Spurensuche am Heldenplatz (Teil 2)

Der Einmarsch der Nazis 1938, ein Theaterskandal 1988, eine Parlamentswahl 2008. Ein Zusammenhang? Eine Spurensuche rund um den Wiener Heldenplatz. Und die Frage, wie rechts ist Österreich nach den Nationalratswahlen? Von Lennart Faix

Ich will mir ein Bild von der Partei machen, die über vierzig Prozent der österreichischen Jugendlichen gewählt haben sollen. Ich fahre nach Simmering, in den Bezirk, in dem die FPÖ mit fast dreißig Prozent das beste Ergebnis in der Stadt erzielen konnte. Draußen auf den Straßen herrscht hektische Geschäftigkeit. Busse, Straßenbahnen, Autos und Fußgänger schieben sich abwechselnd über die belebten Kreuzungen.

Ich treffe Harald Stefan, den Bezirksparteiobmann der FPÖ (Lesen Sie hier das vollständige Interview). In den dunklen Räumen seiner Notarskanzlei herrscht eine Art vornehme Stille wie man sie aus Bibliotheken kennt. Stefan ist ein hoch gewachsener Mann im Cordanzug. Er strahlt Ruhe und Verbindlichkeit aus und hat einen äußerst kräftigen Händedruck. Was den Leuten denn so an der FPÖ gefalle, frage ich ihn. „Man will etwas gelten und man will Selbstbewusstsein. Die Menschen schätzen an uns, dass wir sagen: Wir sind hier in Österreich, da gibt es gewisse Spielregeln.“ Stefan ist für Europa und möchte die Familien stärken. Gegen Zuwanderer an sich hat er nichts, nur sei es doch problematisch, wenn 15-Jährige nicht ausreichend deutsch sprechen, um entsprechende gesellschaftliche Entwicklungsmöglichkeiten zu haben. Da kann man nur zustimmend nicken. Befremdlich klingt es trotzdem, wenn er Sätze sagt wie: „Wir meinen, dass eine Gesellschaft nur aus sich heraus gesund werden kann.“

Österreich ein rassistisches Land? – Nicht besonders glaubhaft.

Dass die FPÖ nicht als rechtsextremistisch gelten könne, hatte mir Frau Zeglovits schon versichert. „Tut die Partei aber vielleicht zu wenig, um sich klar vom rechten Rand abzugrenzen?“ „Wir haben einfach unsere Linie und sehen deshalb auch keine Notwendigkeit uns von irgendwem zu distanzieren“, entgegnet mir der Notar. Viele der Zuwanderer, so Stefan, fühlten sich mittlerweile auch von dem Patriotismus der FPÖ mit angesprochen und sähen Österreich als ihre neue Heimat an. „Laut einiger Umfragen haben diese Menschen, vor allem deren zweite Generation, auch überproportional FPÖ gewählt.“ Daher bedauere er, wenn der Eindruck vermittelt werde, Österreich sei ein rassistisches Land. „Ich finde das auch nicht besonders glaubhaft, sonst würden nicht so viele zu uns kommen.“

Vielleicht hat er ja Recht, denke ich mir auf dem Rückweg. Es scheint beinahe so. Knapp jeder fünfte Wiener ist Ausländer. Viele Zuwanderer sind längst eingebürgert und gewinnen auch als Wählergruppe an Bedeutung. Auf den Straßen sieht man Geschäfte und Menschen jedweder Herkunft, so selbstverständlich wie überall anderswo auch. In der U-Bahn, in den Cafés, egal wo. Die Jugendlichen reden allesamt perfekten Wiener Schmäh. So auch der Besitzer eines türkischen Imbiss’, in dem ich Rast mache. „Schnitzel, Kebap, Pizza“ steht auf der Leuchtreklame über der Eingangstür. „Moohlzeit“, sagt er, als er mir mein Essen bringt. An meinem für Wien ungewöhnlichen (Hoch-)Deutsch hat er gleich erkannt, dass ich Ausländer sein muss. Nachdem er abgerechnet hat, zeigt er mir hilfsbereit das Display seines Taschenrechners, damit ich den Preis ablesen kann.

Der Heldenplatz ist der nichtssagendste Ort in ganz Wien

Ich kehre noch einmal zum Heldenplatz zurück. Obwohl zur Abwechslung die Sonne scheint, ist hier gar nichts los. Nichts ist geblieben von der gewaltigen Dynamik, welche die Szene gestern Nacht verströmte. Ein paar vereinzelte Touristen schlendern wie in Zeitlupe zwischen Denkmal und Burgtor umher. Etwas weiter vorne warten ein paar gelangweilte Kutscher mit ihren Fiakern. Der Heldenplatz ist der nichtssagendste Ort in ganz Wien, denke ich mir und trete den Rückweg zur U-Bahn an.

Auf einer Grünfläche am Wegrand tollt ein gutes Dutzend Hunde herum. Beige, braun und grau gefleckte Mischlinge, die ihren Halterinnen ungefähr bis zum Oberschenkel reichen. Immer wieder sprengen sie auseinander, um sich dann erneut anzuspringen und zu balgen. Etwas abseits des Geschehens versucht ein Zwergschnauzer recht unbeholfen Anschluss zu finden. Doch mit seinen kurzen Beinen will es ihm einfach nicht gelingen die anderen einzuholen. Sooft er auch hoppelnd auf die ersehnten Spielkameraden zueilt – bis er dort angelangt ist, sind sie längst woanders. Der Schnauzer bleibt vom Spiel ausgeschlossen. Vielleicht doch ein Wink des Orakels?

Rassismus-Report: Spitze des Eisbergs

Es gibt sie, die ausgestoßenen Zwergschnauzer in Österreich. So kann man das jedenfalls sinngemäß im jährlich erscheinenden „Rassismus-Report“ nachlesen. Zusammengestellt und herausgegeben wird er von ZARA, dem Wiener Verein „Zivilcourage und Antirassismus-Arbeit“. Dieser „qualitative Bericht“, so der Leitartikel, stelle die „sichtbar gemachte Spitze des Eisbergs“ dar, da Rassismus nicht quantifizierbar sei. ZARA ist eine Art passive Meldstelle, kein aktiver Rassismus-Detektiv. Über Rückgänge oder Zuwächse kann man hier folglich nichts lernen. Jedoch wird exemplarisch gezeigt, in welchen Lebensbereichen Diskriminierung und Fremdenfeindlichkeit auftreten. Da ist der Nigerianer, der in der U-Bahn angepöbelt wird oder die junge Muslimin, der man versucht, das Kopftuch herunter zu reißen. Da gibt es den dunkelhäutigen Mietinteressenten, dem man sagt, die Wohnung werde nur an „inländische Personen“ vergeben und die Passanten, die nicht eingreifen, wenn es zu gewalttätigen Übergriffen kommt. Auch die Mitarbeiter von ZARA selbst sehen sich immer wieder Drohungen und Beschimpfungen ihrer Arbeit wegen ausgesetzt.

Angst vor kultureller Ferne

FPÖ und BZÖ tauchen ebenfalls im Bericht auf: Mal wird versucht, türkischen Familien das Grillen im Gemeindepark zu untersagen, mal will man Moscheen und Minarette als Störung des Ortsbilds deklarieren, um deren Bau zu verhindern. Ein Mitglied einer FPÖ-Jugendorganisation unterstellte Muslimen gar eine Tendenz zur Sodomie. Frei nach dem Motto „Lieber Sodomie als Vergewaltigung“ forderte er in Graz „eine Schafherde im Stadtpark grasen“ zu lassen. Dass die Befürchtungen um eine eventuelle Parallelgesellschaft sich oft speziell auf die türkischen Zuwanderer beziehen, hatte mir auch Harald Stefan erklärt. „In der Summe gesehen ist diese Gruppe am wenigsten integriert. Die Hauptursache ist die kulturelle Ferne.“

 

Ich bin mal wieder mitten im Gedränge gelandet. Ich werde geschubst und gerempelt. Mal muss ich stehen bleiben, dann werde ich wieder weiter geschoben. „Verzeihung“, „He da“, „Vorsicht“, „Nichts passiert“, „Jede dritte Banane bereits braun“, „Moohlzeit“, „Die Roten und die Schwarzen spielen alles den Nazis in die Hände“, „Das machen andere Parteien nicht“, „Warum bin ich hier?“, „Grobe Beleidigung des österreichischen Volkes“, „Fast überhaupt keine Zukunftsthemen behandelt“, „Verzeihung“, „Sichtbar gemachte Spitze des Eisbergs“, „Seine schlimmsten Übertreibungen und gemeinsten Verzerrungen“, „Was sagt das Wahlergebnis über die Österreicher aus?“, „Wir haben einfach unsere Linie“. Plötzlich lässt das Gezerre und Geschiebe von mir ab und ich stehe vor dem Schacht der U-Bahn-Station.

Lesen Sie hier den ersten Teil der Reportage


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