Die Parallelwelt des Jörg Kachelmann

Die Kachelmannsche PR-Maschinerie hat den Startschuss gegeben: Falschbeschuldigungen im Zusammenhang mit Vergewaltigungsvorwürfen seien ein Massenphänomen – dies ist ein fatales Signal an die Opfer sexueller Gewalt. Ein Kommentar von Johannah Illgner

Im Mai 2010 wird von der Staatsanwaltschaft Mannheim Anklage gegen den TV-Moderator Jörg Kachelmann erhoben mit dem Verdacht auf besonders schwere Vergewaltigung in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung. Auslöser war die Anzeige einer früheren Freundin des Angeklagten. Kachelmann bleibt bis zum 29. Juli 2010 in Untersuchungshaft, der Prozess beginnt im September 2010. Jörg Kachelmann und seine Frau Miriam Kachelmann haben nun über diese Zeit ein Buch geschrieben. Aktuell wurde der Verkauf gestoppt, da der volle Name seiner Ex-Freundin, Nebenklägerin im Prozess, genannt wird.

Inhaltlich verteidigt sich der Moderator gegen die damals erhobenen Vorwürfe und beklagt vor allem den Umgang mit seiner Person in der Öffentlichkeit. Diese Wahrnehmungen muten streckenweise allerdings mehr als befremdlich an, denn in der Welt der Kachelmanns gibt es eine „Opferindustrie“, in der Alice Schwarzer und ihre „Vasallinnen“ Feldzüge gegen falschbeschuldigte Männer führen und so angeblich eine Kriminalisierung des männlichen Geschlechts anstreben würden. Diese O-Töne sind einem Interview des Spiegel mit Kachelmann – oder nennen wir es eher Verkaufsgespräch – entnommen.

Falsche Beschuldigungen – ein großes Problem?

Der Spiegel flankiert diese unfassbaren Aussagen über die „gewohnheitsmäßig männerverurteilende Justiz“ mit aufmunternden Nachfragen und Anregungen und erhält Antworten wie diese: „Im Bereich Missbrauch und Vergewaltigung sind Falschbeschuldigungen ein Massenphänomen geworden“. Eine solche Aussage in einem der meistgelesenen Magazine Deutschlands ist verheerend.

Diese Behauptung entspricht zuallererst nicht der Wahrheit und noch viel schlimmer, sie hat eine fatale Signalwirkung für Opfer. Es wird impliziert, dass ein Großteil der Beschuldigungen bei Missbrauch und Vergewaltigung nicht stimmen, also schlichtweg erstunken und erlogen sind. Einen solchen Generalverdacht gegen die Opfer zu erheben, ist mehr als fahrlässig. Nicht nur wird den Opfern hier signalisiert, dass sie generell nicht glaubwürdig sind, sondern sie werden auch unter den Generalverdacht der Falschbeschuldigung gestellt.

Entgegen Kachelmanns Äußerungen ist der tatsächliche Anteil falscher Beschuldigungen bei Sexualdelikten verschwindend gering. Die Quote zu Unrecht beschuldigter Vergewaltiger liegt bei nur drei Prozent. Auch in anderen Ländern ist das Problem der Falschanschuldigung gering und rangiert zwischen einem und neun Prozent.

Die Realität: Massive sexuelle Gewalt gegen Frauen

Die Fakten sprechen gegen Herrn Kachelmanns Unfug: Fast jede siebte Frau in Deutschland ist von sexueller Gewalt betroffen. Dreizehn Prozent der in Deutschland lebenden Frauen haben seit ihrem sechzehnten Lebensjahr strafrechtlich relevante Formen sexueller Gewalt erlebt. Das heißt Vergewaltigung, versuchte Vergewaltigung oder unterschiedliche Formen von sexueller Nötigung. Rund fünfundzwanzig Prozent der in Deutschland lebenden Frauen haben körperliche oder sexuelle Gewalt (oder beides) durch aktuelle oder frühere Beziehungspartnerinnen oder -partner widerfahren.

Kaum Anzeigen bei sexueller Gewalt

Diese Zahlen sind für sich genommen schon erschreckend genug. Richtig schockierend wird es aber, wenn die Zahl der erlebten Gewalttaten in Bezug zur Rate der Anzeigen gesetzt wird, denn nur ein Bruchteil der Sexualstraftaten wird angezeigt. Dies hängt oft mit der sozialen Verbindung von Opfer und Täter zusammen. In diesem Zusammenhang sollte das Bild vom psychisch gestörten Fremden im dunklen Park als typischer Haupttäter schnell verworfen werden. Denn in sechzig Prozent der Fälle ist der Täter ein enger Bekannter oder Verwandter. „Vergewaltigung ist weit überwiegend ein Beziehungsdelikt“, und je enger der Bekanntheitsgrad zwischen Täter und Opfer, desto seltener erstatten Frauen Anzeige, weiß die Hamburger Professorin Ulrike Lembke.

Laut der Studie „Lebenssituation, Sicherheit und Gesundheit von Frauen“ haben nur acht Prozent der Frauen, die sexuelle Gewalt erlebt haben, die Polizei eingeschaltet. Da nicht wenige Frauen mehrfach sexuelle Gewalt erlebt haben, liegt die Quote der polizeilich angezeigten sexuellen Gewalthandlungen bei unter fünf Prozent.

Jährlich werden ca. 8.000 Vergewaltigungen in Deutschland angezeigt. Von hundert angezeigten Vergewaltigungen enden im Schnitt nur dreizehn mit einer Verurteilung,. Diese Quote ist im europäischen Ländervergleich unterdurchschnittlich.

Von Gerechtigkeit kann in Anbetracht dieser harten Fakten keine Rede sein. Vergewaltigung ist immer noch eines der am wenigsten geahndeten Verbrechen – gerade in Deutschland. Dem gegenüber stehen nun Kachelmanns Aussagen und Anschuldigungen. Kürzlich bezeichnete er die damalige Nebenklägerin als Kriminelle.

Kachelmann nutzt hier seine privilegierte Position als Prominenter und verbreitet in klassischer PR-Angriffsmanier über die großen deutschen Medien seine Sicht der Dinge. Damit erweist er den Opfern sexueller Gewalt einen Bärendienst, denn nun dominiert seine Sicht die aktuelle Debatte zum Thema und gibt dem verzerrten Bild der Kachelmannschen Realität Raum.

Im Zweifel für den Angeklagten: Freispruch nicht aus Unschuld

Um daran zu erinnern, wie Kachelmanns Freispruch begründet wurde, sei darauf verwiesen, dass das Landgericht Mannheim nicht von der Unschuld des Angeklagten überzeugt war, sondern ihn nach dem Grundsatz „in dubio pro reo“ freigesprochen hat. In der Urteilsbegründung  wurde deutlich gemacht, dass der Freispruch nicht drauf beruhe, „dass die Kammer von der Unschuld von Herrn Kachelmann und damit im Gegenzug von einer Falschbeschuldigung der Nebenklägerin überzeugt ist“. Das Gericht hat Jörg Kachelmann aus Mangel an Beweisen nicht verurteilen können und deshalb freigesprochen.

Ein wichtiger Punkt ist hier, dass das Gericht eben nicht von einer Falschbeschuldigung der Nebenklägerin ausgeht. Trotzdem druckt der Spiegel munter Kachelmanns Unschuldsversicherungen ab, er sei “nie gewalttätig“ gewesen und habe erst recht niemals jemanden vergewaltigt. Vielleicht entspricht dies der Wahrheit, ein Freispruch an Mangel an Beweisen ist dafür aber noch lange kein Beleg.

Schade, dass der Spiegel hier eine moralisch mehr als fragwürdige und vor allem journalistisch unsaubere, boulevardistische Arbeit abgeliefert hat und der Weltsicht Kachelmanns so viel Raum gibt.


Die Bildrechte liegen bei Christoph Gommel (Kachelmann, Creative Commons), Amnesty International (Umarmung, Creative Commons) und Josh May (Justitia, Creative Commons).