekundierte, dass durch die Debatte über Bindungen Öffentlichkeit überhaupt revitalisiert worden sei.

In der Frage nach den Ursachen der Debatte waren sich alle nur darin einig, nicht etwa Unsicherheit durch neoliberale Politik und Wirtschaftskrise zu vermuten. Grimm benannte eher als Auslöser das Ende des alles überschattenden Ost-West-Konfliktes, Bude deutete als Hypothese die weibliche Emanzipation an, die eine Nachfrage nach der klassischen Vaterfigur der Religion anheizte.

Religion als alternativloser Lückenfüller?

Emckes fast schockierte Nachfrage führte angesichts der zur Schau gestellten Intellektuellenfrömmelei auf dem Podium zu erleichtertem Seufzen im aufgeklärten Publikum: Gibt es denn keine anderen Sinnstifter? Bude und Roß meinten, dass es die wohl gebe, ohne sie nennen zu können; allerdings zeichne sich die Religion, so meinte Roß, durch einen reichen und leicht zugänglichen Wertefundus aus. Diese Antwort schien die Moderatorin aber nicht zufrieden zu stellen: Denn zeige sich nicht grad, dass Religion in der pluralistischen Gesellschaft auch ausschließend wirke? Mitnichten, entgegnete Roß anhand eines Beispiels von Mädchen, die ein Kopftuch tragen, und an katholischen, nicht an staatlichen Schulen in Frankreich angenommen werden. Die Abgrenzung finde weniger zwischen den Religionen statt, als vielmehr zwischen Religiösen und Atheisten. Befürchtungen, dass Religion instrumentalisiert werden könne, wie in Gottesstaaten oder auch im Dritten Reich, trat der Buchautor entgegen: „Bindungen kann man nicht machen.“

Ob man religiöse Bindungen aber nicht kritisieren sollte, wenn sie nur passivierende Reaktion auf soziale Verwerfungen sind und nicht mehr aufrüttelnder Schrei der „bedrängten Kreatur“ (Marx), sondern Distinktionsobjekt einer privilegierten Schicht, wurde an dem Abend auch auf Nachfrage nicht thematisiert. Ebenso wurden Unterschiede zwischen den Religionen unter den Teppich gekehrt und auch naheliegende Erwägungen, inwieweit die Renaissance der Religion mit der Krise des quasi-religiösen der Kapitalismus zusammenhängt, rangierten unter ferner liefen. Angesichts solcher philosophischer Mankos und soziologischer Ungewissheiten ist der alljährlich pflichtschuldige Drang, sich an Weihnachten in kirchlicher Gemütlichkeit einzurichten, nur allzu gut nachvollziehbar.


Die Bilder sind gemeinfrei; Bundesarchiv (Verfassungsrichter), Gliwi (Altar), bph (Heinz Bude).


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