Spurensuche am Heldenplatz

Der Einmarsch der Nazis 1938, ein Theaterskandal 1988, eine Parlamentswahl 2008. Ein Zusammenhang? Eine Spurensuche rund um den Wiener Heldenplatz. Und die Frage, wie rechts ist Österreich nach den Nationalratswahlen? Von Lennart Faix

„Kann schon sein, dass Sie sich ein paar Mal im Jahr in dieser Stadt wohl fühlen. Wenn Sie über den Kohlmarkt gehen oder über den Graben oder die Singerstraße hinunter in der Frühlingsluft.“ Das schrieb Thomas Bernhard über Wien. Was soll ich sagen? Es ist Ende November und der Graben ist eine verdammte Einkaufsstraße. Massen von Konsumwütigen, Touristen und Schaufenstergaffern schieben sich durch die Straßen. Links und rechts ragen hell erleuchtete Schaufenster und Reklameschilder in den Abendhimmel. Ich versuche meine Gedanken zu ordnen. Warum bin ich hier?

Am Anfang meiner Überlegungen stand ein Theaterskandal aus dem Jahre 1988. Thomas Bernhards Stück „Heldenplatz“ über den Selbstmord eines jüdischen Professors löste heftigen Protest in der österreichischen Öffentlichkeit aus. Man fühlte sich als nationalsozialistisch diffamiert und angegriffen. Die Diskussion wurde auch als Beleg dafür gewertet, dass Österreich sich bislang unzureichend mit der eigenen Vergangenheit beschäftigt habe.

2008: Jeder Dritte wählt eine rechtspopulistische Partei

Zwanzig Jahre später, im Herbst 2008 wurden Nationalratswahlen abgehalten, knapp jeder Dritte wählte eine rechtspopulistische Partei. FPÖ und BZÖ wetterten im Wahlkampf gegen Ausländer und Asylanten und konnten jeweils rund sechseinhalb Prozentpunkte Stimmenzuwachs verzeichnen. „Der Nationalsozialismus ist heute doch schon längst wieder an der Macht“, ließ der Übertreibungskünstler Bernhard eine seiner Figuren im Theaterstück behaupten. Und heute? Was sagt das Wahlergebnis über die Österreicher aus? Wie gefährlich sind die rechten Parteien? Ich schiebe mich weiter durch das Gedränge, dem Ort entgegen, der mir als Orakel dienen soll.

1938: Anschluss der „Ostmark Österreich“

Dunkelheit liegt über dem Heldenplatz. Die Luft ist kalt, aber nicht eisig. Der Himmel scheint leicht violett mit vereinzelten schwarzgrauen Wolkenfetzen darin. Darunter biegt sich ocker und orangefarben das hell bestrahlte Halbrund der Hofburg. Wuchtig umarmt es den weitläufigen Platz. Ganz oben auf einem Giebel ist eine kleine rot-weiß-rote Fahne den Launen des Windes ausgesetzt. Unten vor dem Eingangstor lauern schattenhaft steinerne Löwen im Zwielicht. Auf halber Höhe über dem Eingang prangt jener Balkon, von dem aus Hitler 1938 seine Rede hielt, die den Anschluss der „Ostmark Österreich“ an das nationalsozialistische Deutschland verkündete. Einerseits scheint diese ehemalige Bühne der Weltgeschichte in Schwindel erregender Höhe zu schweben. Andererseits hat man den Eindruck von hier aus jede Einzelheit eines Gesichts dort oben erkennen zu können. Einigermaßen beklemmend, wenn ich mir das so vorstelle. Hier unten, wo ich jetzt stehe, drängten sich damals Abertausende jubelnder Menschen. Heute parken hier etliche Autos. „No Camping“ steht auf einem Hinweisschild vor einer kleinen Rasenfläche.

Ich mache kehrt und entferne mich von der Hofburg. Gleich rechts um die Ecke steht das Burgtheater. Hier wurde „Heldenplatz“, das in Bezug auf die Geschehnisse von 1938 benannt wurde, uraufgeführt. Ein jüdischer Professor hat sich darin aus dem Fenster seiner Wohnung am Heldenplatz gestürzt, weil er die Umstände in Österreich nicht mehr ertrug. Alles sei „viel schlimmer als achtunddreißig“ gewesen. Der damalige Bundeskanzler Kurt Waldheim (Österreichische Volkspartei) sah in dem Stück eine grobe Beleidigung des österreichischen Volkes. Außenminister Alois Möck (ÖVP) ließ wissen: „Wir müssen uns nicht von jemandem beschimpfen lassen, der aus dem Steuergeld seinen persönlichen Gewinn erzielt.“

1988: Theaterstück reißt alte Wunden auf

„Heldenplatz“ riss eine nicht verheilte Wunde im öffentlichen Gedächtnis auf. Der Selbstmörder im Stück mahnt durch „abwesende Anwesenheit“ der österreichischen Geschichte. „Jeder Tote lässt nur lauter schlechtes Gewissen zurück“, heißt es im Bühnentext. Es zeigte sich, dass das angerührte Thema noch immer hoch emotional aufgeladen war. Bernhard wagte es seine jüdischen Figuren gegen die Täter und ihre Verbrechen in einem Ton hetzen zu lassen wie ihn Letztere sonst am Stammtisch gegen „Volksschädlinge“ anschlagen. Der anvisierte Mechanismus schnappte ein und eine Welle der Empörung schlug dem Nestbeschmutzer Bernhard entgegen. Eine Journalistin kommentierte damals: „Sie haben ihn nicht Lügen gestraft, sie haben seine schlimmsten Übertreibungen und gemeinsten Verzerrungen Wahrheit gestraft.“ Aufgrund dieser Reaktion wird Bernhard von verschiedener Seite ein wichtiger Beitrag zur Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit in Österreich zugeschrieben, wie ihn die Politologie erst Jahre später habe leisten können. Heute wird hier am Burgtheater kein Bernhard aufgeführt, auch nicht an den anderen Wiener Bühnen. Wäre das nicht gerade jetzt wieder angebracht, nach diesem Wahlergebnis, frage ich mich. Jemand drückt mir ein Programmheft eines Musikclubs in die Hand. „Die Bananenrepublik verfault“, steht auf dem Titelblatt. „Jede dritte Banane bereits braun. Der Rest nur eine Frage der Zeit?“

„Nicht jeder, der FPÖ oder BZÖ wählt, ist ein Rechter“

Höchste Zeit für eine qualifizierte Einschätzung der Gegenwart, denke ich mir, als ich am nächsten Tag mein Hotel verlasse. Ich bin auf dem Weg zum Sozialforschungsinstitut SORA. Dieses hat eine Wahlanalyse veröffentlicht, die Aufschluss über Wahlmotive, über das Wahlverhalten bestimmter Bevölkerungsgruppen und die Bewegungen von Wechselwählern geben soll. Das „Institute for Social Research and Analysis“ befindet sich in einem hochmodernen Bau mit bläulich verspiegelter Fassade, direkt an einer viel befahrenen Straße. Drinnen ist es ganz ruhig. Ich treffe Eva Zeglovits, die Leiterin der Abteilung Wahlen und Politik. (Lesen Sie hier das vollständige Interview) Wir setzen uns in einen kleinen Konferenzraum, dessen Wände Zeglovits’ fröhliche Stimme widerhallen lassen. Ich erzähle ihr von dem Bananen-Flyer. „Nicht jeder, der FPÖ oder BZÖ wählt, ist ein Rechter“, entgegnet die Statistikerin. Allerdings beobachtet sie große Skepsis gegenüber Zuwanderern in der Bevölkerung und stellt schwindende Berührungsängste mit den rechten Parteien fest: „Da ist durch die Wahlen sehr wohl ein Rechtsruck entstanden.“ Im Nationalratswahlkampf hätten die rechten Parteien die Themen Integration und Zuwanderung für sich besetzt. „Von den meisten anderen Parteien kam da auch relativ wenig Widerspruch.“

Die wichtigste Ursache für das starke Wahlergebnis von FPÖ und BZÖ sei die große Unzufriedenheit mit der Regierung. Die Große Koalition aus ÖVP und Sozialdemokraten habe zunehmend gestaltungsunfähig gewirkt. Die daraus resultierende Proteststimmung kam den Rechten fast exklusiv zugute. Zum einen fehlt in Österreich ein linkspopulistisches Pendant, andererseits präsentierten sich die Grünen als eine Partei, die in die Regierungsverantwortung will. Bei der Themensetzung im Wahlkampf hätten zudem die großen Parteien die Interessen der Jugendlichen vernachlässigt, so Zeglovits. Es seien „fast überhaupt keine Zukunftsthemen behandelt“ worden. Den vielen Erstwählern, die erstmals mit sechzehn Jahren an die Urnen durften, hätten lediglich die Rechtspopulisten signalisieren können, dass man sie ernst nehme. „Für die rechten Parteien ging der Spitzenkandidat selbst zu den jungen Menschen. Das machen andere Parteien nicht.“ – „Die Roten und die Schwarzen spielen alles den Nazis in die Hände“, sagt eine Figur in „Heldenplatz“.


Lesen Sie hier den zweiten Teil der Reportage


Die Bildrechte liegen bei SORA (Zeglovits) und beim Autor


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