Die Mafia als Bedrohung für Italiens Einheit

Roberto Saviano, italienischer Journalist, lebt seit dem Erscheinen seines Buchs Gomorrha über die neapolitanische Camorra unter Polizeischutz. In seinem neuen Bändchen fasst er Fernsehbeiträge über die Mafia zusammen, die die italienische Öffentlichkeit vor zwei Jahren aufgeschreckt haben. Von Christoph Rohde

Mit dem 150. Geburtstag Italiens bemühen sich Intellektuelle, die aktuelle Krise des Landes an den Idealen des Risorgimento zu kontrastieren. Nach Paul Ginsborgs Italien retten hat Journalist Roberto Saviano mit seinem Der Kampf geht weiter – Widerstand gegen Mafia und Korruption neue Visionen für das gebeutelte Land in einfühlsamer Weise formuliert. Sein Buch zeichnet sich durch eine historisch informierte und lyrisch umgarnte Verbindung von gesellschaftlichen Diagnosen und praktischen Reformvorschlägen aus. Die detaillierten Darstellungen der Mafia-Praktiken mitten in Europa lassen den Leser fassungslos zurück. Mit der Fernsehsendung „Vieni via con me“ (deutsch: „Komm weg mit mir“), die im Jahr 2010 über elf Millionen Zuschauer erreichte, hatte der Journalist ein ganzes Land für die eigenen Missstände sensibilisieren können.

Italienische Strukturen auch in Deutschland

In Deutschland sei die Mafia lange für ein italienisches Phänomen gehalten worden. Erst das Blutbad von Duisburg, als eine Auseinandersetzung zwischen zwei Ndrangheta-Mafia-Clans sechs Tote gefordert hatte, schreckte die Öffentlichkeit hierzulande auf. Für die Mafia war Deutschland bis dahin ein bequemes Pflaster im Drogenhandel und der Schutzgelderpressung, weil die Behörden nur zaghaft gegen selbige vorgegangen seien. Dies sei eine Folge der deutschen Geschichte, die durch die Erfahrungen von Gestapo und Stasi eine wirkungsvolle Aufklärung organisierter Kriminalität behinderten.

Interessant ist, wie Saviano nachweist, dass die Mafiastrukturen längst kein süditalienisches Phänomen mehr sind. Zahlreiche Mafia-Clans sind informelle Allianzen mit Politiker der rechtspopulistischen Lega Nord eingegangen. Dadurch wurden und werden öffentliche Aufträge vor allem im Bauwesen erlangt. Die Mafia profitiert erheblich vom industriell starken Norditalien, weil sie zahlreiche Politiker aller Parteien „eingekauft“ hat. In Mailand, so Saviano, kontrolliert die Mafia schon wesentliche Teile des Gesundheitswesens.

Eine geschlossene Welt
Saviano, der schon früh gegen den medialen Einheitsbrei der berlusconischen Medien opponierte, entwickelt in den neun Kurzessays seines Buches einen intellektuellen Gegenentwurf zur korrupten, „traditionalistischen“ Gesellschaft Italiens. Eine zivilgesellschaftliche Öffnung stellt das wesentliche Element seiner dezentral-föderativen Reformstrategie dar. Denn was die Mafia ausmacht, ist eine Schattenwelt, die ihre eigenen Gesetze aufweist und die möglicherweise sogar die Schuldenmentalität in den Südländern der Europäischen Union allgemein mit erklären kann.

Das Paradoxe an der Welt der Camorra ist, dass ihre Mitglieder ein Leben im Verborgenen, Obskuren führen müssen und die „Früchte“ ihrer kriminellen Machenschaften gar nicht wirklich ernten können. Saviano hat den Ehrencode aufgeschrieben, den künftige Mitglieder der Camorra ablegen müssen, wenn sie in die Organisation eintreten. Der Code fordert die totale Aufgabe sämtlicher sozialer Bezüge und die Bereitschaft, notfalls für die Organisation das Leben zu lassen. Im Falle der Illoyalität akzeptieren die Mitglieder, dass die eigene Organisation sie auslöscht. Warum Menschen überhaupt freiwillig in so eine „Gemeinschaft“ eintreten? Weil die Hoffnungslosigkeit in den Neapolitaner Vororten ihnen kaum Alternativen lässt, glaubt der Autor.

Hohe gesellschaftliche Kosten

Zahlreiche Beispiele zeigen wie hoch die gesamtgesellschaftlichen Kosten wirklich sind, die die Mafia verursacht. Der Mafia-Jäger und Staatsanwalt Giovanni Falcone wurde zunächst verleumdet und dann ermordet, nicht besser erging es seinem Kollegen Paolo Borsellino, dessen Mörder erst im März 2012 gefasst werden konnte. Ein Vertrauen in die politischen Institutionen Italiens will sich nicht einstellen, weil so große Bereiche der Politik von mafiösem Filz durchsetzt sind.

Der Müllskandal in Neapel, der im Jahre 2009 kurzfristig den Weg in die deutsche Presse gefunden hatte, wird von Saviano in seinen katastrophalen Ausprägungen dargestellt. Die über zwanzig Jahre währende Müllkrise ist dadurch bedingt, dass die Öko-Mafia durch illegale Müllentsorgung pro Jahr mehr als 20 Milliarden Euro Gewinn macht und deshalb den Bau neuer Verbrennungsanlagen verhindert. Die Folge ist, dass Leute beim Picknick im sizilianischen Inland plötzlich schlecht entsorgte Schädel entdecken.

Die Umtriebe der Baumafia haben dazu geführt, dass das Erdbeben von L’Acquila des Jahres 2009 über 300 Tote gekostet hat. Denn bei der Untersuchung kam heraus, dass die Bauunternehmer minderwertigen Beton verbaut hatten. Savionas Geschichten erläutern strukturelle Probleme an Hand bewegender Einzelschicksale, so dass jeder seiner Geschichten zum Mitfühlen einladen.

Hat der Wandel schon begonnen?

Die Aktualität hat die Inhalte des Buches schon überholt. Denn mit Mario Monti ist ein Mann Ministerpräsident des Landes geworden, der zwar als finanzpolitischer Technokrat gilt, aber heiße Eisen wie die Steuerhinterziehung anzupacken gedenkt. Dazu wird Italien durch die Sparzwänge gezwungen, endlich eine effiziente Verwaltung aufzubauen. Es wäre interessant zu erfahren, was Saviano über die neue italienische Regierung denkt. Dennoch helfen seine kurzen Geschichten, einen Eindruck von den über Jahrhunderte gewachsenen Problemen Italiens zu bekommen, die einfache und kurzfristige Lösungen verbieten.

Roberto Saviano: „Der Kampf geht weiter“
Carl Hanser Verlag, München 2012, 176 Seiten
ISBN 978-3446238817,
17,90 Euro


Die Bildrechte liegen beim Verlag (Cover), Grazia Neri (Portrait Ginsborg) und Piero Tasso (Portrait Saviano/Creative Commons).


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