Was wollt ihr eigentlich?

Was wollt ihr eigentlich? Unter diesem Motto trafen sich 150 Frauen und einige Männer beim BarCamp Frauen in Berlin. In verschiedenen Workshops wurden aktuelle feministische Themen und Fragen diskutiert. Schnell wurde klar: Diese Frauen wollen mitreden, gestalten und sich nicht bevormunden lassen. Ein Veranstaltungsbericht von Johannah Illgner

Auch in Zeiten der gesetzlich vorgeschriebenen Gleichberechtigung ist Emanzipation und Feminismus immer noch ein wichtiges Thema, gerade auch für jüngere Frauen. Das zumindest findet Nancy Haupt, wissenschaftliche Mitarbeiterin in der SPD-Bundestagsfraktion und Mitglied der ,Projektgruppe Junge Frauen‘ : „Gerade junge Frauen scheinen gesellschaftlich und politisch – in unserem Fall leider auch innerparteilich – kein Sprachrohr zu haben. Da muss man beziehungsweise frau sich doch nach dem ‚Warum’ fragen.“ Und das tat die vor zwei Jahren entstandene Projektgruppe  und geboren war die Idee zu einer Konferenz für Frauen und ihre Themen, welche 2010 zum ersten Mal veranstaltet wurde. Das diesjährige BarCamp Frauen fand am 15. Oktober 2011 in der Berliner Kalkscheune statt.

BarCamp-Feeling

Die Möglichkeit zum Reden wurde stark genutzt, überall auf dem BarCamp wurde rege diskutiert. Bei der Planung der Sessions und während den Workshops wurde kontroverse Themen und Meinungen erörtert und auch in den Pausen hatten alle stets etwas zu bereden. Diese offene gestaltete Form einer Konferenz, bei der die Veranstaltungen von den BesucherInnen bei Beginn selbst geplant und gestaltet wird, kam gut an, wie sowohl die jungen als auch etwas älteren TeilnehmerInnen berichteten.

Die Themen, über die gesprochen wurde, variierten von „Ehrenmord“, „Frauen auf dem Arbeitsmarkt“, über „Körperbilder“, „Burn Out“, bis zu „Einführung in die feministische Netzpolitik“. Die selbstständige Beraterin für Frauen in Führungspositionen, Anke Domscheit-Berg, erklärte beispielsweise was „Gläserne Decken“ sind und wie frau sich im männerbestimmten Berufsumfeld  stark machen und gegen Benachteiligungen vorgehen kann. Bei ihrem Vortrag „Überleben als Single“ diskutierte Verena Reygers, Autorin bei der Mädchenmannschaft, mit den TeilnehmerInnen über ein Leben als allein stehende Person und damit auftretende Probleme. Die Journalistin Kübra Gümüsay stellte sich als „radikalfeministische Muslimin“ vor und erläuterte dass es trotz aller Vorurteile kein Widerspruch sei, gleichzeitig Muslima und Feministin zu sein.

Berlin schlägt zurück

Die Macherinnen der Seite Hollaback! Berlin leiteten eine Session zu sexueller Belästigung im Alltag. Ein Thema, das selbst hier, im ,sicheren‘ Deutschland, ein Problem für viele junge Frauen ist. So konnten alle über Erfahrungen berichten und die damit einhergehende Angst, Erniedrigung und Verunsicherung. Beschrieben wurden unangenehme Situationen in öffentlichen Verkehrsmitteln oder auch Vorkommnisse in Bars und Clubs. Dieses Angst-haben im öffentlichen Raum, war für die Organisatorinnen der Berliner Hollaback!-Seite der Grund zurück zu schlagen. Auf ihrer Website können sexistische Sprüche und im Alltag erlebte sexuelle Belästigungen, sowie Ort und Zeitpunkt von Vorfällen eingetragen werden, wodurch diese nicht einfach nur mehr hingenommen, sondern virtuell an den Pranger gestellt. So wird zumindest ein Stück weit die Öffentlichkeit zurückerobert.

Das F-Wort

An vielen Punkten wurde deutlich, dass es viele Frauen leid sind sich immer wieder als Feministinnen erklären und verteidigen zu müssen. In der Öffentlichkeit ist Feminismus kein Gewinnerthema und es wird oftmals überhaupt nicht verstanden, was gemeint wird. Dabei scheint die Erklärung zumindest unter den TeilnehmerInnen leicht zu fallen. Zuallererst gibt es nicht den Feminismus, es gibt verschiedenste theoretische Ansätze. Weiter kann der Konsens so zusammengefasst werden, dass jede/r als freie, unabhängige, selbstbestimmte und selbstständige Person leben kann und dies auch so von der Gesellschaft akzeptiert sein soll.

Auf die Nachfrage, was denn Feminismus heute sei, kommt größtenteils eine entsprechende Antwort. Den meisten jungen Frauen ist der Geschlechterkampf fremd, sie kämpfen nicht gegen die Männer, sondern gegen bestimmte ungerechte gesellschaftliche Strukturen und Regularien, die sie bei der freien Entfaltung behindern. Es hat für viele weniger mit Theorie, als mit dem Recht auf ein eigenes selbstbestimmtes Leben zu tun.

Die negative Konnotation des Begriffes und die Stereotypen über Feministinnen können, wenn man seinen Blick durch die Kalkscheune schweifen lässt, in keinster Weise nachvollzogen werden. Anwesend sind hier ganz durchschnittliche junge Frauen. Man vermisst Ökochic genauso wie Stricknadeln und Latzhosen. Der einzige Unterschied zur „Durchschnittsfrau“ könnte sein, dass diese hier sich sehr weitreichende Gedanken gemacht haben, in was für einer Gesellschaft sie leben wollen. Sie wollen eine freiere, gerechtere Welt ohne Beschränkungen auf Grund von Geschlecht oder sexueller Orientierung.

Drei Schritte vor und zwei zurück?

Die TeilnehmerInnen nehmen viel von der Veranstaltung mit. So freut sich eine 2o-jährige Studentin über den Austausch mit anderen und kommt zu der Erkenntnis, dass junge Frauen das Thema Diskriminierung in der Arbeitswelt oft erst zu spät ernst nehmen. Sie kritisiert, dass in der Öffentlichkeit starke Frauen als Vorbilder fehlen. Auch Nancy Haupt ist begeistert über die vielen engagierten TeilnehmerInnen und fordert eine echte Frauenförderung durch die Politik: „Die Zeit der Lippenbekenntnisse ist vorbei, den vielen Worten müssen nun auch Taten folgen. Frauen muss endlich auch real mehr gesellschaftliche Macht gegeben werden.“ Als ein gutes Beispiel für zu viel Herumgerede ohne große Ergebnisse sieht sie das Hin und Her der Regierung bei der Frauenquote.

Der Weg zu einer wirklichen Gleichberechtigung scheint also noch weit, doch überzeugt die Atmosphäre auf dem BarCamp, dass die Gesellschaft voll ist mit vielen beeindruckenden mutigen Frauen, die Missstände kritisieren und Veränderungen wollen.


Die Bildrechte liegen bei BarCamp Frauen.


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