Wie hältst Du’s mit dem Zionismus?

Judith Butler sprach sich auf einer Podiumsdiskussion im Jüdischen Museum für einen kulturellen Zionismus und eine diasporische Ethik des Zusammenlebens aus. Was ohnehin nicht als Beitrag zur Kontroverse um den Adorno-Preis gedacht war, blieb letztlich blass. Ein Veranstaltungsbericht von Markus Rackow

Linkspartei-Parlamentarier auf einem „Free-Gaza“-Schiff, Günter Grass’ israelkritisches Gedicht, die Beschneidungsdebatte und schließlich noch der Überfall auf den Berliner Rabbiner Daniel Alter: Das Verhältnis zwischen Judentum, Israel und deutscher Gesellschaft war lange nicht mehr so aufgeheizt, genauer: Das Judentum orthodoxer und zionistischer Provenienz gerät zunehmend in die Defensive. Die Vergabe des diesjährigen Adorno-Preises an die amerikanisch-jüdische Gender-Theoretikerin Judith Butler war da nichts weniger als Öl ins Feuer.

Der Streit, der nun über Butler entbrannt ist, entzündete sich an anti-zionistischen Äußerungen, oder richtiger: ihrer Unterstützung der palästinensisch geführten Bewegung BDS (Boykott, Desinvestition, Sanktionen). Zudem äußerte sich Butler an ihrer Heimatuniversität Berkeley dahingehend, dass die palästinensiche Hamas und die libanesische Hizbollah, die beiden großen Parteien und militanten Organisationen, als Antiimperialisten „Teil der weltweiten Linken“ seien. Man sprach vom jüdischen Selbsthass Butlers, die jüdische Gemeinde legte vehementen Protest ein. Der Deutsche Zentralrat bezeichnete sie gar als „moralisch verderbt“.

Vorsichtiges Vortasten auf vermintem Terrain

Um die vier Tage zuvor mit der Preisverleihung faktisch erledigte Kontroverse sollte es dann bei der Podiumsdiskussion „Gehört der Zionismus zum Judentum?“ mit Butler und dem Pädagogen, linken Intellektuellen und Experten für jüdische Philosophiegeschichte, Micha Brumlik, am 15.9. im Jüdischen Museum zu Berlin nur am Rande gehen. Ob das große Interesse nun primär Butlers theoretischem Star-Appeal zuzuschreiben war oder der Fragestellung selbst galt: Die Veranstaltung war jedenfalls restlos ausverkauft. Nur im Dachgeschoss sind bei einer Live-Übertragung noch Plätze frei. Man habe vereinbart, kündigt Moderator Andreas Öhler an, „keine Angst“ vor dem gemeinsam mit dem Berliner Institute for Cultural Inquiry organisierten Abend zu haben – wohlwissend, dass das Thema einem Kartenhaus aus Fettnäpfchen gleichkommt.

In die treten die beiden ungleichen Diskussionspartner nicht: Die vornehm und zögerlich sprechende, zurückhaltend und bedacht auftretende Judith Butler redet nicht um den heißen Brei herum, aber versucht sich an Deeskalation und Besonnenheit, schickt Definitionen und Vorbemerkungen voraus. Der polternd dreschende Brumlik gefällt sich in der Rolle als stimmgewaltiger Verteidiger des Zionismus und ist daher vor „heiklen“ Aussagen in gewisser Weise gefeit. Der Zionismus, betont Brumlik, sei einst ein legitimer Ausdruck der Selbstbehauptung der Juden im Zeitalter des Nationalismus gewesen. Er lässt aber offen, inwieweit dieser heute noch effektiv oder gar ins Selbstzerstörerische abgedriftet sei. Gleichwohl streitet Brumlik ab, dass es einen Ersatz für Zion, also das Gebiet um Jerusalem, geben konnte – und kann. Schon Theodor Herzls einstiger Vorschlag eines Gebiets in Argentinien konnte sich nicht durchsetzen.

Exilerfahrung als ethisches Vorbild?

Butler hält an dem Abend ein Plädoyer für eine sich aus kabbalistischen und Exil-Erfahrungen und der Diaspora speisende Ethik des Zusammenlebens, des gegenseitigen Zuhörens. Dem hält Brumlik die jüdischen Quellen und Tradition entgegen, die solche eine Ethik nicht kennten. In Butlers Augen ist dies eine unhaltbare Argumentation. Besonders die Gretchenfrage, wie man es mit Israel hält, und die Gleichsetzung von Antizionismus mit Antisemitismus kritisiert sie als Totschlagargument. Der Zionismus sei auf den politischen reduziert, der kulturelle verdrängt worden.

Butler fühlt sich zur Intervention in den Israel-Konflikt berufen, weil der jüdische Staat beanspruche, für Juden zu sprechen: „Not in my name“ hält Butler dem entgegen. Sie will zeigen, dass Israel komplexer sei, dass es nicht alle Juden repräsentiere, ganz zu schweigen von den 30 Prozent  rechtlosen Nicht-Juden auf seinem Terrain. Seit seiner Gründung produziere der Flüchtlingsstaat Israel neue Flüchtlinge.

Aus Brumliks Sicht bleibt aber die Frage, warum die Widersprüchlichkeit staatlicher Legitimität vor allem am Beispiel Israels so vehement diskutiert werde. Er machte den ganzen Abend die faktische Ausweglosigkeit gegen Butler stark, die das „Unpraktikable“ denken wolle: Was wäre, wenn Israel die „kolonialistische“ Besatzung aufgäbe und mit den Palästinensern auf Augenhöhe diskutiere? Besatzung habe noch nie den Besatzer sicherer gemacht. Aus Brumliks Sicht ist solch eine universalistisch argumentierende Kritik legitim, gerate aber dann ins Abseits, wenn die Folgen zu tragen sind, wenn auch unter veränderten Kräfteverhältnissen der Terror nicht aufhört.

Orthodoxie als politisches Problem?

Brumlik hebt hervor, dass nicht das Exil, sondern Verfolgung im Exil eine universalistische Ethik kaum zulasse und berührt damit einen Kern des Problems Butlers, aber auch der Butlerschen Theorie, ohne ihn weiter auszuführen. So übergeht er, wie problematisch Butlers Glorifizierung des Exils, der Ausgeschlossenen ist, des nicht betrauerbaren, versteckten Leides, das wieder betrauert werden müsse. Weder thematisiert sie, wie Leiden als solches überwunden werden könnte, noch findet sich ein anwendbares oder überhaupt plausibles Richtmaß, ob nicht manche Ausschlüsse legitim sind.

Butler huscht aus der Schusslinie, indem sie mehr oder weniger ironisch betont keine Linke zu sein. Und wie schon in Frankfurt wurde Werk und Theorie von ihren Äußerungen zu Judentum und Israel getrennt. Nur eine Publikumsfrage entlockte ihr Verweise auf die Bedingungen der Hörbarkeit der göttlichen Gebote, auf die Maskulinität der israelischen Armee (obwohl in ihr Frauen dienen) und letztlich auch von den Nazis propagierte Reproduktionsmaßnahmen im Bevölkerungswettlauf mit den Palästinensern.

Nun sind es gerade Orthodoxe, die dem Staat Israel einen Kindersegen bescheren und Privilegien genießen, aber zugleich ihre Beteiligung am zionistischen Staat, der Verteidigung Israels etwa in Form des Wehrdienstes, verweigern. So bleibt letztlich nicht nur die Frage, ob der deutsche Rechtsstaat sich anmaßen darf, jüdisches Leben zu reglementieren, oder der Adorno-Preis an eine in ihrem kritischen Gehalt fragwürdige Theoretikerin und möglicherweise anti-zionistische Aktivistin verliehen werden darf. Vielmehr stellt sich das generelle Problem, wie sich ein Staat zur gefährdeten religiösen Orthodoxie verhalten muss, deren Isolationsbestreben gegenüber islamischen ,Orthodoxen’ nur durch diesen ethnisch restriktiven Staat geschützt werden kann, ehe es zu „betrauerndem“ Leben, also neuen jüdischen Opfern, kommt. Diese Frage blieb an diesem Abend, an dem die beiden Podiumsgäste auch dank schleppender Moderation letztlich aneinander vorbei redeten, ungestellt und unbeantwortet.


Die Bildrechte liegen bei dontworry (Judith Butler) / Creative Commons Lizenz;  der Heinrich-Böll-Stiftung (Micha Brumlik) / Creative Commons Lizenz; und gemeinfrei (Theodor Herzl).


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