Politischer Karneval. Gibt es das?

Millionen Menschen feiern dieser Tage im Rheinland wieder Karneval, oder je nach Region auch Fastnacht oder Fasching. Aber ist der Karneval auch heute noch so politisch relevant, wie er es in seiner langen Geschichte manchmal war? Von Christian Vey

Fröhliche Festivitäten wohin das Auge schaut. In den Kneipen und Sälen entlang des Rheins tobt schon seit Wochen der Karneval. Am letzten Wochenende vor der Fastenzeit darf er endlich auch auf die Straße. Eine Zeit zum Lachen, Singen und über die Stränge schlagen. Und auch die Zeit, um den Politikern zu zeigen, was das Volk so von ihnen hält. In Büttenreden, Spottliedern und auf den Motivwagen der Rosenmontagszüge werden sie zurechtgestutzt, verhohnepipelt und getriezt.

Die Ziele der Spötteleien selbst sind immer in der ersten Reihe mit dabei. Für Politiker ist Karneval ein Pflichttermin. Lokale Polit-Größen hetzen von einem Empfang zum nächsten, winken von Umzugswagen und verleihen oder erhalten Orden. Der Kölner Oberbürgermeister und seine Amtskollegen in den anderen Rhein-Metropolen dürften einen ganzen Schrank für die Uniformen der vielen Karnevalsgesellschaften brauchen, denen sie ihre Aufwartung machen.

Zu Gast bei Freunden

Besonders wichtig ist es, den Prunksitzungen beizuwohnen. Dieses Terrain ist nicht allein der Kommunalpolitik überlassen, sondern hier übertrumpfen sich auch Landes- und mitunter sogar Bundespolitiker gegenseitig mit fantasievollen Kostümen. Am liebsten tun sie das natürlich, wenn das Fernsehen dabei ist.

Es ist ein Geben und Nehmen. Die Politiker haben Gelegenheit, sich bürgernah und volkstümlich zu zeigen, die Karnevals- und Fastnachtsgesellschaften schmücken sich mit den prominenten Gästen. Für einen Ministerpräsidenten im Publikum nehmen die Karnevalisten auch gerne in Kauf, dass aus der Bütt nicht mehr gar so scharf geschossen werden darf. Ein Paradebeispiel ist die bekannte TV-Sitzung „Mainz bleibt Mainz“. Bereits zweimal zog sich die Traditionsgruppe der „Hofsänger“ von der Veranstaltung zurück, weil ihre politischen Einlagen von der Sitzungsleitung gestrichen worden waren.

Der Karneval ist längst domestiziert und Teil der Unterhaltungsindustrie geworden. Die gerne propagierte Verkehrung von „unten“ und „oben“, die Übernahme der Regierung durch die Regierten in der „fünften Jahreszeit“, findet auch symbolisch kaum noch statt. Denn an der Spitze der Erstürmungen der Rathäuser am 11.11. stehen stets Persönlichkeiten, denen die Türen zur Macht ganzjährig offen stehen. Die Übergänge zwischen dem Spitzenpersonal der närrischen Vereine und den politischen Amtsträgern sind fließend.

Karneval als Gefahrenherd

Doch Karnevalisten und Politiker gingen nicht immer so harmonisch miteinander um. In der langen Geschichte des Karnevals gab es auch Perioden, in denen das bunte Treiben von unterschiedlichen Regierungen mit Misstrauen beäugt, zeitweise sogar verboten wurde. Besonders Napoleon, der das Rheinland Ende des 18. Jahrhunderts besetzt hielt, waren Maskerade und närrischer Spott nicht geheuer. So mussten zwischen 1795 und 1803 die Feierlichkeiten auf der Straße komplett ausfallen.

Nach dieser Verbotsphase startete der Karneval allerdings erst richtig durch. Waren die Feste vorher private Veranstaltungen der Oberschicht oder spontane Zusammenkünfte gewesen, traten in den 1820er Jahren die ersten reinen Karnevalsvereine auf den Plan. Mit ihren Uniformen parodierten die „Funken“ und „Garden“ die ehemaligen Besatzer aus Frankreich, vor allem aber deren Nachfolger. Denn nach dem Wiener Kongress 1815 stand das Rheinland unter preußischer Verwaltung und der steife Militarismus der Borussen war ein beliebtes Ziel karnevalistischen Spotts.

Karnevalistische Revoluzzer

In dieser Zeit erlebte der Karneval die Phase seiner stärksten Politisierung. Die allgemeinen Strömungen der Säkularisierung, Liberalisierung und Pluralisierung bündelten sich überall in Deutschland in Vereinen. Im Rheinland sammelten sich Revolutionäre und Demokraten eben in den Karnevalsgesellschaften. Sie spielten eine wichtige Rolle im Kampf gegen die Zensur und boten eine Plattform für politischen Protest. Denn in äußerlich dem Frohsinn gewidmeter Runde und hinter der Narrenmaske verborgen, fiel es leichter, politische Forderungen zu stellen. Bis heute besteht man in Köln darauf, dass die jecke Zahl ELF auch für die Parole der Revolution stehe: E für Egalité (Gleichheit), L für Liberté (Freiheit) und F für Fraternité (Brüderlichkeit).

Der revolutionäre Geist schwand im Karneval aber im gleichen Maße, wie er in der Bevölkerung allgemein zurückging. Schon bald waren die Karnevalsvereine eher darauf bedacht, Persönlichkeiten aus den staatlichen Institutionen für sich einzunehmen. Genau wie heute wurden diese zu Ehrenmitgliedern ernannt oder als Ehrengäste auf Versammlungen begrüßt und in die Festgestaltung miteinbezogen. Schon in den 1860er Jahren wurden dann die ersten Festumzüge mit Steuergeldern bezuschusst, weil sie Potenzial für den Fremdenverkehr versprachen.

Spätestens mit der Reichsgründung waren jegliche revolutionäre Ambitionen verschwunden. Der Karneval ließ sich von der allgemeinen nationalen Begeisterung anstecken. Eine Rolle im Widerstand gegen den Nationalsozialismus spielten die Karnevalisten auch nicht – selbst wenn mancher dies gerne herbeigeredet hätte. Eine Ausstellung des NS-Dokumentationszentrums Köln macht eher das Gegenteil deutlich.

Mehr Fest der Politik als politisches Fest

Aus der Geschichte wird deutlich, dass Karneval in Deutschland stets den Zeitgeist reflektierte. In der Bundesrepublik müssen Rede-, Meinungs- und Versammlungsfreiheit nicht mehr erstritten werden. Wer Kritik an den Mächtigen äußern will, muss sich nicht hinter einer Maske verstecken. So dient der Karneval heute vor allem wieder der Zerstreuung und beschränkt sich bei politischen Meinungsäußerungen auf harmlosen Klamauk und Allgemeinplätze – auch wenn sich ein Büttenredner mal im Ton vergreift und kleinere Skandale nicht ausbleiben. Als Forum eines echten politischen Diskurses kann der Karneval aber nicht mehr dienen, und er will es auch nicht. Politische Bedeutung hat er nur als Bühne und Kontaktbörse des Establishments. Als gesellschaftliches wie mediales Großereignis und beachtlicher Wirtschaftsfaktor hingegen hat der Karneval weiter Relevanz.


Die Bildrechte liegen bei Angela Kirschbaum (Wulff; Creative Commons; unter Verwendung von Bildern von DILDaniel Åhs Karlsson und Rainer Knäpper), der Konrad-Adenauer-Stiftung (Adenauer; Creative Commons) und beim Autor (Karnevalswagen) bzw. sind gemeinfrei (Kölner Funken).


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