Risorgimento 2.0 – Zeit für ein neues Italien

Paul Ginsborg glaubt an die Erneuerung Italiens durch die Ideale des Risorgimento. Seinen Essay Italien retten hat er noch vor der Ablösung Berlusconis geschrieben – aktuell ist er dennoch. Von Christoph Rohde

150 Jahre nach der Gründung Italiens infolge des Risorgimento fragen sich nicht wenige Publizisten, ob es einen zusammenhängenden italienischen Nationalstaat überhaupt jemals gegeben hat beziehungsweise gibt. Paul Ginsborg zumindest glaubt daran.

Der gebürtige Brite arbeitet seit zwanzig Jahren als Professor für europäische Geschichte in Florenz und ließ sich unlängst einbürgern. Dies wurde von seinen italienischen Freunden mit Zynismus quittiert, denn sie schämen sich, Italiener zu sein. Ginsborg hingegen ist optimistisch. In seinem Essay Italien retten zeigt er auf, wie sich Italien erneuern kann. Das Originelle seines Denkanstoßes liegt darin, dass er die Ideen des Risorgimento aufgreift und sie als Reformvorschläge in die Gegenwart transferiert.

Eine unvollkommene nationale Einigung

Im 19. Jahrhundert, so Ginsborg, sei Italien ein Land gewesen, dessen Bürger eine ausgeprägte nationale Identität empfunden hätten. Eine geteilte Sprache, Kultur und Geographie hätten bereits seit Jahrhunderten den Wunsch nach einem Gesamtstaat befördert. Heute sei Italien zwar ein Staat, habe aber nur ein schwach ausgeprägtes Nationalbewusstsein. Dies liege daran, dass die Politik kompliziert und korrupt sei. Während vor 200 Jahren die Unzufriedenheit zur Rebellion geführt habe, werde sie heute von den meisten Italienern mit Zynismus und Apathie beantwortet – eine bedenkliche Entwicklung, so Ginsborg.

Wie der italienische Philosoph Antonio Gramsci, so sieht auch Ginsborg in der italienischen Staatsgründung einen fundamentalen Geburtsfehler. Es war eine Staatsgründung von oben, die jahrhundertealte Gesellschaftsstrukturen konservierte, anstatt selbige zu überwinden. Dies habe zu Korruption und Intransparenz geführt. Der Verfasser fordert daher eine Stärkung der kommunalen Selbstverwaltung im Lande, um die Politik im Lande volksnäher, transparenter und effizienter gestalten zu können.

Berlusconi – Personifikation italienischer Untugenden

Silvio Berlusconis Rücktritt war zum Zeitpunkt der Veröffentlichung von Italien retten noch nicht absehbar. Aber das Ende der Ära Berlusconi bedeute nicht gleich das Ende von Klientelismus, Nepotismus und fehlendem Rechtsbewusstsein. Ginsborg relativiert damit Hoffnungen auf schnelle radikale Veränderungen im Land.

Berlusconi habe den erfolgreichen Unternehmer in einem Land repräsentiert, in dem kleine Unternehmer stark präsent seien. Als derart konstruierte, geradezu mythische Vaterfigur habe man ihm lange viele „menschliche Fehler“ nachgesehen. Ginsborg wirft den Italienern nicht vor, wieso sie einen solchen „Typen“ gewählt hätten, sondern verallgemeinert die Frage. Der Medienunternehmer sei nicht nur ein Produkt Italiens, sondern der gesellschaftlichen Entwicklung post-industrieller Staaten im 21. Jahrhundert per se.

Positive Potenziale

Der Buchtitel verspricht Lösungskonzepte, und diese kann der Autor auch bieten. Ginsborg sieht in einer Kultur regionaler Selbstregierung, wie sie im 19. Jahrhundert von Carlo Cattaneo formuliert wurde, ein Element zur politischen Stabilisierung Italiens und zur Überwindung der Nord-Süd-Schere.

Noch wichtiger aber ist für ihn die Überführung der Außenpolitik des Nationalstaates in einen europäischen Rahmen. Ein vertieftes Europa ist für Ginsborg die zentrale Strategie zur „Rettung Italiens“. Die jüngsten EU-Beschlüsse zur Haushaltsdisziplin und die Europazentrierung der neuen Regierung unter Mario Monti sollten ihm deshalb wohl zusagen. Auch hier beruft sich der Autor wieder auf Cattaneo: „Italien wird dann frei sein, wenn die Vereinigten Staaten von Europa Wirklichkeit geworden sind“.

Bei den italienischen Konservativen wird diese These sicher nicht unwidersprochen bleiben. Ginsborg bietet allerdings Perspektiven für eine Erneuerung des Landes an, ohne die italienische Identität zu verletzen. Insgesamt bietet das in vier Kapitel unterteilte, 140 Seiten umfassende Bändchen einen beeindruckenden Zustandsbericht über die Gemütslage Italiens, der durch die historischen Vergleiche an Substanz gewinnt.

Paul Ginsborg: Italien retten
Berlin 2011, 144 Seiten
ISBN 978-3-8031-2655-9 , 10,90 Euro


Die Bildrechte liegen beim Wagenbach Verlag (Cover) und Grazia Neri (Porträt).


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