Das Starkbierfest auf dem Nockherberg – Hintergrund und Geschichte

Das Starkbierfest auf dem Nockherberg ist nicht nur in München und in der Politik ein Thema, sondern auch auf /e-politik.de/. Aber was passiert da eigentlich? Von Steven Carthy

Geographisch ist der Nockherberg eine Erhebung entlang der Grenze zwischen den Münchner Stadtteilen Au-Haidhausen und Giesing. Am Berg angesiedelt sind die Paulaner-Brauerei und die bekannte Wirtschaft „Paulaner am Nockherberg“, die in diesem Zusammenhang immer gemeint ist, wenn von dem Nockherberg die Rede ist. Hier öffnet im Sommer einer der beliebtesten Biergärten Münchens und in den großen Veranstaltungssälen findet alljährlich zur Fastenzeit, genauer um den Josephitag am 19. März, das traditionsreiche Starkbierfest statt.

Traditionsreich ist das Fest, weil es bereits von den Paulaner-Mönchen des Klosters Neudeck ob der Au, das sich auf ebenjenem Nockherberg befand, zu Ehren ihres Ordensgründers Franz von Paola alljährlich veranstaltet wurde. Das Leben der Mönche war karg und streng. Vor allem während der Fastenzeiten brauten sie zur Stärkung „flüssiges Brot“, welches das Fastengebot nicht verletzte. So begannen die Mönche bereits im Jahr 1634 Bier zu brauen, und da ihnen der Kurfürst wohlgesonnen war, mussten sie nicht einmal die damals üblichen Steuern abführen. Ab 1651 schenkten sie an den Festtagen ihr Starkbier aus, das „Sankt-Vater-Bier“, der spätere „Salvator“. In der Folgezeit begannen die Mönche, das Bier an die ärmere Dorfbevölkerung zu verteilen und an zahlungskräftigere Kunden zu verkaufen.

Das „Sankt-Vater-Fest“ wird zum Volksfest

1751 genehmigte Kurfürst Maximilian III. Joseph den öffentlichen Bierausschank zum „Sankt-Vater-Fest“ und 1780 wurde den Mönchen schließlich der ganzjährige Bierausschank genehmigt. Die Veranstaltung avancierte unterdessen zum größten Volksfest in München, an dem sogar der gesamte Hofstaat des Kurfürsten teilnahm. Zu dieser Zeit wurde es auch üblich, dass die erste Maß Starkbier dem Kurfürsten überreicht wurde. Eine Tradition, die 1965 wiederbelebt wurde. Seither wird dem bayerischen Ministerpräsidenten das erste Bier ausgeschenkt – wie damals mit den Worten „Salve pater patriae! Bibas, princeps optime“ („Sei gegrüßt, Vater des Vaterlands! Trinke, bester Fürst!“).

Das Kloster wurde in Folge der Säkularisation 1799 aufgehoben und ein paar Jahre später pachtete der Münchner Franz Xaver Zacherl die Brauerei. Zacherl war es, der die Tradition des Starkbierfestes weiterführte und zur Belustigung der Gäste erstmals Volksschauspieler und Gstanzlsänger auftreten ließ.

Daraus entwickelte sich die in jedem Jahr gleich strukturierte Auftaktveranstaltung, die Starkbierprobe, die seit 1982 auch vom Bayerischen Rundfunk übertragen wird. Probe deshalb, weil früher tatsächlich noch ein Test durchgeführt wurde, der zeigen sollte, ob das Bier stark genug ist. Es galt dann als ausreichend, wenn eine biergetränkte Bank an den Lederhosen der Männer kleben blieb.

Keine Salvatorprobe ohne Singspiel und „Derblecken“

Nach dem Zweiten Weltkrieg bekam die Auftaktveranstaltung ihr heutiges Format, zu dem auch das für den Nockherberg charakteristische „Derblecken“ und das Singspiel gehören. Beim „Derblecken“ hält ein Kabarettist in der Rolle eines Fastenpredigers in Anwesenheit zahlreicher Landes- und Bundespolitiker eine Fastenrede, in der er die Amtsträger „derbleckt“, sie also mit seinen Sprüchen aufs Korn nimmt und ihnen subtil die Leviten liest. Dabei gilt, dass Politiker nicht direkt für ihre Handlungen zur Rechenschaft gezogen und beleidigt werden, sondern eher durch Anspielungen und Ironie mit einem Augenzwinkern durch den Kakao gezogen werden.

Dass hier auch Grenzen überschritten werden können, zeigte die Fastenpredigt im Jahr 2010, als der damalige Fastenprediger Michael Lerchenberg eine vergleichsweise scharfe Rede hielt und heftige Kritik aus der Politik erntete. Lerchenberg trat daraufhin von seiner Rolle zurück.

Zweiter Hauptbestandteil des Anstichs ist das Singspiel: ein Bühnenstück, in dem Imitatoren ausgewählter Politiker auftreten und eine fiktive Geschichte spielen. Dabei parodieren sie in Dialogen und Liedern ihre Vorbilder. Während das Singspiel früher durch das Bühnenbild eher einem Volkstheater ähnelte, entwickelte es sich in den letzten Jahren immer mehr zu einer echten Bühnenshow mit zahlreichen Spezialeffekten und ausgefeilter Choreographie.

Wirtshausbrand und „Salvatorschlacht“ – Die Zwischenfälle

Auch der Nockherberg blieb in seiner langen Geschichte nicht immer von Zwischenfällen verschont. Hervorzuheben ist hier sicherlich die „Salvatorschlacht“ vom März 1888, als sich bis zu 4000 Gäste des Starkbierfestes eine Massenschlägerei lieferten. Ausgefallen ist das Fest während des Zweiten Weltkrieges sowie jeweils 1991 und 2003 zu Beginn der Golfkriege. Im März 2009 wurde die Starkbierprobe verschoben, weil sie mit dem Amoklauf von Winnenden zusammenfiel und vor diesem Hintergrund niemand eine fröhliche Starkbierprobe feiern wollte.

In den Jahren 2000 bis 2002 musste der Anstich auf dem in der Nähe gelegenen Mariahilfplatz in einem Bierzelt stattfinden. Wohl durch vorsätzliche Brandstiftung war das Wirtsgebäude in der Nacht vom 27. auf den 28. November 1999 fast vollständig zerstört worden. Bis heute konnte aber kein Täter ermittelt werden.

Das Starkbierfest heute

Seit 2004 findet das Starkbierfest in dem neugebauten „Paulaner am Nockherberg“ statt. Die „fünfte Jahreszeit“, wie das Fest in der Stadt auch genannt wird, signalisiert für den Münchner eine Art Halbzeit beim Warten auf das im Herbst folgende Oktoberfest. Im Übrigen bietet das Fest auch eine gute Gelegenheit für Nicht-„Trachtler“, also Leute, die ihre Tracht selten tragen, auch einmal außerhalb des Oktoberfestes das Dirndl oder die Lederhosen anzuziehen.

Das Bier, der sogenannte „Salvator“ von Paulaner, der heute auf dem Fest ausgeschenkt wird, hat eine Stammwürze von 18,3 Prozent und einen Alkoholgehalt von 7,9 Prozent. Normales Bier wird aber auch ausgeschenkt, was bisweilen den Vorteil hat, dass man nicht schon nach der zweiten Maß auf ein „Kracherl“ (Limo, Cola, Spezi) umsteigen muss. Denn das Salvatorbier „haut schon ziemlich rein“, wenngleich der undurchsichtige Steinkrug – der Keferloher –, in dem das Bier traditionell ausgeschenkt wird, den Schankkellner durchaus dazu verleiten könnte, keine ganze Maß einzuschenken.

Dieser Artikel ist Teil des Dossiers Nockherberg 2012.


Die Bildrechte liegen beim Autor (Straße am Nockherberg) bzw. sind gemeinfrei (Bierübergabe, Starkbierprobe auf der Bank, Andrang beim Salvator-Ausschank).


Weiterführende Links:

Der Salvator-Ausschank im Paulaner am Nockherberg

Das Starkbierfest auf dem Nockherberg


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