Mafia für Anfänger

Nach den aufsehenerregenden Morden an den Anti-Mafia Staatsanwälten Giovanni Falcone und Paolo Borsellino war es Mitte der 90er ruhiger um die Mafia geworden. Bis der Müllskandal in Neapel 2006 und die Duisburg-Morde 2007 die Problematik Mafia zurück an die Öffentlichkeit brachten. Ein gutes Jahr später veröffentlicht die Journalistin Petra Reski ein Buch, das zwar einen umfassenden Überblick über das System Mafia bietet, aber mit wenig Neuem aufwartet. Von Sarah Kringe

Ihr Interesse für die Mafia verdankt Petra Reski dem Roman „Der Pate“, der sie als Jugendliche so sehr beeindruckte, dass sie ihr journalistisches Wirken größtenteils der Erforschung und Dokumentation der verschiedenen Clans und Systeme widmete. Die Deutsche lebt in Italien, wo sie Informationen für ihre Reportagen über jene kriminellen Vereinigung sammelt, die sowohl Wirtschaft als auch Politik in Italien seit jeher fest im Griff hat. In Mafia. Von Paten, Pizzerien und falschen Priestern hat sie ihr großes Wissen über die Mafia zusammengetragen. Entstanden ist so eine Kombination aus Sachbuch und Roman, die nicht nur die wichtigsten Fakten über die Mafia präsentiert, sondern auch persönliche Erlebnisse und Begegnungen verarbeitet.

Reise durch das Reich der Mafia

Die Kapitel in Reskis Buch sind nach Personen und Ortschaften benannt. Von Palermo aus nimmt sie den Leser mit in die Mafia-Dörfer Corleone in Sizilien, über San Luca in Kalabrien bis Neapel. Auf diesen Stationen erzählt Reski von ihren Begegnungen mit Paten, Geistlichen, Mafia-Ehefrauen, Fahndern und Politikern, und zeichnet dabei ein umfassendes Bild des Phänomens Mafia. Sie verknüpft alte mit neuen Ereignissen und die Erzählstruktur des Buches zieht den Leser schnell in ihren Bann.

Im Süden nichts Neues?

Leider ist der Informationsgehalt für den, der sich im Vorfeld schon mit Organisation und Struktur der Mafia auseinandergesetzt hat, relativ niedrig. Reski greift Geschehnisse auf, die in der Öffentlichkeit großes Aufsehen erregten, aber es gelingt ihr selten, über die übliche Medien-Berichterstattung hinaus zu informieren. Was sie zu den Morden in Duisburg, dem Müllproblem in Neapel oder den mafiösen Beziehungen des italienischen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi zu sagen hat, übersteigt kaum den Informationsgehalt von großen Tages- oder Wochenzeitungen. Dass die Mafia in Sizilien sich Cosa Nostra, in Kalabrien ‚Ndrangheta, in Neapel Camorra und in Apulien Sacra Corona Unita nennt, dürfte ebenso bekannt sein wie ihre globalen Aktivitäten. Die Verstrickungen in den Drogen- (vor allem mit Südamerika), Waffen- und Menschenhandel, Korruption und Geldwäsche sind lange aufgedeckt, ebenso wie die tiefe Religiosität der Mafiosi, die starken Familienbande und die andauernden Fehden der Clans untereinander.

Die Macht der Frauen

Bemerkenswerter sind dagegen die Nebenfiguren und die kleinen Ereignisse und Schicksale, die die Autorin immer wieder einfließen lässt. Sie erzählt beispielsweise von Rosaria Schifani, der Witwe eines Leibwächters des ermordeten Staatsanwaltes Paolo Borsellino, die auf der Beerdigung Falcones ihre Wut auf die Mafia herausgeschrien hatte. Sie berichtet von Rita Atria, die sich als siebzehnjähriges Mädchen das Leben genommen hat, weil sie die Mafiaverwicklungen ihrer Familie nicht mehr ertrug.

Überhaupt kommen bei Reski immer wieder die Frauen zu Wort, ob es nun die Mafia-Anwältin Rosalba Di Gregorio oder Antonietta Bagarella, die Ehefrau des inhaftierten Bosses Totò Riina ist. Deren Geschichten greift die Autorin ebenso auf wie die von Rita Costa, der Witwe des ermordeten Staatsanwaltes Gaetano Costa. Es sind diese kleinen Geschehnisse und Personen, von denen das Buch lebt und die es lesenswert machen und die zeigen, dass die Mafia keine Männerdomäne ist und auch niemals war.

Finanzparadies BRD

Auch für den Mafiakundigen findet sich hin und wieder noch die ein oder andere neue, originelle Information. So schildert Reski unter anderem die Verbindungen des amtierenden baden-württembergischen Ministerpräsidenten Günther Oettinger zu einem mutmaßlichem Angehörigen der `Ndrangheta, der versucht habe, den Politiker im Wahlkampf finanziell zu unterstützen (sog. „Pizzeria-Affäre“). Dabei erhält der Leser einen recht detaillierten Einblick in das Finanzsystem der `Ndrangheta und die Gründe, wieso ihre Finanzmacht vor allem für Länder wie die Bundesrepublik ein hohes Risiko darstellt.
Beim Thema Mafia in Deutschland legt die Autorin nicht nur dar, dass die Organisation bereits in der Bundesrepublik Fuß gefasst hat, sondern sie geht vor allem auf die justiziellen Rahmenbedingungen ein, die Deutschland für einen Mafioso (ob untergetaucht oder nicht) attraktiv machen. Die Gegenüberstellung zum italienischen Justizsystem, das im Gegensatz zum deutschen schon vor langer Zeit auf die Bedrohung durch die Mafia reagiert hat, beleuchtet abwechslungsreich einen anderen Aspekt dieser abgegriffenen Thematik.

Lesenswertes „Einsteigerbuch“

Alles in allem stellt das Buch eine gute Einstiegslektüre zum Thema Mafia dar. Es enthält zwar nach Berichterstattungen in Fernsehen und Printmedien, vor allem in Bezug auf die Duisburg-Morde, wenig Neues, aber es fasst das Bekannte gut zusammen. Reski bietet dem Leser ein sehr gutes Gesamtbild über die verwirrenden Strukturen der Mafia, über ihre Organisation, Arbeitsweise und Motivation. Dabei gelingt es ihr, die vielen Orts- und Personennamen so zu präsentieren und zu verknüpfen, dass der Leser auch hier den Überblick behält. Mit Episoden aus ihrem persönlichen Leben und der Schilderung von Einzelschicksalen spricht Petra Reski ihre Leser auch emotional an und verbindet Sachbuch und Belletristik auf gelungene Weise. Ein lesenswertes Buch für jeden Mafia-Laien.

Petra Reski,
Mafia. Von Paten, Pizzerien und falschen Priestern,
(2008), München, Droemer Verlag,
335 Seiten, ISBN 978-3-426-27466-8, 19,95 Euro


Die Bildrechte liegen beim Droemer Verlag.


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