Elite gesucht – aber nur selten gefunden

Der Begriff der Elite war lange Zeit verpönt im deutschen Sprachgebrauch – und nun kehrt er in Zeiten des Fachkräftemangels derart inflationär in den politischen Diskurs zurück, dass Julia Friedrichs Spurensuche nach den Eliten des Landes in ihrem Buchdebüt nur folgerichtig erscheint. Von Jochen Groß

Spätestens seit Etablierung des millionenschweren Förderprogramms für die deutschen Universitäten mit dem Ziel international sichtbare Leuchttürme der Forschung zu schaffen, scheut kaum jemand mehr den früher schwer verpönten Elitebegriff vor sich her zu schieben. Doch so selbstbewusst nun Universitäten sich das Elitelabel auf die eigene Homepage schreiben, so diffus erscheint die Bedeutung des Begriffs, zumal immer mehr Gruppen das Elitelabel für sich vereinnahmen.

Führungskräfte sehen sich als Elite, ebenso wird von der politischen Elite gesprochen, neben der Wissenselite, der Sportelite, der Wirtschaftselite oder auch der Finanzelite. So hat jede Gruppe ihre Elite, denn soziale Ungleichheit scheint erstaunlicherweise ungewünscht zu sein im Elitewahn. Zwar impliziert der Begriff unbestritten eine Teilung in Wenige an der Spitze und Viele darunter, doch schrumpft man sich die Gruppen hinreichend klein, können alle irgendwie Elite sein – ein Phänomen, dass man gerade an der Vergabepraxis des Elitestatus an die Universitäten beobachten kann. Wirklicher Wettbewerb zwischen allen Standorten scheint nicht das Ziel zu sein, sondern vielmehr eine kleinteilige Berücksichtigung aller, also etwa die Kür der Eliteuniversität unter den Universitäten der deutschen Stadtstaaten.

Mit McKinsey kokettiert

Derart verwirrt liegt es nahe, sich einmal auf die Suche nach der Elite, oder auch der zukünftigen zu machen. Julia Friedrichs, 2007 mit dem Axel-Springer-Preis für junge Journalisten dekorierte Buchdebütantin, nahm sich der Aufgabe an und erzählt ihre Deutschlandreise zu den vermeintlichen Kaderschmieden und Experten des Landes. Ausgangspunkt ihrer Reise – und der Idee des Buches – war eine Einladung an die im Jahr 1979 geborene Autorin von McKinsey zu einem Recruiting-Event, wie man im Jargon der Unternehmensberater sagt und das darauf erfolgte eigentlich nicht ausschlagbare Jobangebot. Nicht ohne frivol damit zu kokettieren, den Beratern ein Schnippchen geschlagen zu haben, indem Friedrichs den Beratern die kalte Schulter zeigte und genüsslich die Elite-Balz der bei McKinsey getroffenen Beratern paraphrasiert. Hier – zwischen Champagner, dickem Einstiegsgehaltsgehaltsangebot und aufgeblasenem Testosteronnachwuchs – wurde die Idee geboren, eine Reise durch die Republik anzutreten.

Deutsche Eliteinstitutionen

Die Reise führt Friedrichs (Foto links) nach Oestrich-Winkel und Vallendar an DIE betriebswirtschaftlichen Privatuniversitäten Deutschlands, zur Bayerischen Elite-Akademie, ins Münchner Maximilianeum, zu den FastTracKids, in die Internate Schloss Neubeuern und Salem, zu Attac und nicht zuletzt zu Michael Hartmann, Deutschlands führendem Eliteforscher. Allein die Auswahl der Stationen locken den Leser – und nicht nur die. Friedrichs führt uns fulminant unterhaltsam durch die Elitestandorte der Republik.

Zunächst landet sie dabei bei den üblichen Verdächtigen: den Privaten: Kindergärten, Schulen und Universitäten. Hier trifft die etablierte Elite auf die zukünftige und das Ergebnis des Erfahrungsberichts der Autorin überrascht wenig. Kaum jemand, ob Schüler, Studierender, Lehrkraft oder Hochschulrektor kann mit einer stimmigen und knackigen Definition dessen, was Elite sein könnte, aufwarten. Ernüchternd erfährt man, dass das eigentliche Kapital von Oestrich-Winkel bis Salem in den Netzwerken der jeweiligen Einrichtungen steckt. Die hier zusammen kommende Finanz- und Wirtschaftselite reproduziert sich selbst – und das jenseits der Bildungs- oder vielleicht auch Leistungselite, wie man in diesen Einrichtung recht unumwunden zugibt.

Erkenntnis durch den Eliteforscher

Diese Tendenzen bestätigen sich nicht nur durch Selbstbeobachtung, sondern sind wissenschaftlich belegt wie Michael Hartmann Julia Friedrichs ins Mikrophon spricht. Während die Elitereise vor sich hin plätschert und man von amüsiert über schockiert bis sympathisierend und beeindruckt mit der Autorin die Protagonisten an den besuchten Standorten kennenlernt, versorgt uns der Soziologe mit der empirischen Unterfütterung der Reproduktionsthese und damit der einzig wirklich erhellenden Einsicht des Buches, das ansonsten vornehmlich unterhält. Insofern ist Gestatten: Elite kein Buch von dem tief gehende Erkenntnisse oder gar die Klärung sich aufdrängender Fragen im Elitediskurs erwartet werden dürfen – hierzu sollte man eher auf Hartmanns Abhandlungen zurückgreifen. Allerdings entlockt Friedrichs mit analytischem Gespür ihren Gesprächspartnern spannende Aussagen, welche sie pointiert mit der eigenen Vita kontrastiert und daraus ohne Polemik einen kritischen Blick auf unsere Gesellschaft wirft.

Friedrichs, Julia,
Gestatten: Elite. Auf den Spuren der Mächtigen von morgen,
(2008), Hamburg, Hoffmann und Campe,
256 Seiten, ISBN 978-3-455-50051-6, 17,95 Euro

Zum Weiterlesen:
Hartmann, Michael,
Der Mythos von den Leistungseliten: Spitzenkarrieren und soziale Herkunft in Wirtschaft, Politik, Justiz und Wissenschaft,
(2002), Frankfurt/Main, Campus,
220 Seiten, ISBN 978-3593371511, 19,90 Euro


Das Bildrechte liegen beim Hoffmann und Campe Verlag (Buchcover) und bei Gerrit Hahn (Autorenportraits).


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