Jung, dynamisch, verzweifelt

„Wir wollen nicht hier sein“, erklärt Hamid. „Wir sind hier, weil wir nicht anders können.“ Der junge Iraner hat sich einer deutschlandweiten Protestbewegung von Flüchtlingen angeschlossen. Er kämpft, um zu leben.
Von Nona Schulte-Römer

Hamid wohnt seit dem 6. Oktober in Berlin, anfangs mit rund 70 anderen Flüchtlingen in einem Protestcamp auf dem Kreuzberger Oranienplatz zwischen Programmkino und Szenekneipen. Seit dem 24. Oktober befindet er sich mit etwa 20 anderen Aktivisten im Hungerstreik in einem Zelt vor dem Brandenburger Tor.

Die sechs Monate davor hat der 29-Jährige in deutschen Asylbewerberheimen verbracht, in „dreckigen Gefängnissen“. „Ist das der Ort, wo du ein freies Leben führen wolltest?“, habe er sich immer wieder gefragt. „Das tut weh“ – bittere Worte von einem, der sonst schnell einen Scherz oder ein Lachen auf den Lippen hat. Ohne Sprachkenntnisse oder Geld kann Hamid das aktive Leben, das er sich wünscht, nicht führen. „Ich kann mir nicht einmal einen eigenen Computer leisten.“ Dabei ist das Internet der Ort, an dem er mit seiner Familie und seinen Freunden im Iran in Kontakt bleiben kann.

Illegalisiertes Engagement

„Kein Mensch ist illegal“, steht auf dem gelben Anstecker, den er am Kragen seiner schwarz glänzenden, gefütterten Weste trägt. Mit seinem runden Gesicht, den dunklen Locken und dem Kinnbärtchen könnte Hamid in Berlin als junger Student durchgehen. Aber seine Erfahrungen sind nach fast einjähriger Flucht ganz andere. In seinem Asylbewerberheim im oberpfälzischen Weiden hat er für einen Euro pro Stunde bei Aufräumarbeiten im Lager geholfen. „Ich habe wirklich hart gearbeitet, weil ich zeigen wollte, dass ich nützlich und hilfreich bin.“ Nun kämpft er mit gleichem Engagement für seine Grundrechte als Asylsuchender in Deutschland.

Als er in Weiden von der Protestaktion der Flüchtlinge erfuhr, zögerte er nicht lange. Er setzte sich in den Zug und schloss sich der Bewegung auf ihrem Fußmarsch von Würzburg nach Berlin an. Dabei hat er sich strafbar gemacht. Denn Asylbewerbern ist es verboten, ihre Verwaltungsbezirke zu verlassen. Hamid und seine Mitstreiter haben bewusst gegen die Residenz- und Lagerpflicht verstoßen, um auf die Isolation und die Lebensbedingungen in ihren Sammelunterkünften aufmerksam zu machen.

„Die Leute sollen sehen, wer wir sind“, sagt Hamid. Im Camp hat er sich der Arbeitsgruppe für Öffentlichkeitsarbeit angeschlossen. Unter der Medientelefonnummer beantwortet er Presseanfragen, vermittelt Interviews oder informiert Redakteure und Fotografen über neue Protestaktionen. Sein Englisch ist gut. „Nach der Uni war es besser“, ärgert er sich, wenn ihm ein Wort nicht einfällt. Im Iran hat er Elektrotechnik studiert. Aber eigentlich, das betont er, interessiert er sich für Kunst. „Wenn ich die Wahl hätte, würde ich Theater und Musik machen.“ In Maschhad, der zweitgrößten iranischen Stadt, wo er gelebt hat, gibt es nur drei Bühnen. Hamid findet das viel zu wenig für 2,5 Millionen Einwohner.

Kein Glauben, keine Heimat

Im Gottesstaat Iran ist Hamid als „Abtrünniger“ nicht mehr sicher. Den Koran, sagt er, hat er viermal gelesen und ist dabei auf Widersprüche gestoßen, die ihm keiner erklären konnte. So ist er vom staatlich verordneten Glauben abgefallen und hat sich einer Gruppe Nichtgläubiger angeschlossen. Seine Eltern hatten damit kein Problem, die staatlichen Behörden schon. Sie wurden auf ihn aufmerksam, als er bei der Jobsuche die Auskunft über seine Religionszugehörigkeit verweigerte. „Ich habe auf die Formulare geschrieben, dass das meine Privatsache ist.“ Er zuckt mit den Schultern – die Konsequenzen hatte er sich damals nicht ausgemalt. Doch dann kam ein Anruf der Behörden mit einer Vorladung. Sechs Monate zuvor war einer seiner atheistischen Freunde spurlos verschwunden. Apostasie, die Abkehr vom Glauben, ist im Iran ein Kapitalverbrechen. Hamid entschloss sich zu fliehen.

Auf Facebook hat Hamid Kontakt zu deutschen Atheisten aufgenommen. Im Internet lädt er sie ein, sich mit dem Flüchtlingsprotest zu solidarisieren. Er sitzt mit einem geliehenen Laptop auf den Knien in einem Zirkuszelt, das den Frauen und Männern im Camp als Versammlungsort dient. Hier diskutieren sie Positionen und planen neue Protestaktionen. In der ersten Woche nach der Ankunft in Berlin verbringen die Flüchtlinge, von denen viele aus dem Iran und andere aus so unterschiedlichen Ländern wie Afghanistan, Mauritius oder dem Sudan kommen, Tage und Nächte mit Debattieren und Dolmetschen. „Jeder darf mitreden“, erklärt Hamid die Regeln. „Aber wer bei einer Entscheidung fehlt, kann sich später nicht beschweren.“ Also ist er dabei. Als er am Abend zur Volksküche kommt, die freiwillige Helfer täglich aus Lebensmittelspenden zubereiten, wirkt er missmutig und müde.

Fluchtgeschichte am Stammtisch

Zwei Tage später verlässt Hamid das Zirkuszelt euphorisch. „Wir sind so stark wie noch nie.“ Die gemeinsame Rede der Aktivisten für die deutschlandweit ausgerufene Demonstration der Flüchtlinge am 13. Oktober steht. Jetzt möchte Hamid den versammlungsfreien Abend mit einem Feierabendbier genießen.

Die nächste Kneipe ist nur ein paar Häuser entfernt, fühlt sich aber an wie eine andere Welt. Hier, im Warmen am Tisch neben der Bar, erzählt Hamid bei einem Hefeweizen von seiner Flucht. Im Auto und zu Fuß kam er über die Türkei nach Griechenland. Allein 2600 Euro hat er Schleppern bezahlt, um zu Fuß eine Außengrenze der EU zu überqueren. „Im Nachhinein habe ich gedacht, dass das zu teuer war“, sagt Hamid, dem Eltern und Verwandte das Geld geliehen haben. Nach Deutschland kam er mit einem falschen Pass im Flugzeug. „Das ist in Griechenland nicht schwer zu organisieren“, erzählt er amüsiert.

Perspektivlosigkeit zum Verzweifeln

In Deutschland habe er nette Menschen getroffen. Doch sein anfangs positiver Eindruck von der deutschen Bürokratie hat sich verflüchtigt. Dreimal hat er den deutschen Asylbehörden Rede und Antwort gestanden. Jetzt wartet er auf eine Entscheidung. „Das kann Jahre dauern. Sie lassen dich über deine Zukunft im Unklaren.“ Er erzählt, dass sich gerade wieder ein Flüchtling das Leben genommen habe, ein Mann aus Aserbaidschan. „Was die Angehörigen durchmachen müssen.“ Für einen Moment hat Hamid Tränen in den Augen. Die EU-Regierungen müssen sich für jeden dieser Toten verantworten, sagt er.

Nach drei Wochen Berlin hat er dunkle Ränder unter den Augen. Mit dem Umzug einiger Aktivisten ins touristische und repräsentative Zentrum der Hauptstadt und dem Hungerstreik hat der Protest eine neue Stufe erreicht. Hamid ist dabei. Er wirkt ernst und entschlossen. „Wir kämpfen, bis sich die Regeln ändern.“


Die Bildrechte liegen bei der Autorin.


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