Die „Salvatorschlacht“ am Nockherberg

Bayern und das bayrische Bier – eine untrennbare Verbindung. So stark, dass sie sogar zur größten Schlägerei in der Geschichte des Starkbierfestes am Nockherberg geführt hat. Oder hatte die „Salvatorschlacht“ anno 1888 gar nichts mit dem Bier zu tun? Von Steven Carthy

Sodom und Gomorra mitten in München! Das dachten sich wohl die Passanten, die an jenem Frühjahrstag im März 1888 am Nockherberg vorbeigingen und die Maßkrüge fliegen sahen. An diesem 23. März nämlich trug sich die größte Schlägerei auf dem Starkbierfest am Nockherberg zu.

Rund 4000 Menschen sollen damals in eine wilde Schlägerei verwickelt gewesen sein, jeder gegen jeden und später jeder gegen das Militär. Nicht einmal die Gendarmen aus dem benachbarten Gefängnis am Neudeck am Fuße des Nockherbergs konnten die wütenden Streithähne zur Ruhe bringen. Erst eine 50 Mann starke Kompanie der Schweren Reiter, die säbelschwingend in die Bierhalle ritten, vermochte in den Morgenstunden des Folgetages die Raufbolde auseinanderzubringen. Doch wie kam es zu der verheerenden „Salvatorschlacht“?

Mythos „Salvatorschlacht“

Wie uns der Volksmund lehrt, ist Bier in Bayern ein Grundnahrungsmittel. Dass sich auf Festen wie dem Starkbieranstich am Nockherberg die ein oder andere Maß über den Durst genehmigt wird, dürfte dem geneigten Betrachter auch bekannt sein. Aber was der Auslöser für die Massenschlägerei war, darüber ranken sich bis heute verschiedene Mythen.

In der Bevölkerung Münchens soll damals der Unmut über die unter preußischem Einfluss überhandnehmende Arroganz des bayerischen Militärs groß gewesen sein. Ein geringfügiger Streit zwischen Zivilisten und Militärangehörigen soll an jenem Abend am Nockherberg das Fass zum Überlaufen gebracht haben.

Das revolutionäre Potential des Bierpreises

Aber kann solch ein kleiner Streit wirklich eine hinreichende Ursache gewesen sein? Sicher, es war viel Bier im Spiel. Und ja, das Bier hatte auch ganz sicher etwas mit der Schlägerei zu tun. Wie immer kann man in Bayern dem Bier eine Sonderstellung einräumen. So geht eine andere Theorie über den Auslöser der „Salvatorschlacht“ davon aus, dass die Bürger empört waren, weil der Bierpreis schon wieder gestiegen war. Denn in Bayern kam es – wie ein Blick in die Geschichtsbücher verrät – stets dann zu größeren Unruhen, wenn am Bierpreis geschraubt wurde.

Während eine Erhöhung des Brotpreises wegen der Rohstoffknappheit im Jahr 1844 noch von der Bevölkerung akzeptiert wurde, brachen am 1. März desselben Jahres aufgrund einer Bierpreiserhöhung um einen Pfennig Krawalle in der Münchner Innenstadt aus. Zweitausend Bürger stürmten damals die Münchner Brauereien und richteten erheblichen Schaden an. Schließlich lenkte Bayerns König Ludwig I. ein und nahm die Bierpreiserhöhung zurück. Historisch gilt dieser Aufstand als Vorbote der Märzrevolution von 1848, die ihrerseits am Anfang der Deutschen Revolution von 1848/49 stand. Im Bierpreis scheint also durchaus das nötige Potential zu stecken, eine Massenschlägerei zu starten.

„Cylinder, Cylinder!“

Ein anderer Erklärungsversuch sieht den Auslöser der Schlägerei in einem damals am Nockherberg verbreiteten Scherz. Beim Salvatoranstich, so ein Chronist, war der Zylinder „als Salonhut verpönt“. Sobald ein aufgebrezelter Herr mit Zylinder im Bierkeller gesichtet wurde, ertönte es „Cylinder, Cylinder!“ und der Hut wurde dem Herrn vom Kopf gestohlen und zum „allgemeinen Gaudium“ für vogelfrei erklärt.

Ein solches Vorkommnis soll also an jenem schicksalhaften Tag im März 1888 die Schlägerei ausgelöst haben. Wie es sich damals nun tatsächlich zugetragen hat, darüber lässt sich heute nur spekulieren. Sicher aber werden alle hier vorgebrachten Einflüsse ihren Teil dazu beigetragen haben, dass der Schwellenwert überschritten wurde.

Über Konsequenzen, die aus der Schlägerei gezogen wurden, ist leider nur wenig bekannt. Auch gibt es keine Zahlen über Verletzungsopfer und entstandene Sachschäden. Eine Folge aber, die man auch heute noch auf Bayerns Volksfesten spüren kann, ist die erhöhte Polizeipräsenz. Denn am Tag der „Salvatorschlacht“, so steht es in verschiedenen Quellen geschrieben, soll nur ein einziger Polizeibeamter vor Ort gewesen sein, als die Rauferei begann. Vielleicht ist das ja auch der Grund dafür, dass es heutzutage in München von Polizisten nur so wimmelt.

Dieser Artikel ist Teil des Dossiers Nockherberg 2012.


Die Bildrechte liegen beim Autor (Zitat) oder sind gemeinfrei (Salvator-Ausschank, Schwere Reiter).


Weiterführende Literatur und Links:

Hermann Wilhelm: In der Münchner Vorstadt Au. München Verlag 2003.

Herbert Burger: Der Skandal am Nockherberg. Von der Bierschlacht anno 1888 und anderen Tumulten dieser Art. In: Charivari. Kunst – Kultur – Leben in Bayern. Nr. 3, März 1988. S. 21-25

Friedrich Engels über die Bier-Revolte in Bayern


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