Erschreckendes Portrait der deutschen Gesellschaft

In Kombination mit einer immer stärkeren Polarisierung und dem demographischen Wandel wirkt unsere Gesellschaft als “unbarmherzige Sortiermaschine“. Kinder, die in die Unterschicht hinein geboren werden, haben in Deutschland kaum Chancen, ihr wieder zu entkommen. Vor diesem Hintergrund zeichnet Inge Kloepfer ein gleichermaßen erschreckendes wie eindringliches Gesellschaftbild. Von Martin Stimmler

Zur Darstellung des Problems einer wachsenden und sich verfestigenden Unterschicht wählt die Autorin in Aufstand der Unterschicht. Was auf uns zukommt einen Ansatz, der sowohl einen wissenschaftlichen als auch einen menschlich-emotionalen Zugang zur Thematik ermöglicht: Der Werdegang von Jascha, einem neunzehnjährigen Berliner Jungen aus der Unterschicht, leitet als roter Faden durch die sieben Kapitel, in denen sich Inge Kloepfer, Autorin der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, intensiv der Präsentation und Deutung wissenschaftlicher Untersuchungen und statistischer Daten widmet.

Der Fokus liegt vor allem auf der sozialen Undurchlässigkeit und Chancenungleichheit des gesellschaftlichen Gefüges in Deutschland. Angefangen von der Geburt in schwierige familiäre Verhältnisse und dem Aufwachsen in einem sozialen Brennpunkt, über den Kindergarten und die Grundschule bis zur weiterführenden Schule wird episodenhaft nachgezeichnet, wie die wesentlichen Stationen in Jaschas bisherigem Leben ausgesehen haben. Deutlich wird dabei: Er hatte nie wirklich eine Chance, seinem Milieu zu entkommen. Und, was die gesellschaftliche Brisanz des Phänomens ausmacht, dies trifft in jedem Jahrgang auf hunderttausende Kinder zu.

Die Hauptschuld sieht Kloepfer bei der Politik, die trotz des sich schon lange abzeichnenden Problems mehr oder weniger tatenlos zugesehen hat, wie die negative Entwicklung insbesondere im Bildungssystem ihren Lauf genommen hat. Bei der Bildung liegt für die Autorin das Hauptproblem: Wer in ein schlechtes Milieu geboren wird, kommt mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht in den Genuss guter Bildung und kann so weder seinen Beitrag zum gesellschaftlichen Wohlstand leisten noch sich eine einigermaßen gute Position erkämpfen. Das dreigliedrige Schulsystem mit seiner selektierenden Funktion trägt dazu einen großen Teil bei.

Keine monokausalen Erklärungen

Trotz der Schwerpunkte verfällt Kloepfer nicht in vereinfachende Erklärungsmuster für die sozialen Fehlentwicklungen. Sowohl am Beispiel Jaschas als auch durch die Einbindung wissenschaftlicher Untersuchungen wird ein breites und schlüssiges Bild der miteinander zusammenhängenden Faktoren gezeichnet, die es dem Einzelnen schwer machen, seinem Milieu zu entkommen. Unter Rückgriff auf pädagogische, soziologische und neurobiologischen Erkenntnissen wird dem Leser eine Fülle überzeugender Argumente geliefert.

Wo die Wortwahl den volkswirtschaftlichen Hintergrund Kloepfers erkennen lässt, gerät der Leser aufgrund ihrer scheinbaren Härte allerdings ins Stutzen. So beispielsweise bei der Projektion auf das Jahr 2020, in dem „Jascha und Millionen anderer junger Menschen [..] Deutschland seit Jahren auf der Tasche liegen [werden] und unsere Sozialsysteme einem erbarmungslosen Stresstest unterziehen.“ Im Ganzen gelingt es der Autorin aber, zwar einerseits scheinbar kühl kalkulierend die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Kosten der „Produktion von Verlierern“ auszuführen, andererseits sieht sie auch die menschliche Seite des Problems. So betont sie explizit, dass „es [..] schon aus ethischen Gründen nicht zu dulden und schon gar nicht zu rechtfertigen [ist], dass in unserer Gesellschaft viele Menschen von Geburt an ohne Chancen bleiben.

Düstere Prognosen

Ihre Prognose für Gesellschafts- und Wirtschaftssystem fällt gleichwohl sehr düster aus: Bei einer Fortführung des gegenwärtigen Trends zur Polarisierung bei sich gleichzeitig verfestigender Schichtung der Gesellschaft müssten große Teile der Betroffenen logischerweise sowohl das politische System (Demokratie) als auch die Wirtschaftsordnung (Marktwirtschaft) ablehnen. Harte Verteilungskämpfe sagt die Autorin ebenso voraus wie schwindende Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands auf dem Weltmarkt, da Talente und Begabungen, die in der Unterschicht ebenso vorhanden seien wie in anderen Gesellschaftsschichten, durch das selektive Schulsystem vergeudet würden. Deshalb sieht Kloepfer einen großen Bedarf an Maßnahmen, mit denen diese Entwicklung aufgehalten werden kann.

Deutlich macht die Autorin allerdings, dass sie eine tatsächliche materielle Gleichstellung aller Bevölkerungsteile weder für möglich noch wünschenswert hält. So ist für sie „ein gewisses Maß an Armut“ eine unvermeidliche Folgeerscheinung einer „Leistungsgesellschaft“, die sie wiederum für eine notwendige Voraussetzung „gesellschaftlicher Vielfalt“ hält. Ihr geht es um die Beseitigung der aus materieller Armut resultierenden Chancenlosigkeit nachfolgender Generationen, nicht um mehr.

Mehr Geld für Bildung und strukturelle Reformen

Die Lösungsperspektiven, die im letzten Kapitel präsentiert werden, beziehen sich primär auf die Lebenswirklichkeit von Unterschichtkindern in den ersten Lebensabschnitten. Kloepfer setzt bei der frühkindlichen Betreuung darauf, kostenlose Unterstützungsnetzwerke für sozial benachteiligte Familien zu errichten, will aber die Möglichkeiten zum staatlichen Eingriff gegen den Willen der Eltern nicht absenken. Hier erscheint die Argumentation ein wenig inkonsequent, zumal ausführlich deutlich gemacht wird, dass viele Eltern der Verantwortung für ihre Kinder nicht gerecht werden.

Angedacht wird zudem ein grundlegender Wandel des Schulsystems hin zu einer Gemeinschaftsschule mit erzieherischem Auftrag; die Selektion und der darauf folgende sich vertiefende Leistungsabstand der Schüler in den einzelnen Formen des dreigliedrigen Schulsystems wird mit Verweis auf Erfahrungen in skandinavischen Ländern sehr kritisch betrachtet. Dessen Aufrechterhaltung trotz seit langem vorliegender Erkenntnisse, die die Vorteile einer Gemeinschaftsschule belegen, geißelt Kloepfer gar als Interessenpolitik von Vertretern der Mittel- und Oberschicht, die sich durch ihr Festhalten am dreigliedrigen System einer Neuverteilung gesellschaftlicher Chancen zugunsten der Unterschicht erwehrt hätten. Hier wird exemplarisch deutlich, dass Kloepfer sich in ihrem Buch um eine schonungslos den Tatsachen entsprechende Gesamtdarstellung bemüht, die auch vor herber Kritik an Vertretern der etablierten Schichten nicht zurückschreckt.

Kloepfer betont auch der dringende Bedarf an zusätzlichen Mitteln im Bildungssystem; nur sechs Prozent des Bruttoinlandsproduktes gibt Deutschland für die Bildung aus, nach Ansicht der Autorin viel zu wenig, um den Lebensstandard eines rohstoffarmen Landes dauerhaft aufrecht erhalten zu können.

Auch im letzten Abschnitt des Buches wird deutlich, dass Kloepfer konsequent auf zwei verschiedenen Ebenen argumentiert: Zum einen ethisch, zum anderen ökonomisch. Ihre Schlussfolgerung ist, dass der gegenwärtige Zustand massenhafter Chancenlosigkeit in keiner der beiden Betrachtungsweisen haltbar ist. Explizit macht sie deutlich, dass auch das gesellschaftliche Gesamtinteresse, jenseits aller moralisch-ethischen Erwägungen, keine andere Möglichkeit lässt, als dieser Entwicklung entgegen zu steuern.

Überzeugende Fakten, wichtige Anregungen

In Aufstand der Unterschicht. Was auf uns zukommt gelingt es der Autorin, ein aktuelles, wenig schmeichelhaftes Bild der deutschen Gesellschaft zu zeichnen. Durch die Kombination einer überzeugenden und interdisziplinären wissenschaftlichen Argumentation mit einer Einzelfallstudie gelingt es ihr, die relevanten – sozio-ökonomischen und ethischen – Aspekte des Problems in angemessener Weise darzustellen. Die erfreulich klare Sprache sorgt dafür, dass das Buch über den gesamten Umfang dabei verständlich bleibt, ohne zu sehr zu vereinfachen.

Bei der Frage nach staatlichen Eingriffen in familiäre Strukturen oder bei der Position zu materieller Ungleichheit wirken Kloepfers Schlussfolgerungen zwar etwas inkonsequent; hier entsteht der Eindruck, dass an bestimmten Punkten lieber nicht weiter gedacht werden sollte. Dennoch wäre dieses Buch aufgrund seiner Faktendarstellungen und den wertvollen Anregungen bei der Bildungspolitik als Pflichtlektüre für Bildungs- und Sozialpolitiker dringend zu empfehlen.

Lesenswert ist es definitiv für jeden, der sich ein Bild davon machen will, wo unsere Gesellschaft hinsteuert. Eine Warnung jedoch für diejenigen, die es vorziehen, die Augen vor unangenehmen Wahrheiten zu verschließen: nach der Lektüre wird das nicht mehr möglich sein.

Kloepfer, Inge,
Aufstand der Unterschicht. Was auf uns zukommt,
(2008), Hamburg, Hoffmann und Campe,
304 S., ISBN
978-3-455-50052-3, 19,95 Euro


Die Bildrechte liegen bei Daniel Biskup (Portrait) und beim Verlag. Der Verlag im Internet


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