Die Würdigung des Staatsmanns

Die Deutsche Verlagsanstalt lud ein zur Präsentation des zweiten Teils der umfangreichen Helmut-Schmidt-Biografie. Beim Zwiegespräch von Autor Hartmut Soell und Journalist Theo Sommer war auch ein Überraschungsgast im Publikum. Von Michael C. Pietsch

Vor fünf Jahren war der erste Band der zweiteiligen Biografie über Helmut Schmidt erschienen. Letzte Woche wurde nun der zweite Teil Macht und Verantwortung. 1969 bis heute dem interessierten Publikum im neuen Lesesaal des Warburg Hauses in Hamburg vorgestellt. Als Gesprächspartner und Stichwortgeber für den Autor, Historiker Hartmut Soell, hat sich Theo Sommer von der ZEIT zur Verfügung gestellt. Beide kennen Helmut Schmidt gut und haben unterschiedliche Teile seines Lebens als Vertraute begleitet. Es kommt zu einem interessanten Gespräch über das Leben und Wirken Helmut Schmidts

Überraschung zu Beginn

Noch bevor sich Soell und Sommer aber „warmgeredet“ haben, unterbricht der Journalist den Historiker mit den Worten „Er ist da!“ und Helmut Schmidt selbst betritt den Raum, begrüßt mit respektvollem Applaus eines Publikums, das sich von seinen Plätzen erhoben hat.

Das Erscheinen seines „Studienobjektes“ bringt Soell aber nur kurz aus der Fassung. Begierig greift er die Stichworte von Theo Sommer auf und führt kenntnisreich und detailverliebt in die Erkenntnisse seiner Forschungsarbeit ein. Ganz Historiker wahrt er auch in der unmittelbaren Gegenwart des Altkanzlers die Distanz des Wissenschaftlers und bleibt in seinen Schilderungen betont nüchtern.

Anders Sommer, der kaum eine Gelegenheit auslässt, nicht die eine oder andere politische Spitze anzubringen und Soell in seiner Sachlichkeit damit fast ein wenig provoziert. Helmut Schmidt selbst ist während dieses Gesprächs stiller, aber gespannt aufmerksamer Zuhörer, der nur selten – etwa mit einem angedeuteten zustimmenden Nicken – den Autor in seinen Ausführungen bestärkt. Dies ist umso interessanter, als es sich bei dem Werk von Hartmut Soell zwar um ein mit zahleichen bislang unzugänglichen Quellen unter anderem aus dem Privatarchiv von Helmut Schmidt angereicherten Werk handelt, gleichwohl aber nicht um eine offiziell autorisierte Biografie. Schmidt selbst, so meint Theo Sommer, werde wohl die Zeit zwischen den Jahren nutzen, um einen Blick in den Band zu werfen.

Ein Parforceritt durch das Leben eines elder statesman

In der begrenzten Zeit werden die Stationen des Staatsmanns Schmidt mit Beginn der Mitgliedschaft im Kabinett angesprochen. Helmut Schmidt, den Verteidigungsminister, hierin sind sich Sommer und Soell einig, wird man als den Reformer der Streitkräfte und Bewahrer der Inneren Führung gegen reaktionäre Bestrebungen in Erinnerung behalten, ebenso wie sein Engagement für ein Primat der Politik über den Einsatz taktischer Atomwaffen. Dass die Wahl auf Theo Sommer als Gesprächspartner fiel, war insbesondere in der Besprechung dieses Abschnitts ein besonderer Glücksfall, war er doch unter dem Verteidigungsminister Schmidt Leiter des Planungsstabes.

Die Zeit als Finanzminister reißen beide nur kurz an, um schnell und umfangreich auf die Kanzlerschaft Schmidts zu sprechen zu kommen. Der von Theo Sommer zitierten Meuchelmörderthese Arnulf Barings, nach der Schmidt auf den Rücktritt Brandts hingewirkt habe, tritt Soell entschieden und sachlich entgegen. In einem kurzen Eintauchen in die Details und Vorgeschichte der Guillaume-Affäre deutet Soell an, dass sein Werk einen Beitrag leisten will, weit verbreitete historische Darstellungen zurecht zu rücken.

Was bleibt vom Kanzler Helmut Schmidt?

In der Diskussion der Soell’schen Rezeption der zahlreichen Herausforderungen der Kanzlerschaft von Helmut Schmidt, unter denen der Terror der RAF und die Debatte um den NATO-Doppelbeschluss sicher herausragen, wird die Gratwanderung zwischen Bewunderung und kritischer Distanz deutlich.

Ein einziges Mal, so gibt Soell zu, habe er der Bitte Schmidts um vertrauliche Behandlung von handschriftlichen Notizen und anderen Quellen nachgeben müssen. Die Frage, was genau in der denkwürdigen Sitzung des Großen Krisenstabes im Deutschen Herbst von wem gefordert wurde, als es um das Durchdenken aller Möglichkeiten zur Befreiung Hanns Martin Schleyers ging, beantwortet er mit der offiziellen Version. Ob tatsächlich, wie später unter anderem der Spiegel berichtete, die Erschießung von RAF-Inhaftierten ernsthaft diskutiert wurde und von wem, bleibt offen.

Unabhängig davon waren die Siege Helmut Schmidts, ob über die RAF oder im Hinblick auf den NATO-Doppelschluss, von wahrhaft historischer Dimension. Für die radikale Linke brachte die Überwindung des Terrors durch den Staat den Impuls, ihren Marsch durch das System anzutreten und viele wurden später zum „stählernen Korsett der Grünen“. Der NATO-Doppelbeschluss widerlegte nur fünf Jahre nach dem konstruktiven Misstrauensvotum gegen Schmidt alle seine Kritiker, als klar wurde, dass er sich als richtiger Schritt auf dem Weg zu mehr Sicherheit in Europa erwiesen hatte.

Lesenswert. Abschnitt für Abschnitt.

Am Ende einer unterhaltsamen und lehrreichen Geschichtsstunde bleibt die Erkenntnis, dass fast 40 Jahre Helmut Schmidt mehr Stoff liefern, als selbst 1000 Seiten fassen. Zählt man beide Bände zusammen, kommt man immer noch auf „nur“ zwei Seiten pro Monat im Leben des Helmut Schmidt. Ich habe nach diesem Abend Lust auf den (abschnittsweise dosierten) Einblick in das Leben dieses elder statesman bekommen. Und Helmut Schmidt selbst schien diesen Abend auch zu genießen.

Soell, Hartmut,
Helmut Schmidt, Macht und Verantwortung, 1969 bis heute,
(2008), München, DVA,
1082 S., ISBN 978-3-421-05795-2, 39,95 Euro


Die Bildrechte liegen beim Autor und der DVA (Cover). Der Verlag im Internet


Lesen Sie mehr bei /e-politik.de/:

„Die sollen sich zum Teufel scheren“

Schmidts Bilderbuch

Das ungeliebte Triumvirat