„Be out there. Be careful and enjoy!“

Am 9. März fand in München die Tagung „Weblogs in den Geisteswissenschaften“ statt. Unter den Teilnehmern herrschte wenig Einigkeit darüber, wie wissenschaftliches Bloggen aussehen soll. Dass Weblogs die Forschungskultur verändern werden, daran zweifelte hier aber niemand. Von Tim Frohwein

Bayerische Akademie der Wissenschaften, München – Vor der Eingangstür zum Vortragsraum grüßt die Teilnehmer der Tagung „Weblogs in den Geisteswissenschaften“ ein Geist aus der Vergangenheit: König Maximilian II. prangt im überlebensgroßen Porträt an einer Seitenwand. Der Regent, von 1848 bis 1864 auf dem bayerischen Thron, galt als großer Förderer der Wissenschaft und bemühte sich dabei redlich um ihre Popularisierung. So forderte er, „die Ergebnisse der Forschung in gemeinfasslicher Gestalt ins Volk hineinzutragen“ – jeder sollte an der Wissenschaft teilhaben. Was am Freitag, den 9. März 2012, in einem Saal der Bayerischen Akademie der Wissenschaften auf dem Programm stand, dürfte daher wohl ganz im Sinne des Königs gewesen sein: Über hundert Forscherinnen und Forscher hatten sich eingefunden, um darüber zu diskutieren, wie man Weblogs für die Verbreitung wissenschaftlicher Inhalte einsetzen kann. Geladen hatten das Deutsche Historische Institut Paris und das Institut für Kunstgeschichte der LMU.

Nur wenige deutsche Wissenschaftler sind in der Blogosphäre unterwegs

Gleich im ersten Vortrag des Tages wurde deutlich, dass deutsche Wissenschaftler einer wissenschaftlichen Blogosphäre bislang eher skeptisch gegenüber stehen. Nur acht Prozent von ihnen nutzten Weblogs, um Forschungsergebnisse zu publizieren oder Einblicke in ihre Arbeit zu gewähren, erzählt Cornelius Puschmann vom Alexander-von-Humboldt-Institut für Internet und Gesellschaft in Berlin. Solange es den Weblogs an institutioneller Anerkennung fehle – es beispielsweise weiter ungeklärt bleibt, ob man aus einem Blog zitieren darf – , werde sich dies auch nicht groß ändern, so Puschmann, denn „Publizieren hat ganz viel mit Karriereplanung zu tun“. Es ist eben immer noch der Aufsatz im angesehenen Fachmagazin, der in der scientific community Eindruck macht – weniger der Eintrag ins Weblog.

Dennoch sind auch deutsche Wissenschaftler in der Blogosphäre unterwegs – und zwar durchaus erfolgreich. Marc Scheloske, Berater für digitale Wissenschaftskommunikation aus München, kommt in seinem Vortrag auf Florian Freistetter zu sprechen: Mit seinem Blog Astrodicticum Simplex steht der promovierte Astronom, den Scheloske liebevoll „den Sascha Lobo der wissenschaftlichen Blogosphäre“ nennt, seit Jahren an der Spitze der Wissenschaftsblog-Charts. Scheloske erklärt den Erfolg folgendermaßen: Das Blog sei im persönlichen Erzählstil verfasst, die Blogposts erschienen in regelmäßigen Abständen zwei bis drei Mal in der Woche und der Blogger trete mit seinen Lesern in Dialog. Vor allem der persönliche Stil werde von den Lesern honoriert, ein Wissenschaftsblog sei eben „keine Plattform für wissenschaftliche Essays“. „Man darf ruhig ‚ich’ schreiben!“, appelliert Scheloske.

Der Wissenschaftler als Kumpeltyp?

Dem stimmt auch Melissa Terras, Internetforscherin am University College London, zu. In ihrem Blog melissaterras.blogspot.com macht die Schottin gerne mal ihrem Ärger über die Kollegen Luft oder postet private Fotos. Man solle dem Leser vermitteln, wie das Leben als Akademikerin so ist, erklärt Terras, weist zugleich aber auf die Gefahren hin, die diese entblößende Blogführung mit sich bringt: „Nasty“ seien manche der Kommentare unter ihren Einträgen und das mache ihr manchmal schon ein bisschen Sorgen. Dennoch empfiehlt sie gerade internetaffinen Nachwuchswissenschaftlern das Bloggen auszuprobieren: „Do it. Be out there. Be careful and enjoy!“, gibt sie ihnen zum Abschluss ihres Vortrags auf den Weg.

Ein neues Blogportal für deutsche Wissenschaftler geht an den Start

Wer ihrem Appell folgen will, der kann dazu die großen Plattformen der wissenschaftlichen Blogosphäre, scienceblogs.de oder scilogs.de, nutzen. Seit dem Tag der Veranstaltung steht auch eine deutschsprachige Seite von hypotheses.org, die bereits Wissenschaftlern aus Spanien oder Frankreich als Blogportal dient, zur Verfügung. Sie richtet sich „an alle Disziplinen der Geistes- und Sozialwissenschaften“, wie Mareike König, Historikerin am Deutschen Historischen Institut Paris und eine der Initiatorinnen des Projekts, erklärt. König hofft mit ihrer Seite „die Sichtbarkeit der einzelnen Blogs zu stärken“. In kostenlosen Schulungen soll interessierten Wissenschaftlern das richtige Bloggen beigebracht werden, durch redaktionelle Zulassungsverfahren die wissenschaftliche Qualität der Beiträge gesichert werden. Melissa Terras, die in ihrem Blog so gerne Privates mit Beruflichem vermischt, wird hier wohl nicht veröffentlichen: Man lasse nur reine Forschungsblogs zu und keine „Ich-Blogs“, so König.


Die Bildrechte liegen beim Deutschen Historischen Institut Paris (DHIP).


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