Goodbye, Lenin?

Wer das Wort „Ferienlager” hört, der denkt wahrscheinlich eher an Lagerfeuerromantik als an Militär und Grenzschutz. In „Orljonok“, ganz in Russlands Süden am schwarzen Meer, sieht es etwas anders aus. Man gibt sich regierungsnah, mit einem Hauch sozialistischer Nostalgie. Ein Reisebericht von Luzia Geier

Sechs Tage im größten Ferienlager Russlands sind ein Abenteuer, bei dem einem viele Menschen begegnen, deren Lebensgeschichten Bücher füllen könnten. Zum Beispiel Nikolai, der aussieht wie ein Oppositioneller, zu Sowjetzeiten aber als Inspekteur russische Schulen in Indien und Malaysia unter die Lupe nahm. Oder Anshik, eine von Armeniern adoptierte Russin. Sie hieß einmal Irina, spricht nur gebrochen die Sprache ihrer biologischen Eltern und arbeitet in Orljonok als Putzfrau. An jeder Ecke des Sommerlagers wartet eine andere Lebensgeschichte, die eigentlich erzählt werden müsste.

In Anbetracht der pompösen Wandmosaike, Brunnen und Gebäude wirft selbst die Optik des Sommerlagers schon unzählige Fragen auf. Nicht alle davon können, viele müssen selbst beantwortet werden. Bei dieser Reise wird aber vor allem klar, dass die so gerne als „Ostalgie“ bezeichnete Sehnsucht nach Vergangenem keineswegs nur kitschige Ampelmann-Aschenbecher nach sich zieht. In Russland ist sie vor allem ein ernstzunehmendes Politikum.

Militärspielen für die Kleinen

„Orljonok“ heißt wörtlich übersetzt „Adlerchen“. Es ist der Name eines fünfzehnjährigen Jungen, der einer Legende nach im russischen Bürgerkrieg sein Leben für seine Truppe gab. Jedes der knapp 3500 Kinder im Sommerlager kann diese Geschichte erzählen, sie ist allgegenwärtig. Die Statue des kleinen Adlers befindet sich auf einem zentralen Exerzierplatz. Ein paar Meter weiter blickt dem Besucher überlebensgroß Wladimir Lenin entgegen, dessen markante Gesichtszüge gleich an mehreren Stellen in Orljonok zu finden sind.

Auf die geräumigen Büros der Organisatoren schaut im Gegenzug Dmitri Medwedew hinab, zu dessen Ehren hier auch die Präsidenten-Sportspiele, eine Art nationales Olympia, stattfinden. Voller Stolz stellt die Trainerin einer Kadettenschule aus Stawropol ihre Schützlinge vor. Es bis in die Spiele zu schaffen, erfordert hohe sportliche Leistungen: „Wir hatten vielleicht die strengste Vorauswahl von ganz Russland“, erklärt sie und lässt die Kinder ihren Schlachtruf vorführen.  Der militärische Aspekt gehört ohne Frage zum Credo von Orljonok. Vor dem Teillager „Wachsam“ verläuft im schwarzen Meer die Grenze zur Türkei: hier erhalten elf- bis fünfzehnjährige Teilnehmer eine Grundausbildung im Grenzschutz, natürlich nicht ohne „fachgerechte Betreuung von Erwachsenen“. Das kleine Friedensdenkmal an der Uferpromenade mit der Inschrift „May Peace Prevail On Earth“ wirkt in Anwesenheit der uniformierten Wachmänner ein wenig deplatziert.

Nostalgie für die Großen

Anna ist Fremdenführerin im Sommerlager und kann einiges über dessen Geschichte erzählen. Die meisten Daten und Fakten sind älter als sie selbst. Es gibt insgesamt sieben Teillager, die seit der Gründung Orljonoks im Jahr 1960 dieselben Namen tragen. So erinnert auch „Komsomol“ immer noch an die Jugendorganisation der Kommunistischen Partei. Eine Umbenennung wurde „nie in Betracht gezogen“, antwortet Anna ein wenig verwundert auf die Nachfrage, welche sie völlig unvermittelt getroffen zu haben scheint. Allgemein versucht man in Orljonok, Gesprächsthemen dieser Art eher zu umschiffen – die an einer Tür großräumig angebrachten Buchstaben „CCCP“ gepaart mit Hammer und Sichel werden als „Scherz der Kinder“ abgetan. Bei genauerem Hinhören ist es aber möglich, zwischen den Zeilen zu lesen.

So bezeichnen viele die Betreuer unverblümt noch als „Pioniere“, wobei deren Bekleidung allein schon dementsprechende Assoziationen weckt. Dass einige der Organisatoren bereits selbst als Kinder in Orljonok waren, verwundert kaum. Spricht man über die Vergangenheit, bedauern sie den Zusammenbruch einer funktionierenden Gemeinschaft. Sie reden lieber von Juri Gagarin als von nuklearer Aufrüstung oder Mangelwirtschaft. Wären da nicht die Ipods und Toshiba-Laptops der Kinder, man könnte meinen, eine Zeitreise in die 1980er Jahre unternommen zu haben.

Verzerren statt Verarbeiten

Diese „restaurativen Tendenzen“ schreibt der Schweizer Historiker Andreas Kappeler auch dem Versagen der gegenwärtigen russischen Politik zu, die eine Rückkehr zu „Autoritarismus und Zentralismus“ fördere. Die jüngsten Entwicklungen im Kreml bestätigen diese Theorie – Wladimir Putins Wiederaufnahme der Macht wird zumindest noch nicht mit öffentlichem Protest beantwortet. So wird in Orljonok wohl bald auch wieder er das Gesicht der Präsidenten-Sportspiele sein. Ein kritisches Wort wird man kaum aus irgendeinem Organisator herausbekommen, wenn Medwedew die Bilderrahmen in den Büros verlassen muss.

Stattdessen wird weiterhin die Vergangenheit romantisiert und so der folgenden Generation die Möglichkeit genommen, eine neue, eigene Identität zu entwickeln. Dabei gibt es in Orljonok viele kleine, kluge Köpfe, die durchaus in der Lage dazu wären. Doch zur eigenen Geschichtsbewältigung müssen eben auch deren Schattenseiten aufgezeigt werden. Im Sommerlager scheint man nicht dieser Meinung zu sein. Auf dem Gang vor den Schlafsälen singt ein zwölfjähriger Junge den ersten Vers der sowjetischen Nationalhymne.


Die Bildrechte liegen bei der Autorin.


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