Die Renaissance der Skepsis

Wer hat recht – die Klimaskeptiker oder der Mainstream? Es ist höchste Zeit, wieder mehr Demokratie zu wagen. Insbesondere im Klimadiskurs, der in den letzten Jahren sehr einseitig geführt wurde. Ein Kommentar von Carsten Rehbein

In der Debatte um die globale Erwärmung scheint es wieder einmal eine Renaissance der Klimaskepsis zu geben. Verantwortlich dafür zeichnen die Thesen des Vorstandsvorsitzenden von RWE Innogy, Fritz Vahrenholt, die dieser in seinem neuen Buch Die kalte Sonne: Warum die Klimakatastrophe nicht stattfindet verbreitet. Er wird dabei unterstützt von einer Kampagne der Bild, die das Buch unter der Überschrift „Die CO2-Lüge“ ankündigt – selbstverständlich ohne Fragezeichen.

Worum es wirklich geht

Es wird darüber diskutiert, inwiefern Vahrenholts Thesen der Wahrheit entsprechen. Da die Erforschung des Klimawandels oft spekulativ ist und mit Prognosen operiert, die riesige Zeitintervalle umfassen, ist oftmals nur schwer festzustellen, was Ursache und was Wirkung der globalen Erwärmung sind.

Wie schon der Titel Die kalte Sonne suggeriert, machen Vahrenholt und Co-Autor Sebastian Lüning Sonnenzyklen für die jetzige Erderwärmung verantwortlich und gehen entgegen dem wissenschaftlichen und öffentlichen Mainstream davon aus, dass die Sonnenaktivität stark abnehmen und zu einer Abkühlung oder zumindest zu keiner weiteren globalen Erwärmung führen werde.

Spannend ist in diesem Kontext aber eine ganz andere Frage: Wie sollen die Öffentlichkeit und der wissenschaftliche Mainstream, der insbesondere vom Weltklimarat IPCC, aber auch von Apologeten der Klimakatastrophe wie Al Gore vertreten wird, mit Skeptikern und Leugnern des Klimawandels, sogenannten „Contrarians“, im Klimadiskurs umgehen?

Ein demokratisches Klima?

Sie zu ignorieren und totzuschweigen ist der falsche Weg. In unserem medialen Zeitalter verhälfe ihnen das wohl zu mehr Aufmerksamkeit in bestimmten Kreisen, da sie sich dort als unterdrückte Minderheit gerieren können. Skeptiker und Leugner des Klimawandels sind meist in der politischen Rechten und in einem wirtschaftsnahen Umfeld zu finden. Insbesondere in den USA verfügen sie über einflussreiche Think Tanks wie das Heartland-Institute, die über große Geldströme verfügen und Repräsentanten der Republikanischen Partei um sich scharen. Newt Gingrich und Mitt Romney sehen in der Mainstream-Klimapolitik linke bis kommunistische Tendenzen. Sie haben demnach ein bestimmtes Erkenntnisinteresse, wie es auch bei Vahrenholt zu vermuten ist. Er ist der Ansicht, der Ausbau erneuerbarer Energien könne aufgeschoben werden, was der Politik von RWE entgegenkommt, da der Energieriese mit 3% an erneuerbaren Energien weit hinten liegt. Der bundesweite Durchschnitt beträgt 15%.

Die Klimaskeptiker führen jedoch nicht nur einen ideologischen Kampf, sondern decken auch das ein oder andere Mal Fehler und wissenschaftliche Ungenauigkeiten auf. Der britische Autor und Klimawandelskeptiker Richard A. E. North hat herausgefunden, dass der Vorsitzende des IPCC, Dr. Rajendra K. Pachauri, Forschungsgelder aufgrund falscher Prognosen aufgetrieben hatte. Der IPCC behauptete 2007 in einem Bericht, dass im Himalaya die Gletscher bis 2035 verschwinden würden, was sich als wissenschaftlich vollkommen haltlos erwies, wie selbst Wissenschaftler des IPCC zugeben.

Solche Irrtümer stellen die Legitimation des IPCC nicht gänzlich infrage. Sie zeigen vielmehr, dass Diskurse bis zu einem gewissen Grad auch für Andersdenkende mit bestimmten Erkenntnisinteressen geöffnet werden müssen, soweit deren An- und Absichten gut begründet werden können. Auch ökonomische Aspekte haben ihre Berechtigung im Klimadiskurs – so schwer dies für einige anzuerkennen sein mag.

Gefährliche Ökonomie des Klimawandels

Gefährlich wird es jedoch, wenn ausschließlich ökonomisch argumentiert wird. Björn Lomborg vom Copenhagen Consensus Center, einer der virulentesten Kritiker einer Klimapolitik, die die Wurzeln des Klimawandels bekämpfen möchte, geißelt den IPCC wie zuvor schon das Kyoto-Protokoll. Das 2-Grad-Ziel zu erreichen, wonach die Temperatur im Vergleich zu 1850 lediglich um 2 Grad ansteigen dürfe, sei zu kostspielig. Günstiger sei es, die Folgen des Klimawandels zu bekämpfen: Flüchtlinge von Inseln aufzunehmen, hohe Dämme zu bauen, Technologietransfer zu betreiben oder gar auf Geo-Engineering-Projekte zu hoffen.

Kritiker wie Lomborg sind voll und ganz im neoliberalen Spektrum verhaftet und verkennen erstens, dass wissenschaftlicher und ökonomischer Mainstream nicht unbedingt gut zueinander passen, und zweitens, dass sich nicht alle Probleme ökonomisch lösen lassen. Tim Jackson weist in seinem großartigen Buch Wohlstand ohne Wachstum darauf hin, dass erst unsere ökonomische Wachstumsideologie zur heutigen Klimasituation inklusive Ressourcenverschwendung geführt habe. Die Fortsetzung dieses Wachstumsdenkens ist aber nicht nur schädlich für das Klima und für unsere natürlichen Ressourcen, sondern in der Folge auch für das Zusammenleben der Menschen. Aus „Fremdzwang wird Selbstzwang“ und Wachstum wird schnell zur Ideologie. Man muss den Skeptikern des Klimawandels deutlich machen, dass sich bei der globalen Erwärmung nicht alles um die Natur und die Wissenschaft und schon gar nicht um die Wirtschaft dreht, sondern um die Grundlagen der modernen Gesellschaft.

Ein neues Narrativ

Wir sollten daher wieder in größeren Maßstäben denken. Die Gefahr eines Politikers, nicht mehr wiedergewählt zu werden, oder die Gefahr eines Vorstandschefs börsennotierter Energiekonzerne, schlechte Quartalszahlen vorzulegen, lassen langfristiges Handeln zwar unerreichbar erscheinen. Die Fragen, in welcher Gesellschaft wir zukünftig leben wollen und wie diese Gesellschaft demokratisch „gesteuert“ werden soll, müssen aber gestellt werden. Die globale Erwärmung und der CO2-Anstieg haben schon jetzt sowohl positive als auch negative Folgen.

Der Klimawandel könnte mittelfristig zu Klimakriegen führen, wie Harald Welzer in Klimakriege: Wofür im 21. Jahrhundert getötet wird ausführt. Das sind gravierende Ereignisse, die sogar ohne die globale Erwärmung vor sich gehen, von dieser jedoch verstärkt werden können. Daher besteht die überwältigende Aufgabe für alle – ob Mainstream-Wissenschaftler, Skeptiker oder aufgeklärter Bürger – darin, das Thema Klimawandel in ein Narrativ einzubetten und das Projekt Aufklärung fortzuschreiben. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Alle Beiträge von Kritikern klassischer Klimawissenschaft und Klimapolitik sollten dabei im Klimadiskurs integrativ, aber kritisch begutachtet werden. Ob sie letztlich wissenschaftlichen Standards und der öffentlichen Meinung standhalten, ist stets zu überprüfen. Sie ungehört abzulehnen stellt keine Option dar, da dies zu Konfrontation anstatt zu tragfähiger Wissenschaft und vernünftiger demokratischer Klimapolitik führt. Leugnern des Klimawandels und Katastrophentheoretikern bleibt nur die Zukunft als Beweis.


Die Bildrechte liegen bei NASA’s Marshall Space Flight Center (Gletscher; CreativeCommons).


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