Moment mal!

Hier hat Mitt Romney (rechts) das Kinn vorn, im Vorwahlkampf der Grand Old Party aber noch die Nase.

Es ist in aller Munde im US-Vorwahlkampf: das Momentum. Bei jeder neuen Etappe im Vorwahlkarussell verspricht es Spannung und überraschende Wahlergebnisse. Dabei offenbart es nur die bizarre Logik einer zur plumpen Castingshow verkommenen, abgekarteten Farce. Ein Kommentar von Markus Rackow

George Clooneys Politthriller „The Ides of March“ wirft einen Blick hinter die Kulissen eines fiktiven Vorwahlkampfes. Dabei steht aber, von meist positiven Rezensionen übergangen, vor allem das schmutzige Räderwerk hinter den Kandidaten im Vordergrund, während der Kandidat halbwegs unbedarft wegkommt. Abseits dramaturgischer Logik zeigt diese Marionettenhaftigkeit aber durchaus das wahre Gesicht des Vorwahlkampfes, in dem nicht Argumente, oder Charisma wie noch 2008 bei Barack Obama zählen: Der Sieger braucht die bessere Vernetzung mit sich vorerst in anonymer Sicherheit wiegenden Geldgebern in Form der PACs (Political Action Committee) und muss nur an der Reihe sein, vom berüchtigten Momentum erfasst zu werden.

Rick Perrys Ausscheiden und die Wahlempfehlung für Newt Gingrich etwa sollte dessen Kampagne zusätzliches „Newt-mentum“ geben, Wind in die Segel blasen. Mit anderen Worten: Das Rudel soll dem aktuellen Alphatier hinterherlaufen. Mit Gingrichs Sieg in South Carolina sei das Rennen wieder offen, heißt es – als ob es das nicht die ganze Zeit wäre. Das Momentum ist ein Mythos, eine sich selbst verstärkende und selbsterfüllende Prophezeiung, dem in allen US-Vorwahlkämpfen und Präsidentschaftswahlen gehuldigt wird. Er offenbart ein Maß an Unmündigkeit, der nur noch von der Phalanx an Populismus, Heuchelei und abgeschmackter Rhethorik der Mehrheit der Republikanischen Kandidaten überboten wird. Nicht Argumente werden abgewogen, sondern politische Meteorologie auf Bauernregelniveau betrieben.

Die Magie des Moment(um)s

Ein Kandidat hält nicht das Fähnchen nach dem Wind, sondern nach dem Moment, um sich nicht dem Vorwurf des „flip-flopping“ auszusetzen, der dem in politischen Kernthemen wie Gesundheitspolitik und Schwulenehe wankelmütigen Mitt Romney wie Kaugummi an der Ferse klebt. Es scheint ratsam, auf eine bessere persönliche Konjunktur zu setzen. Der Rückenwind des Momentums, der die Kandidaten im Fahrerfeld vorpreschen lässt, ist so magischer Natur, dass Windschattenfahren unmöglich ist.

Wird trotz unkonservativer Eheführung von neuen Momentum getragen: Stehaufmännchen Newt Gingrich hat gut lachen.

Damit das Momentum nicht nur einen Moment, sprich Augenblick, dauert, sondern ein Moment im Sinne von Bewegung, Dynamik, Dreh-moment darstellt, muss man seine Dynamik erfassen. Sein Auftauchen ist unberechenbar, aber es gibt durchaus Regelmäßigkeiten: Sobald Presse und Meinungs(forschungs)institute Morgenluft für einen Kandidaten wittern, nehmen die Kampagnenzentralen der Opponenten die Fährte auf und fangen zu buddeln an: in den Abgründen des Kandidaten, so es sie denn gibt. Die Eigendynamik des Momentums kann nur unterbrochen werden, wenn genug Schmutz das Getriebe verstopft.

Nebenwirkung des schwachen Kandidatenfeldes

Wird es besonders oft beschworen, hält es also nur einen Moment, so deutet das Momentum auf ein schwaches oder stark zersplittertes Bewerberfeld hin. Es ist aber auch Indiz für den verstärkten Einfluss derer, die das Moment schaffen, indem sie teils fragwürdige Umfragebewegungen und lokale Zuhörerscharen durch Berichte lautstark beobachten oder den Aufschwung als gute Story in Szene setzen, des Dramas wie in einer Casting-Show wegen. Dabei kann jeder sein oder seinen Moment haben: der für Republikanische Maßstäbe liberale Jon Huntsman in New Hampshire, wo es aber zu spät einsetzte; der katholisch-konservative Rick Santorum Tage vor dem Caucus, jener Kaffeeklatschmeierei in Iowa, aber trotz konservativ-christlichem Unterstützungsaufruf nicht in South Carolina; das elitäre Politurgestein Newt Gingrich, das mit Populismus und Krawall den ressentimentgeladenen Mob eben dort anstachelte. Alle hoff(t)en durch vermeintlich das berüchtigte, angeblich volksnahe Klinkenputzen, aber doch angewiesen auf die Schaltzentralen und Antennen der Massenmedien und Umfrageinstitute, das Ruder im letzten Moment noch einmal zu Gunsten des wahren Konservatismus, sprich: zu ihren eigenen, herumzureißen.

Die Häufung de- und reklamierter Momentums ist sinnfällig für das Auf und Ab an hoffnungsvollem Klammern an und Enttäuschungen über Kandidaten. Getreu dem Motto, dass jeder etwas Dreck am Stecken hat, wühlen sich mit dem Anschein der Unabhängigkeit schmückende Super-PACs durch die schmuddeligen Ecken und stinkenden Hinterhofcontainer der Kandidaten. Die harmlosen Bürgervereinen klingenden PACs können unbegrenzt Spenden eintreiben, ihrer Kreativität bei Wahlwerbung für oder gegen Kandidaten sind keine Grenzen gesetzt – auch nicht die des guten Geschmacks. Millionenschwere Werbeaktionen und TV-Clips kommen ohne das verpflichtende „I approve this message“-Siegel aus. Das tun die indirekten Profiteure zweifellos – aber hinter vorgehaltener Hand, dürfen sie doch keine offensichtliche Verbindung mit den PACs haben, was Vertraute nicht hindert, „freiwillig“ einen solchen Spendenstaubsauger mit defektem Filter und rissigem Beutel zu gründen.

Schlammschlacht mit sauberen Jackets

Auf den Fall des einen Kandidaten folgt automatisch der nächste Adept auf den Titel ,Hoffnungsträger der Parteirechten’. Der gesunkene Stern muss dennoch nicht vom Kandidatenhimmel verschwinden: Die PACs ermöglichen die Fortsetzung andernfalls aussichtsloser oder beinahe gescheiterter Kandidaturen wie etwa die Newt Gingrichs. Trotzdem scheint der Kandidat mit den meisten direkten oder indirekten Geldern zu gewinnen – nur eben mit allgemein höherem Geldeinsatz. Als lachender Dritter bleibt, ohne zwangsläufig aus eigener Kraft oder als Obama-Alternative zu glänzen, der 2008 gegen John McCain gescheiterte Mitt Romney zurück.

Romney ist der momentumsfreie Kandidat, der überall knapp oder beinahe vorne liegt – trotz rechter Kapitalismusschelte und gegen ihn in Gang gesetzter Schlammlawinen. Ähnliches Beharrungsvermögen offenbart der außer Konkurrenz laufende Ron Paul, dem in Iowa auch mal ein Moment zugesprochen wurde. Er ist der ultralibertäre Außenseiter, Kriegs- und Staatsgegner in einem. Das kommt bei den pseudo-moralinsauren, sozial- und steuerstaatsfeindlichen, das Militärbudget aber unangetastet lassenden Republikanern anno 2012 nicht gut an. Die Tea Party ist tot – es lebe die Tea Party, deren wutbürgerliche Thesen die Republikaner ideologisch unterwandert haben.

Trotz Moos nur Los

Postwendend, aber zu spät zum vorläufigen Sieger von Iowa erklärt: der ehemalige Senator Rick Santorum.

Kann die PAC-gesteuerte Werbemaschinerie noch der Suggestion geziehen werden, ist das Momentum ein kollektiver, medial bloß angefachter Irrsinn: Jeder weiß latent, dass es ein Medieneffekt ist, aber dennoch wird ihm gefrönt. Auch logischer Unfug ist die Tautologie, dass wenn ein Kandidat im liberalen New Hampshire gewinnt, damit nur deshalb seine Siegeschancen im dem sehr konservativen Bible-Belt zugehörigen South Carolina steigen, weil er in New Hampshire gewonnen hat. Dabei sagen Siege in diesen winzigen Staaten mit höchst eigenwilligen Einwohnern wenig über Qualitäten als landesweiter Kandidat aus. Dieses Aufspringen auf den Zug ist nichts als das ekstatische, politisch inhaltsleere Scharen um einen selbst erzeugten Kompromiss. Die späte Korrektur des knappen Romney-Sieges in Iowa, wo laut Neuzählung nun Santorum die Nase vorn zu haben scheint, kommt zu spät. Nur neun Stimmen mehr und das mythische Narrativ der Serie an Siegen für Romney wäre gebrochen.

Dank dieser Logik bestimmen letztlich meist – nun auch polemisch gesprochen – einige Bauern und reiche Neuengländer über Präsidentschaftskandidaten. Diese von Ausnahmen wie Obamas spätem Vorwahlsieg 2008 nur selten gebrochene, anachronistische Tradition befeuert das Momentum: Es ist der Fetisch der durch die Massenmedien genährten Sensationslustigen und mit Siegeschancen argumentierenden Kampagnenbüros. Die Wähler wissen es besser, aber sie glauben es.

Gleichwohl gehört wie bei Machiavellis „Principe“ zweierlei zum politischen Erfolg: Neben Fortuna, der Schicksalsgöttin, die ein historisches Fenster, ein(en) Moment öffnet, zählt auch Virtu, also Tugend und Geschick dazu: Wenn die jedem Kandidaten abgeht, nimmt es kaum Wunder, dass Fortuna zum verborgenen Vorkönigsmacher und eine das Urteilsvermögen der breiten Masse vernebelnde Maschinerie bestimmend wird. Blendwerk und Gepolter zuzujubeln ist seit dem Schisma der vor Gericht entschiedenen Wahl 2000 der nächste Tiefpunkt der amerikanischen Demokratie.

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Die Bildrechte liegen bei DonkeyHotey (Karikatur) und Gage Skidmore (Santorum und Gingrich).


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