Opfer der zweiten Generation

Was haben die Deutschen nur gegen Israel? Anna-Patricia Kahn, Tochter von jüdischen Holocaust-Überlebenden, treibt diese Frage auf eine Reise in den Nahen Osten – noch während des Krieges gegen die Hisbollah. In einer Reportagensammlung zeichnet die Autorin ein gefühlvolles Stimmungsbild. Von Rebecca Sierig

Anna-Patricia Kahn hat mit Die Sache zwischen uns eine Kollage aus Reportagen geschaffen, die verstört, die den Leser in einen Strudel bestürzender Gedanken, bewegender Gefühle und unglaublicher Schicksale zieht, von dem er sich so schnell nicht erholt.

Ihr Anliegen changiert im Laufe des Buches. Anlass es zu schreiben, waren die Reaktionen ihrer Mitmenschen bei Ausbruch des Krieges zwischen Israel und der Hisbollah im Juli 2006. In die Angst, die die jüdische Autorin angesichts der Auseinandersetzungen empfand, mischte sich eine immer größere Wut. „Wut, wenn Freunde und Fremde feindliche oder moralisierende Aussagen über das Verhalten Israels von sich gaben.“

Reise in die Grenzgebiete Israels

Die starken Gefühlswallungen und Äußerungen wie: „Könnt ihr diesen Olmert nicht stoppen?“ trieben sie zu einer Reise in den Nahen Osten. Sie zog aus, um den Menschen in Europa ein Bild dieser Region zu vermitteln, das nicht nur schwarz und weiß ist. Sie sprach mit Juden und Arabern, mit Soldaten und Zivilisten, mit jungen und alten Menschen über ihr Leben in der Kriegszone. Ihre Reise führte sie aber nicht nur in die Grenzgebiete Israels, sondern auch in ihre eigene Vergangenheit und „mitten in den Konflikt zwischen Israelis und Arabern, Juden und Deutschen. Und zu der Sache zwischen uns. (…) Diese altneue Sache, diese ‚Chose‘, die uns nicht zur Ruhe kommen lässt.“

Als Tochter jüdischer Eltern, die nur mit viel Glück die Greuel der Shoa überlebt haben, war Kahn von jeher gezwungen, sich mit dieser „Chose“ auseinanderzusetzen. Die Mutter hatte ihr immer und immer wieder von der eigenen Deportation berichtet und damit tiefe Spuren in der Autorin hinterlassen. Mauern sind entstanden zwischen Mutter und Tochter, die ewig bestehen würden. So wie Kahn erging und ergeht es wohl unzähligen Menschen, deren Eltern oder Großeltern den Holocaust überlebt haben und nun versuchen, mit den unvorstellbaren Erlebnissen fertig zu werden. Kahn lässt spüren, dass die Verbrechen der Nazis für viele Menschen bestürzend gegenwärtig sind.

Das jüdische Volk darf auch Fehler machen

Kahns Reise in den Nahen Osten ist auch eine in die eigene VergangenheitSie stehen zwischen den Generationen, die den Holocaust als Kapitel ihres Geschichtsbuches kennen und denen, die noch immer mit seinen Folgen kämpfen. Jenen fällt es bisweilen leicht, den Israelis vorzuwerfen, sie hätten nichts aus der Geschichte gelernt, wenn sie ihre Nachbarländer und Regionen angreifen und die Palästinenser unterdrücken. Wenn Menschen so viel gelitten haben, wie das jüdische Volk im 2. Weltkrieg, „wie oft bleibt (…) nicht mehr als ein traumatisiertes Wesen zurück, das sich mit allen Mitteln gegen mögliche weitere Schläge zu schützen versucht.“ Schläge, die die Hisbollah den israelischen Zivilisten durch ihre Raketenangriffe erteilt und gegen die sich der Staat vehement zur Wehr gesetzt hat.
Es ist weder Kahns Absicht, den Einmarsch der Israelischen Armee in den Libanon zu rechtfertigen noch Übergriffe auf die palästinensische Bevölkerung in Israel zu entschuldigen. Ihr geht es vielmehr darum, klarzustellen, dass das jüdische Volk nicht die Pflicht hat, sich tadellos zu verhalten, wie es aus dem Munde manch zynischen Europäers tönt.

Die Autorin zeichnet in ihren Reportagen ein Bild von Israel, das seine Bewohner in den Vordergrund rückt und dadurch viel echter und genauer als das der Medienwelt erscheint. Individuelle Schicksale lassen verstehen, lassen mitfühlen und heben dem Leser die Schwarz-Weiß-Brille von der Nase, durch die er womöglich auf den Nahen Osten geblickt hat.

Kahns Buch ist keines, nach dessen Lektüre man sich bequem zurücklehnt. Es ist keines, das Klarheit verschafft. Es ist ein äußerst aufreibendes Werk, das an vorgefertigten Meinungen rüttelt, das Unangenehmes und Schmerzliches zu Tage fördert. Und genau deshalb ist es auch so wichtig. Denn nur so können wir die Sache, die zwischen uns steht zu einer Sache machen, die uns einander näher bringt. Indem wir sie thematisieren, indem wir „die Erinnerung an die Gorgonen des 20. Jahrhunderts teilen, die Schmerzen der Vergangenheit gemeinsam in der Gegenwart aushalten.“

Anna-Patricia Kahn,
Die Sache zwischen uns. Israel, die Juden und die Deutschen,
(2007), Droemer Verlag, München 2007,
192 Seiten, ISBN: 3426274264, 14,90 Euro


Die Rechte für das Buchcover liegen beim Droemer Verlag. Bild 2 unterliegt der Creative-Commons-Lizenz (E-NoStress/flickr).


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